aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Oktober 2009
Selbstbewusstsein in der Beziehung

Wie der Weg in eine erfüllende Liebesbeziehung gelingen kann, beschreibt der Berliner Core-Dynamik Therapeut Dr. Jochen Meier

art291019
Wie wäre es, wenn Sie eines Morgens aufwachen und feststellen, dass Sie in einer richtig tollen Liebesbeziehung leben? Einer Beziehung, die Ihren tiefsten Wünschen entspricht? Sie – ob Frau oder Mann spielt in dieser Geschichte keine Rolle – erinnern sich, wie Sie damals gänzlich spontan und unbekümmert auf diesen Unbekannten zugegangen sind, von dessen warmer Ausstrahlung Sie sich angezogen gefühlt haben. Und wie damit eine wunderschöne Liebesgeschichte begann, in der Sie beide einander entdeckt und viele gemeinsame Vorlieben und Werte festgestellt haben. Sie konnten gut miteinander reden – und schweigen. Sie verbrachten viel Zeit miteinander und erzählten sich Ihre jeweiligen Lebensgeschichten. Sie genossen eine erfüllende Sexualität; auch das Körperliche stimmte. So aufregend dies alles war, so stellten Sie doch nach einer gewissen Zeit verwundert fest, dass Sie – anders als früher – nicht durch einen Rausch der Verliebtheit gingen und dann in einem Zustand der Ernüchterung landeten, sondern von Beginn an in einer neuartigen inneren Ruhe waren, aus der das Leben und Lieben eigenartig einfach und selbstverständlich war. Sie waren im Reinen mit sich, und davon wurde auch Ihre neue Beziehung geprägt. Sie genossen die sich vertiefende Seelenverbindung und den liebevollen Umgang miteinander.


Sie erinnern sich an die ersten Auseinandersetzungen – und auch hier war es diesmal anders als sonst: Sie stellten fest, dass solche Situationen Sie nicht mehr so tief verunsicherten. Sie fanden Mittel und Wege, auf Ihren Partner zuzugehen. Sie erinnern sich gut, wie diese Erfahrungen Sie stärkten: Ihre Beziehung war stabiler als das, was bislang immer die Oberhand gewann. Sie erwarteten ja auch nicht mehr, dass In-Beziehung-Sein einen permanenten Paradieszustand bedeuten würde, sondern Einsatz und vor allem Arbeit an sich selbst. Und Sie hatten Lust darauf. Aber im Unterschied zu früheren Beziehungen spürten Sie nun, dass diese Arbeit Früchte trug: Sie hatten einen Partner gewählt, der mitzog und ebenfalls reifer und unabhängiger werden wollte.


Sie denken an die Jahre, die folgten und manche Herausforderung mit sich brachten. Immer wieder wurden Sie mit alten Zweifeln konfrontiert: „Kann so eine Liebe wirklich halten? Kann ich der Liebe überhaupt vertrauen?“ Doch Sie machten die Erfahrung, dass Ihre Verbindung immer dann, wenn es schwierig wurde, hielt und sogar tiefer wurde. Sie wuchsen an- und miteinander. Sie widerstanden dem Impuls, auszusteigen. Sie hielten inne und gaben sich gegenseitig Raum. Sie fanden heraus, was es brauchte, den nächsten Schritt zu tun. Heute, während Sie an all dies denken, spüren Sie, dass Sie sich in Ihrer Beziehung sicher fühlen. Sie spüren täglich, dass Sie von Ihrem Partner bewundert und geschätzt werden. Und auch Sie bewundern und schätzen Ihren Partner.


Sie denken an vergangene Partnerschaften, in denen Sie unbewusst versuchten, alte Verletzungen auszuagieren. Ohne dass Sie es wollten, waren Ihre Beziehungen von Feindseligkeit, Missgunst und Machtkämpfen geprägt. Schmerzlich erinnern Sie sich an Situationen, in denen Sie von negativen Gefühlen überflutet wurden und keinerlei Handlungsspielräume mehr besaßen. Wie anders ist es dagegen heute: Sie wissen, dass Sie in schwierigen Momenten gelassen bleiben oder sich schnell wieder fangen. Sie vertrauen Ihrer inneren Stärke, die Sie in solchen Situationen trägt. Sie haben gelernt, dass es einen bestimmten Punkt gibt, an dem Sie die Wahl haben zwischen den alten, destruktiven Reaktionsmustern und neuen Umgangsformen, die Sie weiter bringen. Eines Tages erkannten Sie, dass Sie mehr erreichen, wenn Sie Kompromisse schließen. Dass es Sie stärker macht, auf einen möglichen Streit zu verzichten, als ihn zu gewinnen. Ja, Sie haben eine Kultur lustvollen Streitens entwickelt, die Ihre Beziehung frisch hält und sich – nebenbei bemerkt – sehr direkt auf Ihr Liebesleben auswirkt.


Sie haben jetzt nicht nur einen starken Partner an Ihrer Seite, Sie sind selbst ein starker Partner geworden: vertrauenswürdig und verbindlich, konfliktfähig und innerlich beweglich, humorvoll und lebensfroh. Wozu auch gehört, dass Sie sich selbst und auch Ihrem Partner Schwäche ein- bzw. zugestehen können. Irgendwann haben Sie erkannt, dass wirkliche Erfüllung nicht im Außen zu finden ist und dass nicht einmal Ihr Partner sie Ihnen geben kann. Aus diesem Grunde können Sie auch leichter mit sich und den Dingen einverstanden sein. Sie lassen Ihren Partner so, wie er ist und genießen Ihr Alltagsleben weitgehend unbeschwert. Sie geben einander den Raum, den Sie für sich und Ihre eigenen Dinge brauchen, und verbringen mehr Zeit miteinander, als für Ihre gemeinsame Feinabstimmung nötig ist. Und es bereitet Ihnen Freude, die Beziehung zu pflegen.
Sie werden nie den Moment vergessen, als Sie erkannten: „Ja, es ist möglich, harmonisch miteinander zu leben. Und es ist so einfach!“ Mehr und mehr spüren Sie, welche Auswirkungen dies hat: jedes Mal, wenn Sie einen Konflikt gelöst haben, atmet Ihr Umfeld erleichtert auf. Sie erkennen, wie Sie über Ihre „Beziehungskiste“ hinaus mit der Welt verbunden sind, wenn andere Paare Sie fragen: „Wie macht ihr das?“ Sie ahnen, als Paar mit den größeren Dimensionen des Lebens verbunden zu sein, Frieden und Harmonie im Kleinen zu stiften und sie ins große Ganze auszustrahlen. Inzwischen ist Ihnen vertraut, dass es noch mehr gibt als nur Sie beide, das Paar, und dass Ihre kleine Welt nicht die einzige Wirklichkeit in diesem Universum ist. Und Sie spüren darin einen Halt, den Sie nicht von Ihrem Partner, nicht durch Ihre Beziehung und auch nicht durch etwas anderes im Außen bekommen. Sie haben ihn in sich selbst gefunden – und strahlen in nun auch aus. In der Tiefe Ihrer Seele wissen Sie, dass Sie eine Art „Auftrag“ erfüllen, indem Sie als Paar Ihre Liebe zum Blühen bringen. Ihrem Leben geben Sie so Sinn und Erfüllung.


Wenn Sie sich fragen, wie das möglich ist, so wird Ihnen bewusst, dass Ihre Liebe ein Spiegel Ihres Selbst ist. Ihr Partner und Ihre Beziehung spiegeln Möglichkeiten wider, die schon immer in Ihnen angelegt waren und die Sie selbst in sich zur Entfaltung gebracht haben. Sie wissen heute, dass Sie Ihre Beziehungen zu einem großen Teil selbst gestalten und dass Sie Schöpfer Ihrer Wirklichkeit sind. Und Sie wissen, dass Sie sich das Meiste davon selbst verdanken. Sie übernehmen Verantwortung, sorgen für Ihre Entwicklung und nutzen Ihre Wachstumschancen. Sie sind selbstbewusst in Beziehung.


Was glauben Sie, liebe Leserin und lieber Leser, ist das Geheimnis einer Geschichte wie dieser? Was befähigt zwei Menschen, harmonisch miteinander zu leben? Meines Erachtens hat es etwas mit Bewusstheit zu tun, mit Achtsamkeit und intuitivem Verstehen. Aus meinem eigenen Leben sowie aus der Arbeit mit meinen Klienten weiß ich, dass wir erstaunliche Entwicklungen erleben, wenn wir diesen Weg gehen. Manchmal allmählich, manchmal sprunghaft; meist aber bedeutend größer und schneller, als wir uns dies vorstellen. Meine Erfahrung ist: Wenn wir uns auf das Heilsame als unser eigentliches Potenzial ausrichten, erleben wir auch heilsamere Beziehungen. Mit der CoreDynamik setze ich eine erfolgreiche und wissenschaftlich fundierte Methode der Persönlichkeitsentwicklung ein, die in Berlin bislang noch nicht sehr bekannt ist. CoreDynamik wurde von ihrem Begründer, Dr. Bernhard Mack, unter anderem eigens dafür geschaffen, erfüllende Liebesbeziehungen zu ermöglichen. In der Arbeit mit der CoreDynamik wird unser größtes Potenzial, unsere Liebesfähigkeit, direkt aktiviert. So können wir eigene Ressourcen mobilisieren, deren Vorhandensein uns bisher noch nicht bewusst war. Und wir erkennen, dass wir selbst eine ganze Menge dafür tun können, um in unseren Beziehungen die Erfahrungen zu machen, nach denen wir uns schon lange in der Tiefe unseres Herzens gesehnt haben.

Nullpunkt setzen

Das ist eine Übung, die sich immer wieder als heilsam erweist. Man kann sie alleine machen mit sich selbst, zu zweit oder in der Gruppe. Man kann sie ganz kurz machen oder als ein ausgedehntes Ritual über mehrere Stufen.


1. Ich würdige, was ist, zum Beispiel mein problematisches Verhalten in einem akuten Konflikt. Wofür benutze ich dich gerade? Was sollst du mir geben, das ich mir selbst verweigere? Was projiziere ich auf dich, das ich an mir selbst nicht wahrhaben will? Was fresse ich in mich hinein, das nichts mit mir zu tun hat?


2. Ich erkenne meine Defizite. Ich würdige mein Unvollkommensein. Ich verurteile mich nicht. Was bin ich bereit zu opfern? Von welchen falschen Glaubenssätzen/Verhaltensweisen will ich mich verabschieden?


3. Ich setze den Nullpunkt. Ich übernehme Verantwortung und verspreche mir/dir, die alten Vorwürfe/Verhaltensgewohnheiten nicht mehr zu wiederholen. Ich höre auf mit den alten Geschichten, Selbstbegrenzungen und Konzepten. Ich gestatte meinen destruktiven Seiten nicht länger, mein Leben / unsere Beziehung zu vergiften. Zum Beispiel: Ich drücke dir nicht mehr meine Unzufriedenheit mit mir selber auf. Oder: Ich verzichte darauf, dir Vorwürfe zu machen. Ich schaue mir an, was es mit mir zu tun hat und teile dir dann meine echten Bedürfnisse mit.


Wird diese Übung ernsthaft praktiziert, so entfaltet sie eine enorme Kraft. Nichts macht uns unabhängiger und stärker, als auf negative Worte oder Handlungen zu verzichten. Wo das Negative unterbleibt, tritt das Positive ganz von selbst zum Vorschein und es entstehen Vertrauen, Nähe und Verbundenheit.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.