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Ausgabe Oktober 2009
Die Kunst ein Paar zu sein und zu bleiben

In der Paarbeziehung bestimmte Geisteshaltungen zu kultivieren ist in mehrfacher Hinsicht hilfreich: Was uns am Anfang unserer Beziehung noch leicht fiel, erfordert im Laufe der Zeit und der Jahre natürlicherweise einfach eine gewisse Pflege.

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Von Katja Kaiser - mit freundlicher Genehmigung aus ihrem neuen, im September erschienenen Buch: Die Liebe ist das Allerwichtigste.

In meiner therapeutischen Arbeit und in meinem privaten Leben spielt die Liebe natürlich eine zentrale Rolle. Um Antworten auf dringliche Fragen im Alltagsgeschehen oder in Zeiten von Auseinandersetzungen oder Krisen zu finden, die dem einzelnen Menschen, dem Partner und der Partnerschaft selbst zugute kommen, setze ich zumeist sehr lösungsorientiert an. Leitend für das Finden einer Antwort ist also für mich die Frage: Was braucht es jetzt, damit sich eine Lösung findet, die für mich, den Partner und für die Beziehung das größtmögliche Wachstum bringt?
Wir wissen oder ahnen es zumeist doch alle, dass die Liebe zwischen uns als Paar das Allerwichtigste ist, und wir wissen oder ahnen es auch alle, dass auf dieser Basis ohnehin schon der Samen für eine Lösung oder – anders ausgedrückt – für die Entwicklung oder das Wachstum enthalten ist.
Das heißt: Ist die Liebe zwischen dem Paar vorhanden, dann liegt darin auch schon die Lösung – als Samen.
Meiner Erfahrung nach braucht es in einer Partnerschaft, da sie auf der Liebe basiert, nur einige Kurskorrekturen, die unserem Geist so fremd nicht sind. Deshalb fällt es auch meist nicht schwer, sie zu begreifen und sie dann in unser Leben zu integrieren.
Frisch verliebt, präsentiert sich uns das Leben von seiner leichten Seite. Reibungen scheint es anfangs kaum zu geben, oder wir sehen großzügig über manches hinweg. Berauschendes Glück zu Beginn einer neuen Beziehung führt dazu, dass wir uns bemühen, uns von unserer Schokoladenseite zu präsentieren. Wir sind aufmerksam, liebevoll, zuvorkommend, tolerant und rücksichtsvoll und voller Bewunderung für den anderen. Wir versuchen, unserem Liebsten oder unserer Liebsten alle Wünsche von den Augen abzulesen, und lassen uns von dem, was wir in ihn oder in sie hineinlegen, faszinieren, begeistern und beglücken. Da dies ein wechselseitiger Prozess ist, geschieht dasselbe bei unserem Gegenüber. Wir fühlen uns glücklich und vom Leben verwöhnt: Endlich ist jemand da, der uns begehrt und uns auf Händen trägt. Die Gefühle füreinander sind meist in erster Linie sehr positiv, und manchmal erkennen wir uns selbst nicht wieder, weil wir plötzlich treu sind, unsere eigenen Bedürfnisse zurückstellen und mit dem anderen teilen können, was wir vorher nur für uns haben wollten. Vielleicht passiert es uns auch, dass wir es kaum abwarten können, von der Arbeit zum anderen nach Hause zu kommen, anstatt wie früher gerne und häufig Überstunden zu machen.

Da aber auch die Zeit für Verliebte nicht stehen bleibt, wandelt sich der Zustand des Verliebtseins früher oder später, und wir finden uns wieder in einer Paarbeziehung, die mit all ihren Herausforderungen unsere Aufmerksamkeit fordert. Dann ist es besonders die Bewältigung des Alltags, bei der wir uns Tag für Tag mit Fragen auseinandersetzen müssen. Es geht dann darum, wer die Kinder zur Schule bringt, wer abwäscht und wer den Müll runterträgt oder wer das Bad putzt und wer die Blumen auf dem Balkon gießt oder den Rasen mäht. Darüber hinaus müssen wir gemeinsam auch kritische Lebensereignisse meistern, sowohl vorhersehbare, wie z.B. den Tod der kranken Schwiegermutter oder die Lehrstellensuche für unseren Sohn, als auch unvorhersehbare, wie den plötzlichen Tod des Bruders oder den Verlust des Arbeitsplatzes.

Dieser Prozess von der Verliebtheit hinein in die Alltäglichkeit der Paarbeziehung ist meist ein allmählicher. Schleichend also werden wir mit den Anforderungen des Lebens konfrontiert, die uns wieder zurückwerfen auf die eigenen Unzulänglichkeiten und – neu hinzukommend – auf die Unzulänglichkeiten des anderen. Früher oder später werden wir dann feststellen, dass die anfänglichen Quellen der Freude langsam versiegen und wir allmählich unsere Großzügigkeit dem Partner gegenüber verlieren, über etwas hinwegzusehen.

Wir fangen an zu kritisieren, zu fordern und zu wollen, und wir werden ungeduldiger, intoleranter und launischer, wenn der Partner nicht wie zu Beginn der Beziehung sofort und ohne dass wir ihn fragen müssen, überall zur Seite steht. Es entstehen Reibungen, und unsere Gegensätzlichkeiten werden manifester, weil auch unser Partner wieder in den Fängen des Alltags ist und auch seine anfängliche Toleranz, Leichtigkeit, Geduld und Unbekümmertheit schwindet. Ernüchtert stellen wir jetzt fest, dass wir auch in dieser Partnerschaft nichts so einfach geschenkt bekommen.
Und wieder einmal erleben wir, dass Liebe und Leid zusammengehören. Denn es ist die Liebe selbst, die uns drischt, uns schleift, uns knetet, damit wir das Geheimnis unseres Herzens kennenlernen. Und es ist die Liebe selbst, die von uns gepflegt werden will. Eine solche Sichtweise kann uns dazu verhelfen, dass wir die Beziehung – bzw. den anderen – nicht als einen Reinfall betrachten, wenn wir mit der Andersartigkeit des Partners konfrontiert werden, sondern unsere Beziehung als eine Herausforderung lesen, um uns – als Ich und als Du und als Wir – weiterzuentwickeln.
Gerade hier wäre es schade, dem Ende der Verliebtheit nachzutrauern, anstatt das entzündete Feuer jetzt wirklich zu nutzen.
Gerade hier wäre es schade, über das, was jetzt an Reibung da ist, zu resignieren, anstatt hier das Potential weiter auszuschöpfen, das in uns selbst und dem anderen und in dem Wir hinsichtlich einer guten Beziehung schlummert und entwickelt werden möchte.
Hier wäre es schade, die Beziehung abzubrechen oder aus dieser ausbrechen und sich jetzt oder später auf einen neuen Menschen einlassen zu wollen.
Und gerade hier wäre es wunderbar, wenn wir die anfänglich guten Seiten, die bei uns selbst und beim anderen zutage getreten sind, als Samen betrachteten, die wir am Anfang gesät haben. Ob das Gute Früchte trägt, das liegt zu einem hohen Maße an uns selbst.

Um in den Herausforderungen, die uns also im Alltag der Partnerschaft begegnen, das Potential zum Wachstum zu sehen, braucht es bestimmte Geisteshaltungen, die kultiviert werden sollten. Sie sind wie das Wasser, das der Samen braucht, um zu gedeihen. Die Kultivierung muss allerdings von beiden Seiten kommen. Auf dieser Basis gilt es, sich kontinuierlich selbst zu beobachten, sich zu hinterfragen und sich gegebenenfalls zu verändern, anstatt die Fehler immer beim anderen zu sehen. In der Paarbeziehung bestimmte Geisteshaltungen zu kultivieren ist in mehrfacher Hinsicht hilfreich: Was uns am Anfang unserer Beziehung noch leicht fiel, erfordert im Laufe der Zeit und der Jahre natürlicherweise einfach eine gewisse Pflege.

Nach meiner eigenen Erfahrung haben sich besonders folgende Geisteshaltungen, die auch in vielen spirituellen Traditionen eine wichtige Rolle spielen, als grundlegend und wichtig für eine moderne, wachstumsorientierte Paarbeziehung herausgestellt: Achtsamkeit, Dankbarkeit, Wertschätzung und Vergebung. Deshalb sollten wir in unserer Partnerschaft üben, achtsam zu sein, dankbar zu sein sowie einander wertzuschätzen und einander zu verzeihen.

Buchtipp:
Katja Kaiser, Die Liebe ist das Allerwichtigste - Die Kunst ein Paar zu sein und zu bleiben, 192 S. Broschur,
ISBN: 978-3-89901-216-3, J.Kamphausen, €16,95,
weitere Information unter www.katja-kaiser.de


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