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Ausgabe September 2009
Die Kunst der Wahrnehmung

Die Chiron Schule bildet seit 25 Jahren Menschen in der Heilkunde der klassischen Homöopathie aus und seit 10 Jahren ist Mareen Muckenheim die Leiterin. In einem Gespräch mit Haidrun Schäfer spricht sie über die Kunst, eine gute HomöopathIn zu sein.

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KGS: Was lernen die Menschen, die sich für die Chiron-Schule entscheiden?

Mareen Muckenheim: Wir unterrichten ausschließlich klassische Homöopathie. Aber da ich auch Psychologin und Körperpsychotherapeutin bin, fließen Informationen aus diesen Gebieten zur Anamneseführung und Prozessbegleitung mit ein.
Für mich ist in der Unterrichtsvermittlung der klassischen Homöopathie einer der großen Schwerpunkte die Kunst der Wahrnehmung. Priorität hat die genaue Wahrnehmung meines Gegenübers. Aber mein Gegenüber kann ich nur wahrnehmen, wenn ich weiß, wer ich selber bin. Was ich versuche zu vermitteln, ist die Zurücknahme der eigenen Persönlichkeit. Als TherapeutIn spielt meine Persönlichkeit keine Rolle. In der homöopathischen Anamnese nehmen wir uns als Person mit unseren individuellen Bedürfnissen oder Erwartungen ganz und gar zurück. Das erweitert die Möglichkeit der Wahrnehmung. Trotzdem gibt es so viele blinde Flecken, vor allem, wenn wir uns selber noch nicht begegnet sind. Dann weiß ich nicht, wo meine blinden Flecken liegen und habe Erwartungen, Vorurteile und Konzepte im Kopf. Ich glaube, dass man das zum Mensch sein in dieser Welt auch ein Stück weit braucht. Man sollte aber wissen, dass man das hat und sich darüber klar sein, wo das eigene Konzept anfängt. Hahnemann lehrt im Organon, dass wir vorurteilslos sein sollen. Vorurteilslos heißt, dass ich noch nie ein Urteil hatte. Vorurteilsfrei würde für mich heißen, dass ich mich davon frei gemacht habe – ich hatte eins, habe es mir aber bewusst gemacht und mich davon befreit. Hahnemann geht noch weiter, indem er voraussetzt, dass wir erst gar kein Vorurteil haben. Ein großes Ziel, aber schwer umzusetzen. Seiner Lehre nach sollten wir uns mit allen Sinnen den Patienten widmen und dazu gehören die Ohren, die Augen und teilweise auch die anderen Sinnesorgane. Es geht darum, Gestik, Mimik, Körperbewegungen und auch die Atmung des Patienten wahrzunehmen. Atmung ist immer Träger der Emotion und wenn sich die Atmung verändert, kann sie deutliche Hinweise geben. In der Ausbildung wird all das verbal vermittelt, aber das zu lernen und zu üben ist hier nur in einem begrenzten Umfang möglich.


Wie kann das eine Ausbildung zum Homöopath leisten?

Ich empfehle den Studenten immer, parallel zu der Ausbildung auch an sich zu arbeiten und da speziell MBSR – mindfulness based stress reduction – zu nutzen. Diese Methode hat der Amerikaner John Kabat-Zin begründet, in der er die Vipassana-Meditation aus dem Buddhismus mit westlichen Heilungsansätzen verbindet. Wichtig ist, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinander zu setzen. Das kann auch eine gute Psychotherapie sein, um sich der eigenen blinden Flecken bewusst zu werden. Im zweiten Jahr der Ausbildung arbeiten wir mit chronischen Patientenfällen und dann kommt es zwangsläufig zu Interpretationen: „Das hat er doch aufgrund der dominanten Mutter“ oder „bei dem Vater muss er doch das Symptom entwickeln“ etc. Aber das sind Schlussfolgerungen, die stimmen so einfach nicht. Erstens sind die Sozialisationstheorien der 70-iger Jahre definitiv überholt und zweitens schert sich z.B. ein Sulfurkind einfach nicht um so eine dominante Mutter und macht trotzdem, was es möchte. Aber ein Silicea- oder Pulsatillakind entwickelt unter den gegebenen Umständen individuelle Fluchtwege. Für mich ist auch eine Neurose eine kreative Lösung, um mit einer bestimmten Situation zu recht zu kommen. Ich habe durchaus viel Respekt davor, denn es ist ein Überlebenstrick. Das Bewusstmachen dessen, was ich an einem Patienten interpretiere, kann ich am „Papierfall“ schon ein Stück weit üben. Symptome, die typisch für eine Erkrankung sind und auch in der Schulmedizin zur Klassifizierung gelten, um z.B. Scharlach oder Masern zu erkennen, sind in der Homöopathie unwichtig, weil wir hier ja nach individuellen Symptomen suchen nach dem § 153 „Was ist sonderlich, eigenheitlich und charakteristisch als Phänomen?“ Homöopathie ist eine phänomenologische Heilkunst ohne Interpretation. In einer homöopathischen Anamnese muss ich mich immer auf das Besondere und das Individuelle stürzen – egal, ob jemand Schnupfen, Morbus Krohn oder Depressionen hat. Ein Schwerpunkt bei der Ausbildung liegt also auf dem Fokus der Wahrnehmung des Patienten: Was ist das Besondere? An dieser Stelle merken die Studenten, dass sie durchaus nicht urteilsfrei sind, sondern dass bestimmte Interpretationen kommen. Dann kommt es zu sehr lebhaften Diskussionen. In diesem Unterrichtssegment ist es mir wichtig, dass die Studenten lernen, eine Begrifflichkeit und Einordnung zu finden, die über die Symptomatik hinausgeht. Und dazu müssen die eigenen Wertmaßstäbe relativiert werden.


Wie wird das praktisch bewerkstelligt?

Praktisch wird Anamnese in Dreiergruppen geübt: Einer ist Patient, einer Therapeut und einer Beobachter und das als rotierendes System. Dabei werden natürlich grundlegende Kommunikationsregeln erlernt. Dann gibt es eine Unterrichtseinheit, die nennt sich „Interaktion Behandler-Therapeut“, in der die Frage im Mittelpunkt steht: „Wie gehe ich als Therapeut mit einem Patienten um?“ Es gibt ja durchaus Wünsche, die Patienten an uns stellen. Oder Forderungen. Wenn z.B. jemand am Telefon die Frage stellt: „Ich habe das und das. Haben Sie damit Erfahrungen?“ In der Homöopathie brauchen wir keine Erfahrung der Erkrankung, denn es geht immer um das Individuelle eines Menschen. Der Erfahrungshorizont besteht bei einem Homöopathen nicht im Speziellen und nicht im Pathognomonischen oder Krankheitsspezifischen, sondern darin, dass wir das Gegenüber so vollständig wie möglich wahrnehmen – jenseits der Krankheitssymptome.


Wie gewichten Sie die Wahrnehmungsfähigkeit zu dem fachlichen Wissen?

Es ist paritätisch. Gute Arzneimittelkenntnis ist unerlässlich. Das eine ist das Anamnesegespräch, in dem ich alles in Erfahrung bringen möchte, was mein Gegenüber bewegt, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. Das andere ist, herauszufinden, was ihn in der tiefsten Tiefe bewegt. Die neuste Richtung in der Homöopathie geht dahin, so tief wie möglich zu gehen und dann kommt man an eine Empfindung, die sich durch alle möglichen Lebenssituationen hindurch zieht. Das gilt es als Therapeut wahrzunehmen – völlig urteilslos. Und erst danach mache ich meine Bezugsgrößen auf und werte die Ergebnisse. Es gibt also verschiedene Standbeine. Zu Beginn brauchen wir die Wahrnehmungsfähigkeit, die ich im Moment der Anamnese benötige – die Kunst in der Anamnese sowohl in der Sprachführung als auch in der Wahrnehmung. Dann ist es wichtig, DIE Arznei zu finden, die wirklich dieser tiefen Empfindung und dem, was ich wahrgenommen habe entspricht und wie ich erkenne, nach § 3 Organon, was ist denn das zu Heilende an dem Patienten? Darüber muss ich auch eine Vorstellung gewinnen.


Wie bewerten Sie Ihre Beteiligung an dem Heilungsprozess im Vergleich zu dem, was der Klient leistet?

Meine Beteiligung am Heilungsprozess liegt einzig und allein darin, dass ich mich als menschliches Werkzeug einsetze, um den Patienten so gut wie möglich wahrzunehmen und dass ich meine Arzneikenntnis so gut wie möglich nutze. Und dadurch, dass ich erkenne, wo der Patient steht, bin ich in der Lage, die richtige Arznei zu finden. Ich sehe mich als therapeuion – als Brückenbauer zu der eigenen individuellen Entwicklung. Ich sehe meine Aufgabe überhaupt nicht darin, irgendwelche Ratschläge zu erteilen, sondern mein Ethos sowohl als Therapeutin als auch im Unterrichten ist, dass ich helfe, den Patienten zu ihrem eigenen Weg und zu ihrer eigenen Persönlichkeit zu finden. Ich selber tue relativ wenig, außer in der Form der Klarheit meines Denkens, aber niemals würde ich Ratschläge erteilen, sondern wenn, dann höchstens in dem Duktus von „man könnte...“.


Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.



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