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Ausgabe September 2009
Die Weisheit des Klienten

Auch Heilkunst muss demokratisch sein, meint Andreas Krüger, seit 30 Jahren als Homöopath und Leiter der Samuel-Hahnemann-Schule tätig. Haidrun Schäfer hat ihn zu diesem Aspekt unseres Themas näher befragt.

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Andreas Krüger ist Heilpraktiker und lehrt prozess-orientierte Homöopathie, personale Arbeit am Leib, Ikonen der Seele (Aufstellung), neoschamanische Heilkunst. Er ist Schulleiter der Samuel Hahnemann Schule, Berlin.


KGS: Sie haben in einem früheren Gespräch einmal davon gesprochen, dass ein Heilverfahren entweder nach demokratischen oder nach Herrschaftsmustern verläuft. Wie sieht die gängige Praxis Ihrer Meinung nach aus?

Andreas Krüger: Man kann sagen, dass unsere Heilkunst – ob schulmedizinisch oder naturheilkundlich – heute Strukturen aufweist, die man als autoritär oder sogar als diktatorisch bezeichnen könnte. Wenn wir zu einem Arzt oder Heiler gehen, tragen wir unser Leiden vor und dann wird durch Laborwerte oder Pulsdiagnose oder Intuition eine Diagnose gestellt und festgestellt, in welchem Zustand sich das Herz befindet und ob derjenige im Widerstand ist und was er noch essen darf. Es gibt Aufsteller, die in einer Familienaufstellung jemanden anweisen, sich hinzuknien und seinen Vater zu ehren und wenn derjenige in dem Moment meint, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist, wird er mit einem „dann stirb!“ verurteilt.
Auch bei Astrologen habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht: „Bei deinem Mars-Steinbock kannst du es vergessen, irgendwann einmal in deinem Leben eine Führungsposition einzunehmen“ oder „Doppelkrebse leben sowieso nur in einer Traumwelt“ – was habe ich schon alles für Zustandsbeschreibungen bekommen, warum das und daran nichts zu ändern sei. Bis hin zu der Aussage während einer wirklich schweren Krankheitssituation: „Die Ursache deines Krankseins ist, dass du dein Schicksal nicht annimmst. Und solange du das nicht annimmst, wirst du krank bleiben.“ Das ist für mich bestenfalls autoritäre Medizin. In der Schulmedizin ist es die tägliche Praxis, aber selbst in der Naturheilkunde ist es gängige Praxis. Auch mit Homöopathie oder Aurasehen oder Pulsdiagnose kann man gewalttätig und diktatorisch Therapie betreiben. Je ängstlicher ein Heiler ist, desto stärker ist sein Verlangen, seine Unsicherheit durch Dogmatik zu kompensieren. Ich habe das früher sicher auch gemacht, als ich noch unsicher war. Ich habe den Menschen auch erklärt, wie sie sind und wie sie wieder heil werden können. Vielleicht verdanke ich es meinem Alter, aber diese Position habe ich völlig aufgegeben und ich will auch nicht mehr, dass man mich so behandelt. Wenn ich zu einem Heiler gehe und der sagt, dass alles daran liege, dass mein Herz nicht offen sei, dann sage ich heute, dass ich mir das verbitte.
Tugendhafte Heilkunst ist eine demokratische Heilkunst. Sie geht davon aus, das alles Wissen beim Klienten liegt und dass es eigentlich darum geht, dieses Wissen und diese Weisheit des Patienten um sein Unheil und um sein Heilwerden sichtbar werden zu lassen. Darum ist die Samuel Hahnemann Schule eine testende Schule und wir bieten jedem Schüler in seiner 3 jährigen Ausbildung an, mindestens ein Testverfahren zu erlernen, was wiederum seinem Energiesystem ähnlich und von ihm anwendbar ist. So hat jeder unserer Schüler die Möglichkeit, jenseits vom eigenen Ego und eigener Dogmatik direkt die Weisheit des Klienten abzurufen und dieser Weisheit - und nur ihr - zu dienen .
Ich würde mich als Lehrer schämen, wenn ich höre - und leider höre ich es allzu oft -, dass meine Schüler später in ihren Praxen zu ihren Patienten Sätze sagen wie: „Wenn du es nicht machst so wie ich es sage, dann wird es dir schlecht ergehen, ich bin der wissende Heiler und du der kranke, unwissende Patient, dein Herz ist zu, dein Leben ist eine Lüge“... und was es sonst noch an gewalttätiger Heilerterminologie gibt.


Was meinen Sie mit demokratischer Medizin?

Ich meine das im besten Sinne der Worte demos und kratos – alle Macht kommt vom Volke her – und mein Volk ist der Klient. Ich weiß nicht, warum er krank ist und ich weiß auch nicht, wie er wieder gesund wird. Ich kann mich bestenfalls mit ihm gemeinsam auf die Suche machen und ich kann eine innere Haltung einnehmen, dass alle Weisheit beim Klienten liegt. Das ist für mich die Grundmaxime einer demokratischen, heilerischen Haltung. Der Therapeut sollte völlig loslassen – obwohl es so verführerisch ist, dass wir mehr wissen, weil wir die Aura sehen, die Meridiane testen können oder das Horoskop kennen. Ich glaube – und das ist die Erfahrung von 30 Jahren Heilerdasein und inzwischen auch fast so lange Lehrer sein – dass es viel mehr darum geht, was ein Therapeut einmal ungefähr in diesem Sinne formuliert hat: „Der Therapeut soll zu einem Gefäß oder einer Schale werden, in die sich die Seele des Klienten hineinergießen kann, um sich selbst zu schauen.“ Das ist ein phänomenaler Satz. Ausschlaggebend ist die Haltung und das ist etwas, was wir in den drei Jahren Ausbildung unseren Schülern vermitteln wollen: Begegnet eurer Angst, begegnet eurer Verzweiflung, begegnet eurer Hilflosigkeit. Nehmt sie an und ehrt sie. Dann müsst ihr nicht den dicken Max in der Praxis machen. Mein Lehrer Matthias Varga von Kibed hat einmal gesagt: „Unsere wichtigsten Verbündeten sind unser Nichtwissen, unsere Hilflosigkeit und unsere Verzweiflung“, denn sie schützen uns vor therapeutischem Hochmut. Und dieser Hochmut ist für mich schon nach der Definition von Marshall Rosenberg Gewalt. Die kann man als Homöopath, als Astrologe, als Psychotherapeut und als Hellseher ausüben.
Egal, welche Therapiemethode ich betreibe, ich sollte immer aus einem tiefen Gefühl der Gewaltfreiheit und der Ehrung der Kompetenz und der Weisheit des Klienten handeln. Ein absoluter Schwerpunkt bei der Ausbildung in der Samuel-Hahnemann-Schule liegt auf der Entwicklung von Methoden, um die Weisheit des Klienten selbst zu befragen. Das fängt damit an, dass man die Gefühle des Patienten sehr ernst nimmt und ihn als erstes befragt, was seine Idee ist. Es gibt einen Königsweg, in dem sich die Seele des Klienten uns offenbaren kann – sein Traum. Ein Traum ist ein wunderbarer Weg, in dem sich die Seele des Patienten in ihrer unendlichen Kompetenz ausdrücken kann.


Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Neulich kam eine Schülerin zu mir und erzählte, dass sie einen ganz wichtigen Traum hatte: Rosina Sonnenschmidt - eine der größten medialen Lehrerinnen Deutschlands - sagte ihr, sie solle Sulfur nehmen. Jetzt war sie unsicher, denn ich hatte ihr in der Woche zuvor zu einem anderen Mittel geraten. Aber angesichts dieser Situation war ich mir ganz sicher: Ihre hohe innere Heilerautorität Rosina Sonnenschmidt sagte ihr, dass sie dieses Mittel nehmen soll. Und ich verlasse mich mehr auf die innere Weisheit dieser Schülerin als auf mein erlerntes Wissen.
Es gibt unendlich viele Methoden, die innere Wahrheit oder die Lebensenergie zu befragen – sei es die Radionik, die Kinesiologie, der Beinlängentest oder unterschiedliche schamanische Orakel. Diesen Ansatz versuchen wir an der Schule immer weiter zu vervollständigen. Auf unserer Website gibt es einen Fragebogen, wo wir alle gängigen Therapieverfahren, die es irgendwann einmal in unserem System gegeben hat, aufgelistet haben und wo es ein gutes Dutzend Tester gibt, zu denen der Klient gehen kann und der die innere Weisheit des Klienten befragt. Der Tester geht den Plan durch und schreibt so etwas wie einen Kurplan.
Nur, dass es nicht der Tester ist, der den Plan schreibt, sondern der Klient selbst. Zusätzlich kann man abfragen, wie wichtig es ist, ein Geburtshoroskop erstellen zu lassen oder wie wichtig Qi Gong Übungen sind oder wie wichtig es ist, sich beim Krüger traumorientiert behandeln zu lassen. Wenn der Krüger Demokrat ist, wird er alles vergessen, was er meint, was der Patient braucht, sondern wird den Patienten so behandeln, wie er es will. Es verlangt eine Haltung, die besagt: Ich bin Diener. So sollte die innere Haltung eines jeden Therapeuten sein: Ich bin der erste Diener der tiefen Weisheit meines Klienten. Das ist demokratische Medizin und diese Haltung ist für mich die tiefste Kompetenz eines Heilers. Ich glaube, dass die Therapiemethode eher sekundär ist, sondern dass das Primäre die demokratisch Haltung des Therapeuten ist, seinen Patienten zu Autonomie und Freiheit zu führen.


Ich danke Ihnen für einen weiteren Einblick hinter die vielen Türen der Samuel-Hahnemann-Schule.



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