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Ausgabe Juli 2009
Musik, die in die Stille führt

Al Gromer Khan, der international bekannte Pioneer der spirituellen Musik, spielt ein klassisches indisches Nachtkonzert auf dem 5.Yoga Festival in Kladow (Berlin).




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Al Gromer Khan lebte in seinen frühen Jahren in London, Tanger und Indien. Zeitweise besuchte er eine Londoner Kunstschule.
Später folgte jahrelanges Studium und Üben der indischen Musik bei namhaften Sitarmeistern wie Imrat Khan, Roshan Jamal Bhartiya und Rais Khan. 1975 wurde er in die Vilayat Khani Gharana, das berühmte indische Musikhaus von Sitarspielern aufgenommen.
In Indien kam er in Kontakt mit heiligen Männern und Yogis. Er kehrte in den späten 1970-er Jahren nach Deutschland zurück und war in Projekten kontemplativer und Welt-Musik für Radio, Fernsehen und Schallaufnahmen beteiligt. 1981 zog er sich für 10 Jahre zu spirituellen musikalischen Studien und Übungen zurück. Nach dieser Periode begann er seine Paisley Music zu entwickeln, einen kontemplativen Ambient Musikstil. Als inspirierende Einflüsse nennt er Satie, John Cage, Joseph Beuys und Vilayat Khan. Neben Komposition und Aufnahmen gibt er wie hier Konzerte in klassischer indischer Musik. Er schreibt und arbeitet auch mit visueller Kunst.


Im Folgenden ein Gespräch mit Al Gromer Khan über seinen persönlichen Weg, seine Musik und sein Konzert in Berlin.

Kgs: Al, wie bereitest du dich auf ein Konzert wie in Berlin auf dem Yogafestival vor?

Es ist relativ leicht, Musikstücke einzuüben und vor Publikum aufzuführen. Es ist nicht so leicht, durch Musik die geistige Frequenzebene zu ändern - bei sich selbst und den Hörern.

Dies benötigt eine gewisse Grundvoraussetzung, mit der man in dieses Leben gekommen ist, weiterhin die entsprechende Ausbildung, Begegnungen, tägliche Übung, im Laufe von Jahren, Jahrzehnten. Der Unterschied liegt darin, die Hörer von seelischem Müll zu entlasten, statt ihnen mehr aufzubürden.

Meine Musik ist Raga-Musik, d. h. hermetische Trance-Musik, keine Unterhaltungsmusik, welche dem Ego dient. Meine Musik basiert auf der Stille und macht sie gleichzeitig bewusst erlebbar.

Ich bereite mich durch sorgfältige Auswahl der Ragas auf eine Aufführung vor, indem ich telepathische Fähigkeiten einsetze, im Anschluss andere Komponenten - Kleidung, Schmuck, Parfüm - dazu passend wähle, um eine Wirkung auf alle Chakras zu gewährleisten.

Was beabsichtigst du mit deiner Musik?

Es gibt nichts zu vermitteln in meiner Musik: Die Musik selbst ist die Botschaft. Das Ziel ist, wie gesagt, stets, die Frequenzebene hin zu einer Art exquisitem Zustand zu bekommen. Wer Ohren hat, wird hören.

Wie kamst du zur Musik?

AGK: Als Kind entwickelst du spirituelle Neigungen mehr oder weniger automatisch, entsprechend der karmischen Struktur, die du zu deiner Geburt mitgebracht hast. In meinem Fall war es eher der KLANG als die Musik, was mich faszinierte. Ich wuchs in einem kleinen Dorf am Rande der Alpen auf. In jener Zeit gab es da kaum motorbetriebene Maschinen und wenige Einwohner. Es gab Platz da und die Geräusche des Dorfes, die „Musik” für mich als kleinen Jungen darstellten: ein kleiner Kirchenchor, der abends Lieder probt, der Hall des Amboss, die Kirchenuhr welche die Stunden schlägt, hin und wieder ein bellender Hund, der Wind, Donner, Regen, das Sirren der Telefon-leitungen im tiefen Winter. Da gab es einen Baum, eine Douglasie, der stand an einem bestimmten „strategisch“ idealen Platz oben auf einem kleinen Hügel unweit eines Kiefernwaldes. Ich kletterte gern in diesen Baum, um die schneebedeckten Berge in der Ferne zu sehen und um dem Wind in den Zweigen zuzuhören. Es gab soviel Raum in jenen Tagen – psychisch und anders – und du konntest gehen und verweilen und dich mit deiner Seele verbinden.

Du hast eine Ausbildung als Musiker auf unterschiedlichen Instrumenten?

AGK: Als Teenager in einer Internatsschule war ich fasziniert von der Popmusik der damaligen Zeit: Country, Skiffle, Cool Jazz. Dann lernst du Gitarre spielen und passt dich dem an, was gerade angesagt ist, bis zu einem gewissen Grad... Jedoch waren die Eindrücke von abstrakten und natürlichen Geräuschen, den Klängen meiner Kindheit, zu stark, um mich ernsthaft ablenken zu lassen. Die Faszination des Klanges selbst, das was du tatsächlich spüren kannst, wenn du vollständig entspannt bist – den Naad – hat mich nie wieder losgelassen. Du suchst dann diese Erfahrung, immer wieder und wieder und versuchst, eine Art Musik zu machen, die dies wiederbringt, besser gesagt, hervorruft. Später in meinem Leben war ich sehr froh, dass qualitativ hochwertiges elektronisches Sampeln zur Verfügung stand, weil sich damit die Möglichkeit eröffnete, den Klang entsprechend der eigenen intuitiven Vorstellung zu manipulieren. Und durch den Einfluss von Ustad Vilayat Khan, dem indischen Sitar-Meister, wurde meine musikalische Ausbildung dann ernsthaft. Ich hatte den großen Vorteil, dass ich von wunderbaren indischen Meistern auf der Sitar lernen konnte, von Roshan Jamal Bhartiya, Rais Khan und Imrat Khan, letzterer war zu seiner Zeit eine Legende. Während einer „Ghandaband“ Zeremonie nahm er mich in seine erhabene Familientradition auf. Der Lehrer sagt zu dir: “Spiel diese Phrase solange bis dein Arm abfällt, und wenn dein Arm abgefallen ist, spiel noch eine halbe Stunde weiter.“, oder „Spiel dieses Thema, auch wenn es keine Bedeutung für dich hat, spiel es einfach, weil es dein Guru sagt, und du wirst einen bestimmten Nutzen daraus ziehen.“ So habe ich es gemacht und Nutzen erlangt. Gleichzeitig war ich immer wachsam gegenüber Virtuosität in technischer Ausführung bei jeglicher Musik, nicht nur der indischen, weil dies nur dem Ego nutzt und nicht der Seele. Das, was Steven Hill den “Tour de Force“ Aspekt der indischen Musik nennt, ist heutzutage so etwas wie eine olympische Disziplin geworden: „Wie schnell kannst du dieses Thema spielen?“ Schrecklich. Die Disziplin der täglichen Übung jedoch ist wunderbar, erfrischend, so wie das Atmen von frischer Luft – ich möchte es gegen nichts auf der Welt eintauschen; oh und nebenbei bemerkt, schnell kann ich auch spielen...

Woran glaubst du?

AGK: Ah, das ist eine heikle Frage. Ich glaube an den weiblichen Aspekt von Gott. OK ?

In dieser Welt, was ist Musik?

AGK: Was kann ich dir dazu sagen ? Dass 95% aller Musik eine Ladung Lärm ist, von der ich Ohrenschmerzen bekomme – eingebildet, kulturlos und langweilig, gemacht von Leuten, die langweilige, nutzlose Leben führen. Wenn du dich für die Wahrheit interessierst, das ist sie. Aber das ist nicht die einzige Wahrheit. Es gibt da noch Musik, die gefunden werden will. Eine Musik, die im Kontext der Stille wirkt und dich in die Stille führt, weil sie die Stille anziehend macht –wenn du mit so einer bestimmten Seele geboren bist, eine die... Wenn ich dir sage, Musik ist meine Religion, mein Yoga, dann wirst du wahrscheinlich denken, ich wiederhole nur Klischees. Ich kann lediglich sagen, ich bin ein großer Anhänger...

Du bezeichnest deine Musik als “Paisley Music”, kannst du das bitte erklären?

AGK: Der Ursprung des „Paisley“ Blumenmusters, typisch für Kaschmirschals, liegt in Indien. Im Europa des 19. Jahrhunderts wurde dieses Design farbiger, tropfenförmiger Formen mit schmalen Ranken, der weiblichen Bauchform nachbildet, modern, Bald darauf wurden diese Muster in Europa gewebt, in Paisley, Schottland und irgendwo in Frankreich. Mein Musikstil wurde zuerst in den frühen achtziger Jahren von einem Freund als „Paisley” bezeichnet; wir pflegten einen Lebensstil von sanftem, wehmütigem Orientalia, auch als Gegenentwurf zu den rein materialistischen Tendenzen des „Schneller, Größer, Höher, Weiter“ der Yuppies der damaligen Zeit. Und da meine Freunde als „tastemaker“ galten, war es nur eine Frage der Zeit, bis daraus „Paisley Music“ wurde. Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte. Darüber hinaus gibt noch es andere Aspekte der „Paisley Music“, die ich lieber im Bereich poetischer Zweideutigkeit belassen möchte. Du erkennst es intuitiv. Wenn ich mit einer Erklärung für den Ego-Geist daherkomme, dann ist es schon verloren. Ich möchte nur soviel sagen, dass es mit dem größten gemeinsamen Nenner zwischen indischer und westlicher Musik zu tun hat. OK?

Wie sieht deine spirituelle Praxis aus?

AGK: Ich mache täglich eine Puja. Eine halbe Stunde Chanten aus den Upanishaden, der Bhagavat Gita und den Skanda Puranas. Und einige Runden Japa mit Rudraksha-Perlen. Das habe ich seit 1972 jeden Tag so gemacht, nur nicht, wenn ich unterwegs war oder krank. Danach übe ich eine Stunde auf der Sitar. Bis vor fünf Jahren waren es zwei Stunden, jetzt ist es nur eine Stunde. Danach esse ich Mittag. Nach dem Essen gehe ich eine Stunde im Wald spazieren. Dann Tee. Nach dem Tee gehe ich ins Studio oder schreibe. Ich arbeite an einer Erzählung über Musik. Schreiben finde ich übrigens sehr spirituell, während du am Manuskript arbeitest, wirst du herausgefordert, dir alles und jedes, was du erlebst, wirklich bewusst zu machen. Zunächst machst du bestimmte Erfahrungen, dann machst du sie dir bewusst, wie Paul Theroux sagt: „Du bekommst eine zweite Chance.“ Danach schaffst du dir deine Realität, in dem du eine Geschichte erzählst. Weil aber spirituelle Wahrheiten einfach sind, versuchen Leute, „spirituell“ zu wirken, indem sie spirituelle Klischees wiederholen. Die Wahrheit liegt im Gegenteil. Nur wenn du an deinem Geist arbeitest, ihn sozusagen polierst, kannst du ihm seinen richtigen Platz zuweisen, als dein Werkzeug – und nicht dadurch, dass du deinen Intellekt träge werden lässt. Das, denke ich, ist sehr wichtig – auf jeden Fall für mich.


Wie ziehst du die Zuhörer in deinen Bann?

AGK: Zuhörer kann man nicht verführen. Und ich bezweifle, dass sie das mögen würden. Ich mache, was ich immer schon gemacht habe. Ich spiele, was ich fühle. Heutzutage noch mehr als früher. Offensichtlich gibt es da draußen Zuhörer, denen das Ergebnis gefällt. Wenn du die Besonderheit meiner Person verstehen willst, dann musst du wissen, dass ich in diesem Leben nicht da bin, um Forderungen oder Erwartungen zu erfüllen. Geschäftsmänner machen das: Es gibt da dieses perfekte System, um Geld und Macht zu erlangen. Du schaust, wo ein Bedarf ist und den belieferst du dann. Das ist für Geschäftsleute in Ordnung, aber als Künstler solltest du es nicht so machen. Ein Künstler sollte das tun, was er sich vorstellt. Auch während eines Konzert denke ich nicht daran, wie ich verführen könnte. Das wäre furchtbar. Nein, nein, nein – du machst lediglich deine Arbeit. Das was ich in vierzig Jahren geübt habe, in vierzigtausend Übungsstunden, das trägt mich. Ich sitze auf der Bühne und fange an, und nach einiger Zeit passiert etwas ... ich höre meiner eigenen Musik zu und sie trägt mich. Vilayat Khan hat mir dieses Phänomen einmal beschrieben – und für mich trifft es vollkommen zu – du beginnst deiner eigenen Musik zuzuhören und sie zu mögen. Das ist die einzige Möglichkeit, die Zuhörer zu berühren – für mich zumindest. DU beginnst, Spaß zu haben. Du kannst dich nicht verstellen, die das machen, tun mir leid. Zuhörer sind nicht So blöd – wenn es Dir gefällt, spüren sie es. Das gleiche passiert im Studio – ich beginne mit einer bestimmten Absicht, aber dann entwickelt sich etwas anderes, mit einem eigenen Willen, es fasziniert mich, zieht mich in seinen Bann, wird mein Guruji. Es besteht überhaupt keine Veranlassung, etwas vorzugegeben oder zu manipulieren. Es würde mich abstoßen, wenn es so wäre.

Warum sind wir deiner Meinung nach auf dieser Erde?

AGK: Es gibt kein “wir”! Ich weiß nicht, warum andere Leute hier sind – um Erfahrungen zu machen? Ich bin hier, um meine Frau zu verehren. Sie ist absolut göttlich.

Praktizierst du Yoga?

AGK: Tapasvibhyo dhiko yogi jnaanibhiyo pi mato dhikah karmibhyas caadhiko yogi tasmaad yogi bhavarjuna.

Wir danken Dir für das Gespräch


nähere Infos siehe
www.rasamusic.de oder
www.rasateatime.com.
Discographie: www.algromerkhan.com


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