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Ausgabe Juli 2009
Ein Banker steigt aus

Aus der Glitzerwelt der Bankentürme in die Einsamkeit der Berggipfel

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März 2007. Die internationalen Finanzmärkte sind in glänzender Verfassung. Rudolf Wötzel, Deutschlandchef der Sektion Mergers & Acquisitions bei der globalen Investmentbank Lehman Brothers, nimmt aus freien Stücken seinen Hut. Sein Grund: Sinnkrise, Burn-out, Zweifel am System. Er fasst einen abenteuerlichen Plan: eine Durchquerung der Alpen, von Salzburg nach Nizza, zu Fuß. Allein mit der Natur und sich selbst. Ein Bergpilger auf der Suche nach Lebenssinn und wahrer Bestimmung.
Nach 856 Stunden Marschzeit, 5 Millionen Schritten und 129 Gipfelbesteigungen erreicht er das Mittelmeer als neuer Mensch: versöhnt mit der eigenen Vergangenheit und sich selbst, beseelt von der Erkenntnis, dass Loslassen der einzig richtige Weg war. - Das Gespräch mit Rudolf Wötzel führte Silvia Vrablecova

Herr Wötzel, können Sie sich vorstellen, heute wieder als Banker zu arbeiten?

Ein klares Nein! Mal ganz davon abgesehen, dass der Stellenmarkt für Banker ja derzeit ziemlich trostlos aussieht: An meinen grundsätzlichen Motiven des Ausstiegs hat sich nichts geändert, im Gegenteil, durch die Finanzkrise fühle ich mich noch darin bestätigt. Meine Befürchtungen von damals – die ganze Fragwürdigkeit des Finanzsystems, alles wurde durch die Realität seither noch übertroffen. Ich blicke aber nicht im Groll zurück, es war eine spannende und lehrreiche Zeit. Doch heute liegen meine beruflichen Visionen und Ziele ganz anderswo.


War es Ihnen von Anfang an klar, dass Sie nicht mehr ins alte Leben zurückkehren würden?

Nicht wirklich. In den ersten Wochen nach dem Ausstieg sondierte ich bei Headhuntern Möglichkeiten des Wiedereinstiegs nach ein paar Monaten. Doch allmählich wuchs die Gewissheit, dass es keine Rückkehr geben würde. Ein langsames Loslassen also. Das Schöne daran: es ist ein sich selbst verstärkender Prozess – je mehr Sie sich von der Idee der Rückkehr freimachen, desto faszinierendere und vielfältigere Alternativen sehen Sie für Ihre Lebensgestaltung.


Sie hatten also nur eine Auszeit geplant?

Im Grunde ja. Doch jetzt bin ich froh, dass ich mich anders entschieden habe. Im Übrigen: Man lässt doch 90% des Potentials einer Auszeit ungenutzt, wenn man von Anfang an bereits klar weiß, wie es danach weitergeht. Wenn man den Arbeitsvertrag bereits in der Tasche hat. Was dann allein bleibt, ist das Gefühl eines schönen Urlaubs. Was jedoch fehlt, ist ehrliches und grundlegendes Hinterfragen dessen, was man tut und will im Leben.


Haben Sie für sich endgültig den Sinn des Lebens gefunden?

Ich hoffe, noch nicht, denn dann könnte ich ja schon einpacken! Aber ich habe erkannt, dass es wichtig ist, sich überhaupt auf die Suche danach zu machen! Und ich glaube, dem Sinn des Lebens auf der Spur zu sein. Eine spannende Reise! Eintauchen in den Lebensfluss, innere Gelassenheit erlangen. Meine wichtigste Erfahrung: Je weniger ich erzwingen will, desto mehr bekomme ich. Je mehr ich mein Ego in den Griff bekomme, desto reichhaltiger, überraschender und intensiver sind die Geschenke des Universums.


Haben Sie das Gefühl einer inneren Berührung erlebt?

Meine Erlebnisse und Erfahrungen ließen innere Mauern einfallen: Prägungen einer strikten Leistungsorientierung, Charaktermerkmale eines Karrieremenschen. Mauern emotionaler Abschottung, Mauern einer rein rationalen Lebenssteuerung, Mauern eingefahrener Menschenbilder. Wenn man seine Seele wie eine Zwiebel Schicht um Schicht schält, wird man automatisch empfänglicher für innere Berührungen. Das ist kein punktuelles Heilserlebnis, mehr ein Zustand: Ich fühlte mich am Ende eins mit der Natur, eingetaucht in einen permanenten meditativen Fluss, berührt auch von Menschen, die ich traf.


Warum nannten Sie die Wanderung „Hannibal-Projekt“?

Nun, das war noch die Perspektive des Bankers! Ein griffiger Projektname ist da ein Muss! Er sollte das Leistungsmäßige unterstreichen – die generalstabsmäßig geplante Durchquerung der Alpen, den intensiven Gipfelsturm, die Eroberung des Naturraumes. Hannibal, DER Archetyp des Alpenbezwingers! DAS Paradebeispiel des Willensmenschen, der seine Vision gegen jeden Widerstand und jede Wahrscheinlichkeit durchboxt. Doch am Mittelmeer kam nicht Hannibal an, sondern ein Bergpilger.


Wo fand die innere Umkehr vom Leistungsjunkie zum befreiten Menschen statt?

Es war ein langsamer Prozess, bei dem sich der Pilger immer mehr in den Vordergrund schob und den Leistungsjunkie ablöste. Zum ersten Mal erlebte ich das bewusst, als ich im Brennertal ein Stück auf dem Jakobsweg lief. An jenem Tag war ein richtiges Sauwetter, und ich war ganz allein unterwegs. Dennoch hatte ich das deutliche Gefühl, dass ich mich in eine lange Reihe von Menschen einreihte, die sich dort auch schon auf den Weg zu sich selbst gemacht hatten.


Was ist es, das den Pilger zu einem anderen Menschen werden lässt?

Es ist ein unmerklicher Prozess, der aber unaufhaltsam ist. Ich zog zum Beispiel immer mehr Befriedigung aus dem Fluss meiner täglichen Wanderungen, immer weniger aus der Gipfelstürmerei. Zum Schluss war ich ganz satt von all den Viertausendern … Doch auch diese Erfahrung war wertvoll: Ich habe dadurch auch den Leistungsjunkie in mir zu akzeptieren gelernt. Und ihn mit dem Pilger versöhnt. Beide Aspekte sind Wirklichkeit meiner Persönlichkeit und brauchen Raum zur Entfaltung.
Angenommen, ich wollte Ihren langen Weg durch die Bergwelt nachwandern.


Welche kulinarischen Highlights würden Sie als Ausgleich zu den unvermeidlichen Entbehrungen empfehlen?

Ich würde gerne die Frage umformulieren: Was muss ich tun, damit jede Brotzeit, damit jedes einfache Abendessen auf irgendeiner spartanischen Berghütte zum kulinarischen Höhepunkt wird? Ganz einfach: viel Bewegung, viel Wandern, viel tief empfundene Freude an der Bergwelt. Ein gesunder Hunger ist einfach der beste Geschmacksveredler!


Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Ganz einfach: Ich sehe mich als Unternehmer meines eigenen Lebens. Meine Vision ist, Menschen zu ermuntern, sich aus der Fremdbestimmung zu befreien und auch ihr eigenes Leben aktiv zu gestalten. Ich möchte Menschen dafür begeistern, die Natur als Quelle der inneren Kraft und Inspiration zu nutzen und zu erhalten. Als Gastronom in den Bergen, als Wanderführer. Doch das Wichtigste: sich immer wieder vom Leben überraschen lassen, nicht zu viele Pläne machen!


Vielen Dank für das Gespräch!


Rudolf Wötzel: Über die Berge zu mir selbst - Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben, 496 Seiten, gebunden, € 19,95, Integral Verlag, ISBN 978-3-7787-9208-7


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