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Ausgabe Mai 2009
In einer Welt der Fülle


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Vor 45 Jahren hatten die Rolling Stones ihren ersten ganz großen Hit mit dem sagenhaften Titel „I can´t get no satisfaction“. Wir wollten vom Leiter der Samuel-Hahnemann Schule, Andreas Krüger, wissen, ob das heute noch ein Thema ist, die Satisfaction, das Gefühl von Befriedigung und die Wege dahin. Die Antwort von Andreas Krüger

Frau einen Mann liebt, soll er sie lieben, wenn ein Mann einen Mann liebt, soll er ihn lieben, wenn eine Frau eine Frau liebt usw.“. Das ist ja für unsere Sozialisation (Charlottenburger Bildungsbürgertum) alles faktisch möglich und trotzdem sitzen die Menschen vor vollen Tellern und verhungern. Die Befriedigung ist gefunden, aber wir nehmen sie nicht. Die Fülle ist doch da in unserem Land. Lassen Sie mich auch auf die derzeitige Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen hinweisen. Selbst wenn wir das in unserem Land einführen, und damit eine gerechte Verteilung der Fülle gewährleisteten, gäbe es wahrscheinlich immer noch Menschen, die sich im Mangel oder im Unbefriedigsein wähnen.
Doch genau hier liegt der Schwerpunkt meiner letzten 15 Jahre Arbeit als Lehrer und Therapeut: herauszufinden, warum jemand die Satisfaction nicht nimmt, die vorhandene Fülle, die überall ist?
Da gibt es eine Fülle von Ansatzpunkten und therapeutischen Formaten, die ich in meiner Praxis verfolge und in der Samuel-Hahnemann-Schule lehre. Zum einen wird alles aus diagnostischer Sicht betrachtet: Warum nehme ich die Fülle nicht?
Da gibt es das große Feld der Nachfolgeproblematiken. Ein Beispiel: „Mutter, du warst dein ganzes Leben lang unglücklich. Ich drücke meine Liebe und Treue dadurch aus, dass ich dir in dein Unglück folge“. Oder: „Vater, du hast deine wunderbare Firma ins Bankrott geführt. Ich folge dir und drücke dies aus, in dem ich alle meine Firmen auch ins Bankrott führe“.
Die Befriedigung wird nicht genommen, weil Befriedigung nehmen bedeuten würde, ich wäre untreu. Glück bedeutet hier Untreue dem Unglücklichen gegenüber.
Eine Möglichkeit, an der ich sehr viel gearbeitet habe und persönlich viel Befreiung erlangt habe, ist verbunden mit einem Satz meiner Mutter: „Du bist ein guter Junge, weil du nicht bist und wirst wie dein Vater.“ - Ein homöopathischer Satz, dessen Gedanken wir dem homöopathischen Mittel Medorrhinum zuordnen.
In diesem Zusammenhang möchte ich eine Geschichte von einem meiner Patienten wiedergeben, dessen Vater der „Befruchter von Wanne-Eickel“ war, was für die Mutter nicht gerade einfach gewesen ist, weil er in dieser Funktion wohl ganz viel befruchtet hat. Er hat auch die Mutter befruchtet, wann immer sie wollte. Sie sah aber nicht die eigene Befriedigung, sondern nur die der anderen, was in ihren Augen zu einem Mangel führte. Sie war wohl nicht gerade eine polyamorische Grundbegabung. Daraus entstand die Indoktrination, die Verstümmelung der Seele ihres Sohnes, in dem sie sagt: „Wenn du ihm folgst, wirst du mir untreu.“ Also, wenn du seine Fülle, seine Satisfaction nimmst, wirst du zum Gegner meines Mangels, meiner Verletzung. Und die meisten Kinder, gerade wenn sie klein sind und im Bannkreis ihrer Mutter stehen, entscheiden sich, auf Befriedigung zu verzichten oder sogar Befriedigung zu hassen. Sie gehen in irgendeine furchtbare Sekte, für die Befriedigung Häresie (Ketzerei) ist. Es gibt religiöse Richtungen, wo lustvoller Geschlechtsverkehr an sich Sünde ist. Lustlos zu zeugen geht bei diesen Ansichten gerade noch, aber lustvoll zu zeugen ist schon Sünde. Also Befriedigung an sich ist Sünde. Das ist ein gesellschaftlicher Terminus. Ja, und viele Menschen, inklusive mir, sind solchen mütterlichen Indoktrinationen gefolgt, haben nie einen schmutzigen Witz erzählt, hatten bei jeder etwas heftigeren Beckenvorwärtsbewegung ein schlechtes Gewissen und haben alles getan, nur um keine Satisfaction zu bekommen, weil Befriedigung böse ist, ist chauvinistisch, phallokratisch. Solche Glaubenssätze verhindern natürlich, selbst in einer Welt von Satisfaction, dass man sie nimmt.
Eine weitere Möglichkeit ist: Wir bringen natürlich ganz viel Erfahrungen mit aus früheren Erdenleben.
Für mich, der ich hier aufgewachsen bin und als Waldorfvater seit über zwanzig Jahren in einer Geisteswelt des großen Freiheitskämpfers Rudolf Steiner, für mich ist Wiederverkörperung eine Tatsache. Ich muss daran nicht einmal mehr glauben, ich weiß davon – da ich vielen hundert Menschen nur helfen konnte, weil ich diese Tatsache in mein therapeutisches Konzept mit einbezogen habe.
Nehmen wir den Fall eines Menschen, der in diesem Leben überhaupt keine Befriedigung nehmen konnte, weil er in einem früheren Leben ganz viel Befriedigung gehabt hatte und dafür furchtbar bestraft und gequält wurde und über seine Befriedigung ganz viel Leid in seinem Bewusstsein verursacht hatte.
Und weil er in diesem früheren Leben soviel Leid mit seiner Satisfaction geschaffen hatte, legte er während seiner Verbrennung auf dem Scheiterhaufen einen Schwur ab: „Nie mehr Satisfaction! Weil durch meine Befriedigung nichts als Leid entsteht!“
Und genauso hat er in diesem, seinem heutigen Leben gelebt. Wo doch ganz viel Satisfaction möglich gewesen wäre! Anhand dieser Vorlebenserfahrung und dieses Glaubenssatzes war natürlich keine Befriedigung möglich. Dieser Mensch wurde erst geheilt durch das entsprechende homöopathische Mittel Medorrhinum.
Medorrhinum wird hergestellt aus dem Sekret einer unbehandelten Tripper-Erkrankung, was wahrscheinlich interessant klingt. Man könnte vermuten, möglicherweise entsteht Tripper nur als Schöpfung aus dem Gefühl, wenn ich in meine Befriedigung gehe, werde ich schuldig. Vielleicht ist der Tripper die unbewusste Bestrafung für: „Ich hole mir meine Befriedigung“.
Das ist ein sehr interessanter Gedanke. Auch die Frage: Bei Völkern, die sich Befriedigung holen, bei denen es keine bürgerliche Zwangsmoral gibt, gibt es da z. B. Tripper? Oder haben Bonobos, eine Affenart, auch die Affen von der Venus genannt, Aids? Bonobos ist die Affenart, die gerade am meisten von der Menschheit verfolgt und wahrscheinlich bald ausgerottet sein wird. Politisch-zoologisch katastrophal. Die Frage ist, haben diese Tiere solche Krankheiten? Weil der Affe ohne Moralgedanken jede Befriedigung nimmt, wo er sie bekommen kann. Das ist mit unserem westlichen Denken schwer vereinbar, doch jede Art der Einschränkung nimmt mir ja wieder die Befriedigung, die Satisfaction.
Bei Menschen, bei denen Verbote, Glaubenssätze, Ängste und Schuldgefühle aus früheren Leben hoch kommen, muss man natürlich mit vorlebenorientierter Homöopathie, mit Seelenrückholung und mit Timeline-Arbeit diese alten Programme lösen, um dann in diesem Leben diese unendlich um uns sich befindliche Befriedigung wirklich nehmen zu können.
Ich habe einmal einen wunderbaren Vortrag von Klemens Kuby gehört, der gesagt hat: Mensch, wir könnten alle Schulen abschaffen, denn wir wissen alles, wir bringen alles aus früheren Leben mit.
Leider gibt es noch viele Menschen mit wunderbaren speziellen Begabungen, die vor sich hin dümpeln und von Hartz4 leben, statt beispielsweise anderen zu helfen. Aber warum tun sie das? Weil sie mit diesem riesigen Wissen immer noch Erfahrungen von Leid, Schmerz, Verfolgung, Folter, Qual, Demütigung verknüpfen. Kuby sagt, demzufolge ist die einzige Aufgabe, die es gibt, wenn wir einmal alle Schulen abgeschafft haben, Menschen zu haben, die anderen dabei helfen zu begreifen, dass wir heute alles das nicht mehr zu befürchten haben und wahrlich aus der Fülle leben dürfen. Da braucht es Sätze wie: Fülle ist Heilung oder ich gehe in meine Fülle! Statt: Wenn ich in meine Fülle gehe, sterbe ich! Das bitte mit großem Löschzeichen.


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