aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe April 2009
Jeder Baum wächst anders

Aus der Kinderyoga-Praxis in Schöneberg von Susanne Berg

art290421
Donnerstagnachmittag. Im sonst ruhigen Yogazentrum Akazienhof sind lebhafte Kinderstimmen zu hören. Schwere bunte Schulranzen werden hereingeschleppt. Im Umkleideraum der zwei Studios umfassenden großzügigen und hellen Yogaetage bilden sich eher ungeordnete Haufen von Kinderkleidung. Kinder im Alter von 7 bis 12 Jahren sind es, die hier zum Kinderyoga-Unterricht kommen. Daneben die Erwachsenen, die sich ruhig umkleiden, um im parallel laufenden Kurs für Erwachsene am Yogaunterricht teilzunehmen. Ursprünglich konzipiert für die Eltern der Kinder. Seit über fünf Jahren unterrichte ich hier Yoga für Kinder, orientiert an den Lehren von B.K.S. Iyengar. In dieser Art der einzige Kurs für Kinder in Berlin Schöneberg.
Die Kinder stürzen ins Studio II, um bis zum Beginn der Stunde miteinander zu spielen, sich zu verstecken oder auch die Klangschale anzuschlagen.

16.30 Uhr. Wir versammeln uns um die in der Mitte des Raumes stehende Kerze, darunter eine große Lotusblüte in kräftig bunten Farben. Wir sitzen im Schneidersitz auf Decken. Die Zeremonie des Kerze-Anzündens beginnt.Gebannt wird auf das Feuer geschaut, das an einem langen Streichholz entzündet wurde, bis es verloschen ist. Es kehrt Stille ein. Ein kurzer Austausch „Wie geht es dir gerade?“ befördert die Impressionen des Tages hoch: Die Vier in Mathe, der zu Hause liegende Berg von Hausaufgaben, der Streit mit der Freundin, die Freude über die neue Katze und „es ist schön beim Yoga zu sein“.
Beim Mantra-Singen treten wir aus dem Alltag: „Om gam ganapataye namah.“ Ein Kind beginnt, die anderen schließen sich nach und nach an, so dass der Gesang anschwillt und schließlich wieder verebbt, wenn die Kinder still werden. Die meisten sind konzentriert und singen die Sanskrit-Silben. Eine Anrufung Ganeshas, die für Freude und Neuanfang steht.
Die Decken werden an die Seite gelegt und zum Aufwärmen wird ein Spiel ausgewählt. Der große Raum eignet sich wunderbar für bekannte Kinderfangspiele, in die Yoga-Asanas eingebaut werden, wie das „Yogafangen“.
Jedes Kind breitet seine Yoga-Matte aus. Asanas werden geübt. Im Unterschied zum Yoga für Erwachsene sind die Positionen dynamisch miteinander verbunden. Kinder langweilen sich in Asanas, die lange gehalten werden müssen oder mit großer Sorgfalt bedacht werden. Sie sind begeistert Neues auszuprobieren und freuen sich über ihre Fortschritte. Dabei werden Achtsamkeit und Wachheit immer wieder sanft zum Körper geführt. Standpositionen sind eine echte Herausforderung für die Konzentration, Vorwärtsbeugen lassen schnell an Grenzen stoßen. Rückwärtsbeugen erfreuen die meisten mit großer Lust und Befriedigung, weil sie gelingen und sich einfach schön anfühlen, die Brust weit und das Herz spürbar machen. Drehungen erfordern viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt, lassen still werden. Zu den beliebtesten Asanas gehören die Umkehrstellungen: Handstand, Kopfstand, Kerze.
Nach den körperlichen und mentalen Herausforderungen folgen Phasen der Ruhe in der Kinderhaltung und zum Abschluss im Liegen die Endentspannung, Shavasana. Begleitet von meditativer Musik wird eine Körperwahrnehmungsübung, eine Phantasiereise in eine schöne Landschaft, das Wasser, den Himmel, ein Treffen mit einem Engel durchgeführt. Die Kinder entspannen, gehen in die Stille, spüren ihren Atem, genießen vom Boden getragen zu werden und bewusst alle Anstrengung ablegen zu dürfen.
Wenn am Ende der Stunde noch einmal im Sitzen die Hände in Namaste aneinandergelegt die Brust berühren, sich der Kopf neigt und im Stillen gedankt wird für alles Gute, das ins Leben fließt, herrscht tiefe Stille im Raum.

Yoga verbindet. Den Einzelnen mit sich: Körper, Geist und Seele.Den Einzelnen mit dem Universellen und die Einzelnen miteinander. Das Wissen, dass Yoga im vielen Teilen der Welt praktiziert wird und eine lange Tradition und Kultur hat, berührt die Kinder. Yoga befriedigt das natürliche kindliche Bedürfnis nach Spiritualität. Im Yoga gibt es keine Konkurrenz, kein besser oder schlechter „Jeder Baum wächst anders“ hat in unserer Zeit, in der es hohe Anforderungen in der Schule und im Leistungsbereich gibt, entlastenden Charakter und baut Selbstbewusstsein auf. Im Yoga gibt es keinen Wettkampf aber die Freude über die Fortschritte: der Kopfstand, der gelingt, die Standposition, die sich leicht anzufühlen beginnt oder die rechte Hand, die die linke hinter dem Rücken zu fassen bekommt.


Der Baum (Vrksasana) - Ein Übungstipp für junge Yogis
„Stell dich auf deine beiden Füße, stehe aufrecht und dann verlagere dein Gewicht auf den rechten Fuß, so dass du den linken vom Boden lösen und an der Innenseite deines Standbeines aufsetzen kannst. Drücke mit dem Fuß fest in den Oberschenkel. Stell dir vor, du bist tief verwurzelt mit der Erde. Wenn du gut balancieren kannst, nimm die Arme über die Seite gestreckt nach oben. Sie bilden deine Baumkrone und wollen den Himmel berühren. Fühl dich groß wie ein kräftiger Baum. Atme gleichmäßig, halte Augen und Mund weich und entspannt. Freu dich über deine Balance. Sollte es dir noch nicht gelingen, übe weiter. Sie wird kommen. Nimm Bein und Arme runter, übe auf dem anderen Bein.“



Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.