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Ausgabe März 2009
Wer hat unserer Welt diesen Haufen Mist vor die Tür gekippt?

Trockener britischer Humor und kein Blatt vor den Mund: Richard Sylvester ist ein Advaita-Lehrer der besonderen Art. „Erleuchtung“, „Befreiung“, „Erlösung“ – das sind für ihn keine Heiligkeiten. Hat er doch am eigenen Leibe erfahren, dass es sich damit t

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Richard, du sagst, du seist „befreit“ …

Halt, ich bin es nicht, der befreit ist …

Wer sonst?

Niemand. Befreiung geschieht, ohne ein Ich. Das ist ja gerade der Witz.

Wie bitte? Was geschieht dann, im Moment der Befreiung?

An einem warmen Sommerabend in einem Bahnhof mitten in London verschwindet urplötzlich und vollständig dieses Ich-Gefühl. Alles bleibt wie vorher – Leute, Züge, Bahnsteige, tausenderlei Dinge. Aber alles wird zum ersten Mal ohne eine Person gesehen, die all das vermittelt oder interpretiert.

Das muss fantastisch gewesen sein!

Quatsch. Alles ohne Lichtblitze, ohne Feuerwerk, nichts von dem bunten Gestrudel eines LSD-Trips. Und doch das ultimative „Wow“. Hast du schon mal einen ganz gewöhnlichen Bahnhof ohne jegliches Ich-Gefühl gesehen?

Nein, wohl nicht.

In dem Moment wird das Gewöhnliche als das Außergewöhnliche gesehen. Klingt gut. Aber was ist dann das Besondere? Nichts ist besonders, auch das hier nicht. Aber in einem einzigen Augenblick stellt sich heraus, dass niemand da ist.

Wie bitte?

Dieses Gefühl, da sei eine Person, war bisher immer da. Eine Konstante, die diesem Leben Sinn gegeben hat. All die vielen Lebensjahre ist das Ich nie in Frage gestellt worden.

Doch, natürlich: Ich stelle mein Ego ständig in Frage.

Dann wurde Befreiung erfahren?

… nun, eher nicht. Aber die eigenen Grenzen werden einem bewusst.

Wem? Das Eine kennt keine Grenzen.

Was empfindet man, wenn das Ich entgrenzt wird?

Plötzliches Erschrecken: Es ist klar, dass ich nie ein Leben gehabt habe, weil es mich als ein Ich nie gegeben hat. Einen ewigen Sekundenbruchteil lang wird erkannt, dass kein Ich da ist. Ich lebe nicht, ich werde gelebt. Ich handle nicht, Handeln geschieht. Durch mich, die Marionette des Göttlichen.

Richard, es gibt Bücher, in denen all das schon ellenlang erklärt worden ist. Aber da steht dann auch, dass Befreiung das Ende aller Leiden bedeutet.

Dann lautet die Aussage letzten Endes: Kommt zur Nondualität, Brüder und Schwestern, und ihr findet Erlösung.

Das siehst du anders?

Zur Verringerung des Leidens kann es auch kommen, wenn wir im Bus sitzen und die Zeitung lesen. Oder in der Kneipe ein Bierchen heben.

Was ist dann der Vorteil, wenn ich befreit bin?

Es gibt keinen. Es ist alles gleich. Im Augenblick des Todes bist du eh befreit. Es hat nur einen gewissen Charme, diese Stufe früher zu erreichen.

Was ist mit Karma und Wiedergeburt?

Nur eine Idee, wie alles andere auch. Eine Story, die uns unterhält, wenn wir gut drauf sind. Wenn wir schlecht drauf sind, ist es eine Idee, die unserem nackten Dasein ein Kleid von Sinn und Bedeutung anzieht. Und uns tröstet.

Aber Selbsterforschung, Meditation und so etwas können doch zu Befreiung und Transformation führen?

Spirituelle Techniken können eine bunte Auswahl von Durchbrüchen, Einsichten und innerem Wachstum hervorbringen. So what? Dann haben wir eben einen transformierten, durchblickenden Sucher, der Durchbrüche erlebt hat. Er selbst wird den Eindruck haben, all das hätte sehr viel mit Befreiung zu tun.

Hat es das etwa nicht?

Erst wenn die Person wegfällt, kann gesehen werden, dass nichts von dem überhaupt irgendetwas mit Befreiung zu tun hat. Woher willst du wissen, wie viele Taxifahrer es gibt, die zwischen Piccadilly und Buckingham Palace ohne ihr Zutun Befreiung erlangt haben? Sie sprechen nicht drüber!

Aber du tust es! Sag mir, was wäre ich ohne mein konsequentes Streben nach Glück, nach Befriedigung, nach Erlösung von Leid?

Niemand. Du bist nicht – außer in deiner persönlichen Story. Was du zu sein glaubst, siehst du an deinen Wünschen: Wenn du glaubst, du könntest dir dieses leidvolle Dasein durch materielle Güter versüßen, wirst du dir vielleicht ein neues Auto kaufen. Wenn du an die Linderung der Leiden durch spirituelle Mittel glaubst, wirst du dir vielleicht ein neues Mantra kaufen.

Das Ziel von all dem Suchen?

Kann ich nicht sagen. Aber wenn die Person wegfällt, wird gesehen, dass Befreiung unmöglich etwas mit „mir“ oder dem, was ich als meine Anstrengungen sehe, zu tun haben kann.

Also soll ich lieber aufhören zu meditieren - was meinst du?

Die Vorstellung, dass ich mit Jetzt-hier-Sein, mit Chakra-Läuterung oder mit Meditation etwas erreichen kann, ist nichtig. Sie kommt aus dem Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt und ich etwas unternehmen kann, um mehr aus mir zu machen.

Aber so ist es doch!

Ist es nicht. Das hier ist genug. Deshalb kommen manche aus dem Lachen nicht mehr heraus, wenn die Person schließlich wegfällt. Plötzlich begreifen sie, was für ein Witz das Ganze ist: dass nie jemand vorhanden war, der unzureichend und verbesserungswürdig hätte sein können. Hier ist nichts als das Göttliche. Wie könnte man das Göttliche wohl verbessern?

Wie können wir dann Wahrheit finden?

Es gibt keine Wahrheit. Wahrheit kann eine sehr gefährliche Geistesverfassung sein. Leute, die sich der Wahrheit gewiss sind, neigen dazu, die Heiden abzuschlachten, um selbst im Paradies mit zweiundsiebzig Jungfrauen belohnt zu werden.

Diese Anzahl soll gerade gekürzt worden sein ...

Jaja, heute herrscht überall Krise. Man findet auch einfach keine Jungfrauen mehr! Wer, glaubst du, hat der Welt diesen Haufen Mist vor die Tür gekippt?

Ich würde es wirklich sehr gern wissen!

Freiheit setzt nicht einmal voraus, dass du überhaupt bist. Diese Worte hier sagt keine Person. Das Eine sagt diese Worte. Und das Eine hört sie. Es spielt mit der Welt.

Danke für das muntere Gespräch.

Richard Sylvester arbeitete als Psychotherapeut, bevor er zwei Erlebnisse hatte, die er selbst als „Erwachen“ oder „Befreiung“ bezeichnet. Und er hatte sich über dreißig Jahre lang in den verschiedensten spirituellen Techniken geübt – was er im Nachhinein als „weder nötig noch unnötig“ betrachtet. Heute lebt er in einer englischen Kleinstadt, geht Fischen in Wales und hält europaweit Vorträge über Nicht-Dualität.


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