aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe März 2009
Mit Blick nach Innen

Ein KGS-Gespräch mit dem Berliner Familienaufsteller Manfred Rother über Grenzen des Familienstellens und weiterführende „geistige“ Wege.

art290320
KGS: Nach über 10 Jahren Erfahrungen als Familienaufsteller und auch Ausbilder bieten Sie nun ein Jahrestraining und eine neue integrierte Ausbildung zum Familienaufsteller und spirituellen Begleiter an. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Manfred Rother: Ich habe die Mysterienschule von OM C. Parkin kennen gelernt. Alle meine vorherigen Ausbildungen in Gestalttherapie und Psychodrama, Schamanismus, aber auch die Beschäftigungen mit Weisheitssystemen wie Sufismus und Kabbalah und auch meine Arbeit als Familienaufsteller haben immer nur ansatzweise meine Suche nach einem Gefühl der Fülle oder Ganzheit befriedigt. Nach fünf Jahren Mysterienschule bei OM C. Parkin bin ich auf eine Lösung gestoßen, wie es weitergehen kann, wenn die Grenzen der Familienaufstellung erreicht sind.

Und wie sieht dieser Weg aus?

Indem man einfach noch weiter in die Tiefe geht, was z.B. die Lehre des Vaters oder die Lehre der Mutter beinhaltet, die wir in den meisten Fällen unbewusst übernommen haben. Beim Familienstellen übergibt man z.B. die Last symbolisch mit einem Stein, begleitet von einem Lösungssatz, den Eltern zurück: „Ich lasse das Schwere bei dir.“ Die Geste und der Satz befreien für einen Moment, aber das reicht nicht unbedingt, um wirklich in der Tiefe eine Veränderung hervorzurufen. Hinter unserer Persönlichkeit stehen nicht nur unsere Eltern und deren Eltern, sondern eine lange Reihe von Ahnen, die unseren Geist unbewusst geprägt haben. Diesen Geist und die Moral dieser Ahnenreihe leben wir unbewusst weiter und es reicht eben nicht, mit einem Satz diese Last den Eltern zurückzugeben. Die Erforschung in der Tiefe, was wir da übernommen haben, kann erst wirkliche Befreiung für das eigene wahre Selbst ermöglichen.

In der Familienaufstellung steht auch immer wieder das verletzte Kind im Mittelpunkt. Meine Erfahrungen zeigen mir, dass es nicht reicht, das verletzte Kind in den Arm zu nehmen. Um die Verletzungen wirklich nachhaltig zu heilen, müssen wir bis zu der Urverletzung vordringen. Dazu braucht es eine subtile Tiefenerforschung mit Mitteln, die mir auch die Mysterienschule von OM C. Parkin gezeigt hat.

Mit dem Familienstellen kann man also Missverhältnisse und Verstrickungen erst mal erkennen und dann geschieht die Heilungsarbeit mit der vertiefenden Erforschung ?

Ja, diese Kombination ist einfach sehr effektiv. Beim Familienstellen wird deutlich, wo und wie Identifikationen mit Elternteilen bestehen und erste Lösungsrituale haben durchaus auch eine gewisse Wirkung. Aber um wirklich Transformation zu erfahren, braucht es vertiefende innere Arbeit.

Ein Beispiel wäre schön.

Meine Urverletzung war das mit aller Gewalt missbrauchte Kind. Familienstellen, Gestalttherapie und Psychodrama konnten eine Tür öffnen, aber die traumatischen Verletzungen ruhten weiterhin unter dem Schutz von unbewussten Abwehrmechanismen, die den tiefen Schmerz nicht fühlen wollten. In der Mysterienschule bin ich diesen Verletzungen und Abwehrmechanismen des nicht Erkennens- und Fühlenwollens auf den Grund gegangen. Man kommt an den tiefsten Punkt des Schmerzes und geht durch die dunkle Nacht der Seele. Nachdem ich dieses Gefühl noch einmal bewusst wahrgenommen hatte, gingen bei mir Türen zu Gefühlen auf, von denen ich zwar schon mal gehört, aber sie noch nie gefühlt hatte: Freiheit, Glück, Tiefe, Weite und die Leichtigkeit des Seins. Dafür haben sich meine Gefühle von Einsamkeit und Getrenntheit verabschiedet. Wenn ich heute in Konfliktsituationen komme, kann ich sie ganz leicht auflösen, ohne in diese Kampfhaltung von früher zu verfallen. Die Kernssätze, die in der Tiefe gefunden werden, wirken wie Akupunkturnadeln, die einen heilsamen Schmerzimpuls setzen, der die Urverletzung durch das Verschmerzen auflöst.

Was ist das Ziel des Jahrestrainings?

Ziel ist, an die wesentlichen Ebenen unseres Seins zu gelangen. Um z.B. in Kontakt mit dem göttlichen Kind in uns zu kommen – ein Aspekt unseres Seins – müssen wir den Weg über das Menschsein gehen und damit auch durch das Leid, das unser Menschsein mitgeprägt hat. Diese Erfahrung habe ich gemacht und nichts, was ich vorher kennen gelernt habe, ist damit zu vergleichen. Hier geht es darum, die Seele mit fühlender Intelligenz zu erforschen und die Leid erzeugenden Mechanismen des Ich-haften Geistes zu durchleuchten. Hinter unseren Glaubenssätzen und Überzeugungen – dem kollektiven Unbewussten – entdecken wir das wahre Sein, in dem sich die Weisheit des Herzens entfaltet.

Das hört sich nach einem etwas längeren Weg an.

Ja, deswegen biete ich ein Jahrestraining an. Es geht nicht um ein Aha-Erlebnis, sondern es ist eher wie das Schälen einer Zwiebel – Schicht für Schicht. Wenn man einmal bis auf den Grund vorgedrungen ist, dann ist man frei. Es ist also ein paradoxer Mechanismus: Um auf den Gipfel der Freiheit zu gelangen, muss ich durch die tiefsten Tiefen meines menschlichen Seins.


Ich nehme an, dafür gibt es Werkzeuge?

Ja, natürlich. Wir haben z.B. bestimmte Fragestellungen, denen wir über einen längeren Zeitraum nachgehen, um an unbewusste Schichten in der Tiefe unserer Seele zu gelangen. Dabei ist auch die Kunst des Nicht-Tuns – ein Geschehenlassen aus der Tiefe in einem inneren Raum der Stille – ein unterstützendes Element. Ein Hauptteil ist die Arbeit mit dem inneren Kind. Übrigens fallen nach so einer grundlegenden Arbeit nicht nur die Panzer der Abwehrmechanismen weg, sondern auch die Panzer der Gleichgültigkeit. Mich berühren die Kleinigkeiten im Alltag viel mehr als früher. Ein weiterer „Nebeneffekt“ bei mir war, dass ich mir endlich Hilfe von außen holen konnte, weil sich mein Glaubenssatz „Ich muss alles alleine schaffen“ aufgelöst hat. Heute bastle ich meine Flyer nicht mehr selber, sondern überlasse das jemandem, der mehr darüber weiß als ich. Wenn diese Öffnung in der Tiefe einmal stattgefunden hat, setzt sich der Prozess jeden Tag fort und die Mechanismen der Vergangenheit greifen einfach nicht mehr. Die Anfälligkeit für Alltagsstress und Leistungsdruck wird immer geringer. Stattdessen gelangt man zu einem gewissen Innehalten, in dem trotzdem Bewegung ist. Und die Bewegung kommt aus dem Herzen und nicht von irgendwelchen übernommenen Glaubensmustern.

Kann man davon ausgehen, dass jeder seine Päckchen aus der Kindheit mit sich herumträgt, auch wenn er keinen Missbrauch erfahren hat?

Die Frage kann ich mit einem eindeutigen JA beantworten. Ich habe es schon oft erlebt, dass Menschen zu mir kamen mit der Überzeugung, in ihrer Kindheit sei alles in Ordnung gewesen, bis sie nach gründlicher Erforschung doch auf eine schmerzhafte „Unordnung“ gestoßen sind. Es muss natürlich nicht gleich Gewalt und Missbrauch auftauchen, aber wir haben alle Päckchen in unserem Rucksack, die nicht zu uns gehören. Warum soll ich mir das Leben schwer machen? Es ist Zeit aufzuräumen und wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, wo uns Techniken zur Verfügung stehen, die das ermöglichen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen einen guten Start mit dem neuen Jahrestraining.

www.wege-des-herzens-berlin.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.