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Ausgabe März 2009
Das Kaninchen vor der Schlange

Manchmal verlässt uns der Mut und Ängste dominieren unseren Gemütszustand. Andreas Krüger ist Leiter der Samuel-Hahnemann-Schule und hat seit Jahren Praxiserfahrung mit Ängsten aller Art. Im Gespräch mit KGS geht er auch auf persönliche Angsterfahrungen e

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KGS: Ängste lähmen unseren Mut. Was gibt es für Entstehungsmuster für Ängste?

Andreas Krüger: Hierzu gibt es viele Theorien, aber statt sie aufzuzählen, werde ich lieber von einer persönlichen Erfahrung sprechen. In meinem Leben kenne ich zwei zentrale Ängste. Meine Hauptangst, die mich über viele Jahre fast zum Wahnsinn gebracht hat, war die Angst zu verarmen. Es war eine völlig irrationale Angst, denn auch als ich mich als Heilpraktiker selbständig machte, schrieb ich schon nach zwei Monaten schwarze Zahlen und nach einem Jahr war meine Praxis voll.

Aber dann passierte etwas, das mein Gottvertrauen erschütterte. Ich verlor vor 18 Jahren meine zweite Tochter. Dieser Verlust war an sich furchtbar, aber noch weitreichender war der Verlust meines Gottvertrauens. Ich war fassungslos – wie konnte er mir das antun? Ich führte ein gottgefälliges Leben, kümmerte mich um die Gesundheit seiner Kinder und bisher war er mir wohlgesonnen. Da mein Vertrauen verschwunden war, musste ich mir auf einer anderen Ebene Sicherheit schaffen: Geld sollte diese Funktion übernehmen. Dass weite Teile der Menschheit unter dieser Kollektivangst leiden, hat uns die letzte Finanzkrise gezeigt. Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen, die auf viel Geld aus sind, diese Grundangst haben. Vor einigen Jahren gab es auch eine Finanzkrise. Ich hatte Geld verloren, außerdem eine beachtliche Steuernachzahlung und merkte, dass mir alles über den Kopf wuchs.

In dieser Zeit hat mich die Angst mit ihrer ganzen Wucht übermannt. Ich bin sehr krank geworden und bestand nur noch aus Angst. Nichts half. Bis mir eine Freundin, die schamanisch arbeitet, ihre Hilfe anbot. Sie machte mit mir zwei Reisen: Die erste Reise ging zurück in die Intensivstation, wo meine neugeborene Tochter kurz vor ihrem Tod lag. In dieser Situation hatte ich ein Stück von meiner Seele verloren und diesen Seelenanteil holte die Freundin wieder zurück.

Auf diesen Zeitlinienreisen reist man auf einer imaginären Schiene der Zeit und kann sowohl Situationen in der Vergangenheit als auch in der Zukunft bereisen. Die zweite Reise ging in die Zukunft über meinen Tod hinaus. Ich sollte mir vorstellen, wie sich meine Nachkommen nach meinem Tod – trotz der Trauer, dass ich nicht mehr da bin, aber da ich sehr alt war, gehörte mein Tod einfach zum Lauf der Dinge – darüber gefreut haben, dass ich ihnen ein beachtliches Vermögen hinterlassen hatte. Außerdem sollte ich mir vorstellen, wie mein Nachfolger als Leiter der Samuel-Hahnemann-Schule eine Rede hält, in der er vor versammelter Mannschaft eröffnet, dass ich eine Stiftung hinterlassen habe.

Die Schamanin hatte mir also sowohl einen Teil meiner Seele zurückgeholt als auch ein Bild verankert, dass ich in diesem Leben nicht mehr verarme. Diese Trance dauerte 10 Minuten und obwohl danach nicht alles wieder sofort optimal war, ging es bergauf. Was ich 12 Jahre lang in zahlreichen Therapien gesucht hatte, fand ich in den 10 Minuten der Seelenreise. Der Angstauslöser war also ein Seelenverlust und wenn man den Seelenanteil wieder integriert, verschwindet die Angst. Das ist eine Möglichkeit, warum Ängste entstehen: Menschen werden tief traumatisiert und dadurch spaltet sich ein Seelenanteil ab. Jede Situation, die an die Traumatisierung erinnert, holt die Angst wieder hervor.

Die Palette der Ängste ist groß. Was gibt es für Unterscheidungskriterien?

Im Grunde kann man Ängste in zwei Gruppen aufteilen. Es gibt die physiologische Angst, die einfach berechtigt ist. Wenn jemand mich bedroht, muss ich mich wehren. Diese Angst ist überlebenswichtig. Die zweite Form ist die unadäquate Angst, wie z.B. in dieser fiktiven Situation: Sie kommen zu mir, um mit mir ein Interview zu machen und ich bekomme kein Wort heraus, sondern fühle mich wie das Kaninchen vor der Schlange. Der Grund ist, dass Sie mich an meine Französischlehrerin erinnern, die mich damals in einer peinlichen Situation vor der ganzen Klasse bloßgestellt hat.

Mein erlittener Seelenverlust wird aktiviert und ich verwechsle Sie mit der Lehrerin. Als Homöopath nehme ich Gelsemium – die Wahnidee, ein Kaninchen zu sein – und kann nach der Mitteleinnahme normal mit Ihnen reden. Ich war lange Beisitzer bei Heilpraktikerprüfungen und Gelsemium war das wichtigste Mittel, das ich den Prüflingen sogar während der Prüfung geben durfte. Ich würde sagen, dass 95 % der Ängste Verwechselungen sind mit Situationen, in denen diese Ängste damals berechtigt waren.

Haben Sie einen beispielhaften Fall?

Ich hatte einen Patienten, der eine große Firma leitete und gleichzeitig unfähig war, auch nur halbwegs eine Alpha-Rolle einzunehmen. Er hatte eine unglaubliche Supervisionskultur entwickelt – wegen jeder Kleinigkeit wurde Supervision eingesetzt. Aber es war eben keine trotzkistische Jugendgruppe, sondern eine Firma. Dieser Mensch hatte immer wieder das Gefühl, wenn er in die Alpha-Position geht, ziehen alle seine Mitarbeiter Messer, um ihn zu erstechen. Ich gab ihm homöopathische Mittel und dann hatte dieser Mann einen Traum: Er träumte, dass er Cäsar ist. Er geht ins Capitol und verkündet: Ich werde heute von Markus Antonius zum Kaiser ausgerufen! Damit nimmt er eine eindeutige Alpha-Position ein. In dem Moment haben seine besten Freunde ihre Messer gezogen und ihn erstochen.

Der Manager entschuldigte sich für den Traum und wusste ihn nicht zu deuten. Ich glaube Träumen, denn in ihnen offenbart sich die Seele, von der ich glaube, dass sie zutiefst wahrhaftig ist. Ich nehme also die Information von seiner Seele und verbinde sie mit meinem Wissen, welches Mittel ich dem verratenen Cäsar zuordnen kann: Wolfsmilch. Durch die Wölfe ist Rom entstanden und Wolfsmilch steht für das Alphatier. In der Homöopathie gucken wir nicht nur, wo es weh tut, sondern welches Thema sich dahinter verbirgt. Dieser Manager lebte nicht das, was das Leben von ihm verlangte: ein Alphatier zu sein. Außerdem habe ich ihm die Technik der Seelenrückholung angeboten.

So wie meine Existenzangst nach meiner Seelenrückholung vorbei war, so ist bei dem Manager nach der Rückholung des Seelenanteils von dem damaligen Cäsarverlust und nachdem er die Wolfsmilch genommen hatte, seine Angst vor Entscheidungsmacht gewichen. Er ist in seinen Betrieb gegangen und hat ab da die erforderliche Führungsposition bezogen.

Träume als Wegweiser?

Ich glaube, dass keiner besser weiß, was er braucht, um heil zu werden als er selbst. Der sicherste Weg, um das herauszufinden, sind für mich die Träume. Ich habe gestern Abend eine Film gesehen, der mich sehr berührt hat: „Für meinen Vater“. Der Film ist eine einzige Ode an die Hoffnung. Heute Nacht habe ich geträumt, dass ich mit einem dieser Filmfiguren Workshops mache, in denen einfach Versöhnung stattfindet. Dann habe ich in mein Repertorium geguckt und unter dem Stichwort „Träume von Versöhnung“ steht nur ein einziges Mittel: Bambus. Bisher ist mir die Verbindung noch nicht klar. Das einzige, was mir einfällt ist, dass man mit Bambus Brücken baut.

Ich glaube, der Mensch offenbart sich durch seine Träume. Der Königsweg zur Seele. Und dann gibt es ja die Möglichkeit, das Energiesystem des Patienten durch kinesiologische Tests zu befragen. Das ist für mich der Königsweg einer demokratischen Medizin: Nicht der schlaue Therapeut weiß, was der Patient braucht, sondern er weiß selber, was er braucht. Der Therapeut ist Dienstleister. Elektriker.

In früheren Interviews wurde ich oft gefragt, womit ich mich als Heilpraktiker am meisten identifiziere: Psychologe, Arzt oder Pfarrer. Ich habe immer geantwortet: Elektriker. Heute ist mir klar, was ich mit dem Bild meinte: Ich bringe Kreisläufe wieder in Gang. Ich will, dass die Lampe wieder brennt.

Möge Ihre Werkzeugkiste immer größer werden.
KGS sagt vielen Dank und alles Gute.

www.samuelhahnemannschule.de


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