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Ausgabe Januar 2004
Wie anders ist die Anderswelt?

Die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit - Ein Beitrag von Jochen Kirchhoff

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Der Erfolg des Filmes “Matrix” hat es (wieder einmal) gezeigt: Viele Menschen glauben nicht daran, dass das, was sich so kompakt und prall als Wirklichkeit darstellt, die eigentliche und wahre Wirklichkeit ist. Der Verdacht ist verbreitet, dass wir auf irgendeine schwer durchschaubare Weise gefoppt und getäuscht werden, dass die Dinge anders sind, als sie sich präsentieren. Dieser Verdacht, bezogen auf die materielle Welt, die Sinnenwelt, ist so alt wie das philosophische Denken überhaupt. Heute dominieren technische Bilder und Vorstellungen, früher waren es eher mythologische und religiöse - die es natürlich noch immer gibt. In der keltischen Mythologie ist von einer Anderswelt die Rede, die immer gleich um die Ecke zu finden ist. Die Anderswelt ist ganz nah; eigentlich sind wir immer, ohne es zu wissen, in sie eingelassen. Wir sind immer zugleich Sinnenwesen und Andersweltwesen. Und es erhebt sich die Frage, wie beides miteinander zusammenhängt. Gibt es Ähnlichkeiten, Parallelen, Korrespondenzen? Wie gelangen wir von hier nach dort? Wie anders ist die Anderswelt?

Schlupflöcher
Erfahrungen in Grenzzuständen des Bewusstseins, in solchen transpersonaler Art, zeigen uns gelegentlich “Schlupflöcher der Realität”: Gelegentlich und meist überraschend wird erkennbar, dass die materielle und sinnliche Realität nicht so kompakt ist, wie sie zu sein scheint, auch nicht so hermetisch geschlossen, dass kein “Jenseitsblick” möglich wäre. Es gibt offenbar so etwas wie Schlupflöcher, geheime, meist übersehene Tunnel oder auch Öffnungen in die Anderswelt. Diese sind wie Tapetentüren; deswegen werden sie oft nicht wahrgenommen. Außerdem sind die Zugänge zur Anderswelt nicht “harmlos”, sie sind nicht “einfach so” zu haben. Alle spirituellen Traditionen betonen diesen Punkt. Wenn du durch die Pforte willst, musst du bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Geschenkt bekommst du es nicht, jedenfalls nicht im sogenannten Normalfall. Von den Ausnahmen kann hier abgesehen werden.
Du kannst durch die Tapetentür gehen, aber du zahlst einen Preis. You have to pay the ticket! Wenn dich die Gier oder Neugier leitet, wirst du nicht weit kommen; dann wirst du dich schon in den Vorhöfen in deinen eigenen Projekten verheddern. Das Bardo thödol, das tibetische Totenbuch, erzählt eindrucksvoll davon. Bedenkenswert (und bedenklich) auch, dass du nicht naiv als du selbst, so wie du dich kennst, die Grenzbereiche der Anderswelt erkunden kannst. Du tust dies grundsätzlich als ein Anderer, als der Andere, der du zugleich immer gewesen bist, ohne davon zu wissen oder dir Rechenschaft darüber abzulegen.

Du bist der Andere
Die Anderswelt ist vor allem dies: anders, und zwar so anders, dass deine dir vertrauten Koordinaten wenig gelten, auch die Koordinaten, die mit deinem Selbst-Sein, deiner dir vertrauten Identität, zu tun haben. Und doch hast du das Gefühl, dass der Andere, als der du dich “dort” erfährst, nicht nur immer bei dir oder in dir war, sondern dass er deine eigentliche Wirklichkeit ist. Du bist der Andere! Von dem Anderen aus ist “dieser hier”, der Sinnenmensch mit seinen mentalen Werkzeugen, eine recht unzulängliche Figur, fast schemenhaft, eher Nebel als Licht. Das entwertet den Sinnenmenschen nicht. Im Gegenteil. Erst der Andere gibt dem Sinnenmenschen seine eigentliche Würde. Ohne den Anderen ist der Sinnenmensch wenig wert.

Die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit
Wie anders ist die Anderswelt? Wie anders ist die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit? Da liegt eine enorme Schwierigkeit, ein heftiges Problem. Das ist wie ein Koan - wie die Rätselsprüche im Zen-Buddhismus genannt werden. Ein Koan, das keiner für dich lösen kann. Du selbst musst es lösen! Kein Guru oder Meister kann es für dich tun! Gurus oder Meister können Helfer sein; aber oft sind sie es nicht. Sie vermitteln dir und uns ihre Version der anderen Welt, die für dich und mich und uns “nicht stimmen muss”. Sei du selbst. Weniger ist nicht zu fordern, wenn wir nicht einfach Gläubige sein wollen. Ob du nun an einen Guru, an die Technik, an dein Ego glaubst - das alles ist wenig wert, ja hinderlich, wenn es um die Anderswelt geht, die ja in gewisser Weise die eigentliche Welt ist, die eigentliche Wirklichkeit. Kein abgetrenntes Jenseits, keine feinstoffliche Phantasmagorie, keine verrückte Simulation o.ä. Die Anderswelt ist einfach die Wirklichkeit. Sie ist immer da, immer anwesend. Ohne die Anderswelt würde die materielle Welt kollabieren. Die Anderswelt trägt und ermöglicht die Sinnenwelt. Der Andere trägt und ermöglicht dich. Nicht erst im Tode wirst du begreifen, dass du immer der Andre warst oder bist. Du weißt es schon jetzt...


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