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Ausgabe März 2008
Shiatsu - was Berührung bewirken kann

Ein Interview mit Wilfried Rappenecker, dem Leiter der Schule für Shiatsu in Hamburg, anlässlich seines Besuches für ein Seminar in Berlin - von Ulrike Schmidt

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Ulrike Schmidt: Wilfried, erinnerst du dich noch an deinen ausschlaggebenden Impuls, mit Shiatsu zu beginnen?

Im Frühjahr 1981 bin ich im Urlaub den Highway 1´ an der amerikanischen Westküste herunter getrampt und in `Esalen´ gelandet. Dort habe ich zugeschaut, wie auf dem Sundeck die Esalen-Massage angewendet wurde. Da hatte ich plötzlich den Wunsch, auch Massage zu lernen und meine Freunde zu massieren. Als ich zurück in Berlin war, sagte eine Freundin zu mir, Massage könne ich ja immer noch lernen, aber erst einmal käme ein Japaner aus New York nach Berlin, Wataru Ohashi, bei dem solle ich mal einen Kurs in Shiatsu machen. Das habe ich getan. Ich habe zu der Zeit im Urban-Krankenhaus auf einer chirurgischen Intensivstation gearbeitet, da wurde bestimmt nicht berührt. Vielleicht hat das meine Sehnsucht zu berühren mit ausgelöst.

Und welches Bedürfnis stand letztlich dahinter, deinen Beruf als Arzt ganz aufzugeben?

Ich habe meinen Beruf als Arzt niemals aufgegeben! Ich verstehe auch heute meine Shiatsu-Tätigkeit als eine ärztliche Tätigkeit. Ich habe lediglich meine schulmedizinische Tätigkeit aufgegeben. Dies tat ich, weil ich das Gefühl hatte, es tut mir einfach gut. Diese Überlegung hatte durchaus auch eine spirituelle Dimension. Dann die Sehnsucht zu berühren. Und nicht zuletzt auch eine Art Forscherdrang: herauszufinden, was Berührung alles bewirken kann, wie weit das geht.

Kannst du etwas zum Konzept der Meridiane sagen, die ja im Shiatsu eine große Rolle spielen?

Meridiane sind ein sehr wertvolles Instrument im Shiatsu, mit dem ich über eine ganze Behandlungsdauer mit einem energetischen Organ arbeiten kann, d.h. mit einer kompletten Seite eines Menschen. Ich kann das energetische Organ durch die Berührung im Meridian berühren, ich kann erfahren, in welchem Zustand es sich befindet und ich kann sogar Fragen stellen und erhalte Antworten. Alles in allem ein tolles Instrument. Allerdings sind die Meridiane keineswegs das Herz des Shiatsu für mich - das ist immer der ganze Mensch und die Begegnung mit ihm.

Wie können "mechanische" Übungen wie die Meridiandehnübungen einen Effekt auf die Meridianenergien haben?

Meridiandehnübungen, Yoga-Übungen oder auch Dehnungen und Rotationen in einer Shiatsu-Behandlung sind ja niemals nur mechanische Geschehnisse, sondern beeinflussen immer auch den energetischen Raum des Menschen. Dies tun sie um so mehr, je entspannter und offener die übende oder behandelnde Person ist und je weniger sie etwas erzwingen will. Nur ein Teil dieser Wirkung auf den Raum findet im Verlauf des Raumes eines Meridians statt. Der meist wichtigere Teil wirkt sich auf den größeren energetischen Raum aus, den man z.B. den energetischen Organen zuschreiben kann.

Was bedeuten "Kyo" und "Jitsu"?

Kyo und Jitsu sind im Shiatsu Beschreibungen der Erfahrung energetischer Qualitäten bestimmter Bereiche oder Aspekte eines Menschen und seines Körpers. Wie alles Energetische sind auch die Erfahrungen energetischer Zustände nur schwer in Worte zu fassen, denn Worte sind grundsätzlich etwas anderes als die unmittelbare Erfahrung. Hinter diesen Begriffen stehen immer konkrete subjektive Sinneserfahrungen, die durch Worte nicht wirklich reproduziert werden können. Ich versuche es trotzdem: Kyo bedeutet für mich die Erfahrung von "der berührte/wahrgenommene Bereich zieht sich in die Tiefe zurück, erlaubt aber auch einen Kontakt zu den tiefen Räumen dieses Menschen". Jitsu bedeutet für mich "der berührte Bereich drängt an die Oberfläche und erlaubt keinen tiefen Kontakt". Damit steht Kyo auch in Verbindung zu den Seiten eines Menschen und seiner Seele, die eher versteckt in seiner Tiefe residieren, Jitsu mit den Seiten, die sich eher aktiv und an der Oberfläche zeigen. Dabei ist Kyo im Sinne der TCM ein Yin- und Jitsu ein Yang-Zustand. Kyo und Jitsu an sich sind weder gut noch schlecht, weder stark noch schwach, weder gesund noch krank. Sie beschreiben einfach, wie ein energetischer Raum sich strukturiert.


Lässt ein Kyo ein Symptom entstehen oder hinterlässt ein Symptom ein Kyo?

Zunächst einmal muss man feststellen, dass Kyo oder auch Jitsu keineswegs für Schwäche oder Stärke stehen. Sie sind zunächst einmal nichts weiter als die neutrale Weise, wie das energetische Feld sich organisiert bzw. strukturiert. In lebenden Organismen muss der energetische Raum sich stets organisieren, das scheint ein Naturgesetz zu sein. Das ist neutral, weder gut noch schlecht, weder richtig oder falsch.
Die Muster im energetischen Feld entstehen immer interdependent, das heißt, Kyo und Jitsu entstehen letzten Endes gleichzeitig, sie bringen sich gegenseitig hervor. Für ein Kyo muss immer ein oder viele Jitsus, aber auch Kyos, "gerade stehen". Für ein Jitsu gilt das gleiche umgekehrt. Ich würde also sagen, Kyo bringt Jitsu nicht mehr hervor als Jitsu ein Kyo - sie bedingen sich gegenseitig. Wenn sich ein energetisches Muster z.B. ein tiefes Kyo im Verlauf einer Behandlung ändert, dann muss das von dem gesamten Muster des Menschen durch Veränderung mitgetragen werden. Nur so erhält der Mensch seine Homöostase aufrecht.
Die Bedeutung des Kyo in unserer Arbeit liegt nicht darin, dass sie die Ursache allen Übels darstellen, als dass sie vielmehr den Zugang zur Tiefe eines Menschen darstellen, dorthin wo die geheimen Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und Schwächen vergraben worden sind. Alles, was existent ist, jedoch vergraben, verdrängt oder geleugnet wird, dominiert uns. Gleichzeitig entzieht es sich aber auch der bewussten Kontrolle, weil es ja weit von dem bewussten Erleben entfernt deponiert wurde. Weil es so tief verdrängt wurde und sich lange dort aufhalten und das Leben beeinflussen kann, erscheint es uns wichtiger als die Oberfläche. Für die praktische Shiatsu-Arbeit ist das auch richtig. So erscheinen diese Kräfte schließlich als die Ursache unseres Leidens und da ist auch etwas Wahres dran. Um Lösungen für unsere Alltagsprobleme, aber auch unsere Erkrankungen zu finden, brauchen wir in jedem Fall Zugang zu den Kräften in der Tiefe. Nicht selten ist es so, dass die Berührung eines solchen tiefen Komplexes wichtige, lange verhinderte Bewegungen zulässt.

Deine größte Inspiration im Shiatsu?

Liebe für die Menschen.

Deine größte Überraschung im Shiatsu?

Dass Ki ganz real ist und konkret erlebt werden kann.

Deine größte Entdeckung beim Shiatsu ausüben?

Dass Menschen sich immer selber heilen.

Deine größte Herausforderung im Shiatsu?

Nicht so viel zu wollen.

Deine größte Shiatsukrise?

Anfang der 90er Jahre, als Shiatsu viel Unangenehmes und kaum Auszuhaltendes ans Tageslicht brachte und ich richtig krank wurde. Damals hatte ich gerade damit begonnen, Shiatsu hauptberuflich auszuüben und hatte erwartet, dass es von nun an blendend gehen würde. Das Gegenteil war der Fall.

Was war oder ist deine größte Sehnsucht im Shiatsu?

Leicht aus meinem ganzen Dasein heraus zu arbeiten, nicht nur aus Teilen davon.

Was ist deine größte Ressource im Shiatsu?

Mein "Herz", mein stilles Inneres.

Was würde dir im Leben fehlen ohne Shiatsu?

Die Berührung.
Ein Zitat von Ohashi.
"Anyway, don't take it tooo serious!"

Dein nächstes Buchprojekt?

"30 Fälle Shiatsu" - ein Buch mit 10 bis 15 Autoren evtl. aus mehreren europäischen Ländern, das voraussichtlich im Herbst 2009 im Urban-Fischer-Verlag erscheinen wird und in dem 30 interessante Shiatsu-Fälle vor allem aus der therapeutischen Shiatsu-Praxis beschrieben werden.

Lieber Wilfried, vielen Dank für das Interview.



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