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Ausgabe Dezember 2003
Rauschende Weihnacht - Räucherrituale und berauschende Fliegenpilze

Der Ethnobotaniker Christian Rätsch stellt einen schamanischen Zusammenhang zwischen dem rot-weißen Fliegenpilz und dem mit Rentieren durch die Lüfte fliegenden Weihnachtsmann her.

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Aus dem Räuchermännle, fabriziert im Erzgebirge, steigt der Weihrauch auf, der für Weihnachten die Luft würzt. Das Räuchern zu den geweihten Nächten ist ein archaisches Ritual, frei von aller Religion und Weltanschauung. Räuchern ist menschlich, allmenschlich, universal. Es gehört zu den Kulturkonstanten der Menschheit. Geräuchert wurde zu allen Zeiten, an allen Orten, in allen Kulturen. Weihrauch ist keine Erfindung der Kirche, sie hat ihn – wie so viele ihrer liturgischen Elemente – übernommen, von den unchristlichen heidnischen Gebräuchen, die vor dem Judentum und vor dem Christentum en vogue waren.
Räuchern ist heidnisch. Genauso wie Weihnachten. Der Rauch erzählt mir die echte Weihnachtsgeschichte. Besser gesagt eine Facette davon. Aber auch das Räuchermännle erzählt eine ganz andere Geschichte als die Bibel. Das Räuchermännle ist ein Zwerg mit Pfeife und spitzkegeligem Hut, einer pilzigen Zwergenmütze. Es sitzt unter dem Schirm eines Fliegenpilzes. Es steht unter dem Schutz des schönsten, des archetypischsten aller Pilze. Der Fliegenpilz ist auch der Schutzschirm der heidnischen Weihnacht, des Rituals der Wintersonnenwende.

In der germanischen Mythologie, so wie sie in der frühen Neuzeit aufgezeichnet wurde, gibt es einige Geschichten, die Wotan (Odin), den schamanischen Gott der Ekstase und Erkenntnis, mit dem Fliegenpilz (Amanita muscaria) in Verbindung bringen. Der Sage nach entsteht der Fliegenpilz, wenn Wotan auf seinem Ross zur Wintersonnenwende mit seinem Gefolge, der Wilden Jagd, durch die Wolken reitet. Überall dort, wohin der Geifer von Wotans achtbeinigem Pferd auf die Erde tropft, werden im Herbst, genau neun Monate später – Fliegenpilze aus dem “geschwängerten” Boden schießen.
Außerdem heißen Fliegenpilze im Volksmund “Rabenbrot”. Raben sind nicht nur uralte Schamanen- und Krafttiere, sondern auch die Botschafter des Wotan. Es ist durchaus möglich, dass der Fliegenpilz – immerhin der auffälligste aller Pilze – in heidnischer Zeit bei ekstatischen Schamanenritualen in nördlichen Ländern eine Rolle spielte. Schließlich ist es möglich, dass der weiß-rote Weihnachtsmann, der mit seinem Rentiergespann durch die Lüfte fliegt, nichts anderes als ein anthropomorpher Fliegenpilz oder ein Fliegenpilzschamane ist.
In dem Ravensburger Buch Kräuter, Gewürze und Heilpflanzen (1994) heißt es: “Da sich nach dem Verzehr (von Fliegenpilzen) oft ein Gefühl zu fliegen einstellt, könnte hier der Ursprung für die in Skandinavien und England verbreitete Version des Weihnachtsmanns liegen, der auf einem Rentierschlitten durch die Luft fliegt.” Rentiere lieben es, sich an Fliegenpilzen zu berauschen, hat Giorgio Samorini in seinem Buch Liebestolle Katzen und berauschte Kühe – Vom Drogenkonsum der Tiere (AT Verlag, 2002) geschrieben. Vielleicht können sie dann durch die Farbenpracht der Nordlichter fliegen. Mit dem Weihnachtsmann im Gepäck. Das Räuchermännle steht unter der Tanne, dem Weihnachtsbaum. Er wird durch den Rauch geweiht, ganz genauso wie der Weltenbaum, die axis mundi, die Weltenachse, im schamanischen Ritual. Der pfeiferauchende Holzzwerg sitzt nicht nur unter dem Schirm des Fliegenpilzes, er beräuchert ihn auch. Genau wie manche sibirischen, ostjakischen Schamanen vor dem Tranceritual ihre Fliegenpilze mit harziger Fichtenrinde beräuchern. Im Fliegenpilzrausch sehen die Dinge ganz anders aus. Die Pilzwelten werden visionäre Wirklichkeit. Der Fliegenpilz ist ein Lehrer, ein Bote aus der gewöhnlich unsichtbaren Welt, eine Offenbarung der Natur. Er gaukelt nicht die angenommene Wirklichkeit der Warenhäuser, die zur Weihnachtszeit zu Wahnhäusern werden, vor. Er zeigt dem Psychonauten die Wirklichkeit in all ihrer Pracht und Grausamkeit. Das Wunder der Schöpfung verbirgt sich unter einem weiß-roten Hut.Man kann Weihnachten auch anders feiern als im Taumel des Konsumstresses, der Kirche oder “im Schoße” einer zerrütteten Familie. Man kann zur Zeit der Wintersonnenwende in sich kehren und den Lauf der Natur erspüren. Vielleicht kann zur Visionssuche ein Fliegenpilz aus Marzipan hilfreich sein. Weiß-rote Weihnachten.


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