aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe November 2003
Das Ritual der Bestattung

Uller Gscheidel, Dipl. Pädagoge und Bestatter, hat es sich mit dem Bestattungsunternehmen CHARON zur Aufgabe gemacht, die Angehörigen zu ermutigen, an allen Handlungen mit den Verstorbenen teilzunehmen und dies für sich als Schritte auf dem Weg zur Bewäl

art26578
Das Ritual der Bestattung - kleine Schritte auf dem Weg der Verabschiedung
Für die meisten Menschen bedeutet Bestattung lediglich die Verabschiedungsfeier auf dem Friedhof. Aufgrund meiner Erfahrung in der Begleitung von Hinterbliebenen bin ich jedoch der Meinung, dass es für diese sehr hilfreich bei der Verarbeitung des Verlustes ist, den gesamten Zeitraum zwischen dem Tod und der Beisetzung des Toten, der Überführung in die letzte Ruhestätte und alle Handlungen auf dem Weg dorthin als Bestattung zu verstehen.
Ein Mensch ist gestorben – die Welt ist nicht mehr so, wie sie war, zumindest nicht für diejenigen, die ihn gekannt haben. Bisher erlebte und gelebte Beziehungen sind unwiederbringlich verloren und müssen von den Zurückgebliebenen in neue Beziehungsformen, solche der Erinnerung und des Gedenkens gewandelt werden.
Bis der Tote seine letzte Ruhestätte erreicht hat, befindet sich alles in einem Zwischenzustand. Doch gerade in dieser Zeit zwischen dem Tod und der Beisetzung kann das Fundament für die Bewältigung des Verlusts gelegt werden. Jedoch sind wir in einer solchen Situation immer auch mit unserer eigenen Endlichkeit und meist auch mit unserer Angst vor dem eigenen Tod konfrontiert. Und so neigen wir dazu, alle nun notwendigen Schritte schnell an Fachleute wie Bestatter und Pfarrer zu delegieren.

Stationen auf dem Weg zwischen Tod und Beisetzung
Es gibt verschiedene Schritte auf dem Weg zur Beisetzung eines Verstorbenen, die den Verabschiedungsprozess der Hinterbliebenen unterstützen können. Einer der ersten Schritte besteht darin, eine Vorstellung davon zu gewinnen, was geschehen ist: “Nie mehr werde ich ihr Lachen hören.” “Nie wieder werde ich mit ihm streiten können.” Auf dem Weg zum Verständnis dieser Endlichkeit ist die Möglichkeit der Wahrnehmung dessen, was verblieben ist, sehr hilfreich: der tote Körper. Die Nähe zum Körper eines geliebten, nun verstorbenen Menschen hilft, den Schockzustand zu überwinden, zu be-greifen, was geschehen ist und zu beginnen, dies Schwerbegreifliche zu akzeptieren.
Weiterhin sind eine Menge Entscheidungen zu treffen, deren Handhabung den weiteren Prozess des Abschiednehmens wesentlich beeinflussen. Wie lange kann, darf, soll der Verstorbene an dem Ort verbleiben, an dem er gestorben ist? Wann und wie wird er abgeholt? Wird der Verstorbene gewaschen und gekleidet und von wem? Wer bettet den Verstorbenen in dem Sarg? Wann wird dieser endgültig verschlossen? Soll eine Trauerfeier stattfinden oder nicht und wie soll diese gestaltet sein? Welche Rituale sollen wann und von wem ausgeführt werden?
In den meisten Fällen entscheidet der beauftragte Bestatter nach eigener Routine, da bei der Beauftragung die Angehörigen über diese Details gar nicht genau Bescheid wissen wollen und so über Vieles oft nicht gesprochen wird. Damit jedoch wird eine wichtige Chance auf dem Weg der Verabschiedung vertan, denn es ist tröstlich und beinhaltet ein Potential großer Kraft für die Hinterbliebenen, alles noch mögliche für den Verstorbenen getan und ihn persönlich auf dem Weg bis hin zur Bestattung begleitet zu haben.

Bilder, die die Seele tief bewegen
Ein wichtiges Bild ist der im Sarg liegende verstorbene Mensch – mit Blumen geschmückt für die letzte Reise. Dieses Bild besitzt bereits eine ganz andere Qualität von Endgültigkeit und Distanz, als das Bild des verstorbenen Menschen im Sterbebett, der Ort, an dem er vielleicht seine letzten Lebensmonate verbracht hat.
Ein weiteres wichtiges Bild ist der Moment, wo der Sarg geschlossen wird. Das ist der zumeist tief bewegende Moment, in dem die letzte Verbindung zur Sichtbarkeit und Berührbarkeit des Verstorbenen getrennt wird. Ein letztes starkes Bild ist der mit dem Sarg davonfahrende und zuletzt verschwindende Leichenwagen, das die Entfernung zunehmend sinnlich spürbar macht.
Die Bilder von Trauerfeiern sind uns meist vertrauter: ein geschmückter Sarg, ein Redner, der Trauerzug als letztes Geleit, die Handvoll Erde, die ins Grab geworfen wird.
Ohne das Erleben all der Schritte zwischen Tod und Beisetzung wird erst hier bei der Trauerfeier die große Kluft zwischen Leben und Tod deutlich, und sie hat dann keine lösende Wirkung auf die Trauernden, da das physische Begreifen des Todes nicht stattgefunden hat.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.