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Ausgabe November 2003
Nomaden auf Zeit - Mit Kamelen unterwegs in Marokko

Angelika Schau bietet Reisen in die Wüste an. Regine Wosnitza ist schon zweimal mitgefahren und vermittelt in diesem Artikel einen kleinen Eindruck, wie faszinierend die Wüste sein kann.

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In diesem Herbst möchte ich mir einen lang gehegten Traum erfüllen: Ich möchte in die Wüste.
Nach zwei Tagen Fahrt - Flug nach Casablanca, Inlandsflug nach Ouarzazate, die letzte Etappe mit dem Auto - sind wir endlich am Abend im “Erg Lihoudi” angekommen. Wir werden von Millionen Sternen und einem großen Lagerfeuer begrüßt. In einem festlich geschmückten Berberzelt reichen uns blau gewandete Männer süßen Minztee, ein Hühnercouscous, Apfelsinen und immer wieder Tee. So sind die Strapazen der zweitägigen Anfahrt schnell in weite Ferne gerückt.

Aufbruch
Der Ausgangspunkt unserer Tour liegt bereits in der Wüste: ca.10 km vom letzten Ort M´Hamid entfernt, ca. 7 km von der Straße. Ich trete am Morgen aus dem Zelt und vor mir liegen sanft geschwungene Dünen in strahlender Sonne. Kamele liegen behaglich wiederkäuend zwischen den fünf Berberzelten des Camps. Wir werden neun Tage zu Fuß oder hoch zu Kamel unterwegs sein. Unsere Gruppe ist ein buntes Gemisch von Menschen, die zwischen 25 und 65 Jahre alt sind, mehr Frauen als Männer, mehr Einzelreisende als Paare. Unsere Führer sind ein gut eingespieltes Team, wie sich bereits am Tag unseres Aufbruchs zeigt. Taschen, Zelte, Mehlsäcke, Essensvorräte, Wasserkanister und Teppiche türmen sich zwischen den Zelten. Schließlich ist aber auch die vierstöckige Eiertrage festgezurrt. Die Karawane aus 12 Europäern, 5 Marokkanern und 13 Kamelen setzt sich langsam in Bewegung.

Unterwegs sein
Wie durch ein Dünentor betreten wir eine riesige Ebene - für die Überquerung werden wir einen halben Tag brauchen, immer wieder zieht sich der Horizont zurück. In den nächsten Tagen soll es nicht darum gehen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wir wollen einfach unterwegs sein, die einzelnen Etappen richten sich nach der Kondition der Gruppe. Wer tagsüber müde oder faul ist, besteigt eines der Kamele. Da wir alles mitführen, was wir während der Tour brauchen, können wir rasten, wo und wann wir wollen. Mehrmals am Tag belohnen uns unsere Begleiter mit Orangen, Datteln, Mandeln und Butterkeksen, mittags gibt es frischen Salat.

Die Wüste schweigt
Wir sind mit allem, was uns im Kopf herumspukt, in die Wüste gezogen, mit unserem Alltag voller Rechnungen, Telefonate und Verpflichtungen, über denen wir oft das Wesentliche vergessen. Die Wüste schweigt, aber wir müssen zunächst einmal reden, wir wollen uns kennenlernen. Die Landschaft verändert sich langsam, wir wandern über Geröllfelder an knorrigen Bäumen vorbei, die sich aus der Erde kämpfen, wir finden verdorrtes Grün in ausgetrockneten Wadis. Lagerplätze am Abend, um das tägliche Ritual des Sonnenunterganges zu zelebrieren. Nicht nur die Augen können beim Anblick der nur leicht changierenden Erdfarben zur Ruhe kommen. Überraschungen wirken um so stärker, eine Herde wilder Kamele, die sich ungeduldig um eine große Wasserstelle drängelt, Kinder und Nomadenfrauen in einer scheinbar menschenlosen Gegend. Sie hüten Ziegen, während die Männer Kamele betreuen.

Wirbelnde Gedanken in der großen Stille
Nach mehreren Tagen erreichen wir das “Meer ohne Wasser”, bis zu 60 Meter hohe Wanderdünen türmen sich in diesem Ozean. Das Gehen wird mühsamer, der Rhythmus der Wüste geht auf uns über, die Hitze verlangsamt alle Bewegungen zu einem fließenden Ablauf. “An den Fußabdrücken kann man zwischen den Leuten unterscheiden, die ankommen wollen und denen, die unterwegs sind,” lacht Ibrahime. Hineinlaufen in die große Stille, seine Seele finden, dem Herzen zuhören – ich bekomme eine Ahnung davon, wie das sein könnte und ich will mehr davon. Gesprochen wird inzwischen weniger, gesehen mehr, innen und außen. Der Wind, der lange anhalten kann, wirbelt alle Gedanken aus dem Kopf hinaus in die Weite.

Schlafen unter dem Sternenzelt
Jeden Abend verwandeln Decken, Kamelsättel und Kerzen unseren Rastplatz in eine gemütliche Wohnstatt. Gewärmt vom Feuer genießen wir im Sand gebackenes Brot, Couscous, Kartoffeln oder Linsen mit Gemüse, Tajine, sogar Spaghetti stehen auf dem abwechslungsreichen Speiseplan. Wir werden rundum versorgt, das tut gut. Oft endet der Tag mit Live-Musik, gespielt auf Gitarre, Oud und Wasserkanistern. Das Lieblingslied unserer Gruppe besingt die Schönheit von allem - von der Liebe bis zum Mond. Wir schlafen unter freiem Himmel im Schlafsack, hier draußen ist die Stille greifbar, der Sternenhimmel wölbt sich über mir wie eine unendliche schützende Decke. In jeder Pore sitzt nun der feine Sand, die Haare sind steif wie Putzwolle, die Haut spröde, die Wüste duldet keine Eitelkeit. Die nächste Waschgelegenheit ist oft weit. Aber dann, die Hände eintauchen, das sandige Gesicht spülen, die Haare nass machen, die Füße hineinstrecken, das ist paradiesisch.

Wüstengedanken
Die Wüste macht viele Menschen süchtig, wahrscheinlich, weil sie eine unendliche Leinwand ist, auf die jeder seine eigenen Träume projizieren kann. Mir zeigt die Wüste, dass sie mich nicht braucht. Die Größe der Landschaft macht mich klein. Das ist nicht unangenehm. Wer kleiner ist, nimmt sich nicht mehr so wichtig. Während ich unterwegs bin, vermisse ich selten etwas, was ich zu Hause zurückgelassen habe.


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