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Ausgabe Oktober 2003
Frieden kommt von innen - Meditation und die kleinen Dramen im Alltag

Heiße Wut und mörderische Gedanken sind unerwünscht, tauchen in unserem Alltag aber trotzdem auf. Lisa Freund unterstützt das Innehalten inmitten der Turbulenzen.

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Friedliche Meditation und der Idiot am Steuer
Es ist ein schöner, sonniger Tag. Die Morgenmeditation war besonders erfrischend. Es gab eine Berührung mit tiefer Stille. Freude und Zufriedenheit wohnten darin. Eva spürt ihr offenes Herz. Sie setzt sich gelassen ans Steuer ihres Autos, um zur Arbeit zu fahren. An der Ampel schneidet ihr ein schwarzes Auto den Weg ab. Eva landet nach einer Vollbremsung mit dem Kopf beinahe an der Windschutzscheibe. Es war Nötigung. Heiße Wut steigt in ihr auf. Sie öffnet das Fenster, schreit hinter dem schwarzen Auto her. Der Fahrer zeigt einen Vogel. Nun platzt Eva der Kragen. In rasender Wut möchte sie aus dem Wagen springen, auf das schwarze Auto zustürmen, den Kerl herauszerren, ihn schütteln, dann die Polizei rufen. Den Prozess möchte sie ihm machen, ihn so richtig blamieren, öffentlich, bis er eine Vorstrafe bekommt, seine Arbeit verliert... Am liebsten würde sie ihn umbringen. Es brodelt in ihr, blinde, rasende Wut. Das verletzte Ego tobt.
So beginnen Kriege. Wer kennt sie nicht, die kleinen Dramen im Alltag? Morgens, auf dem Meditationskissen ist die Welt noch in Ordnung, aber dann, draußen im Dschungel der Großstadt, wird das Herz schnell eng. Es ist, als wären es zwei Welten: Meditation und Alltag. Innehalten inmitten der Turbulenzen des Lebens will gelernt sein, braucht Übung, sinnvolle Methoden wie z.B. die Achtsamkeit.

Geduld - Ungeduld
Das Thema ist Geduld. Das Erforschen dessen, wie sich Geduld körperlich, geistig und emotional anfühlt, führt unmittelbar in ihre Kehrseite: Ungeduld und Hektik mit Aggression im Schlepptau. Ungeduld ist eine Form der Aggression. Eva will nur ungestört fahren und Umstände oder andere Menschen verhindern das. Sie denkt, es sei der Fahrer des schwarzen Autos, der einen Unfall provoziert habe. Erst ist da nur die Notwendigkeit zu bremsen, doch schnell heftet sich mehr daran, z.B. die Emotion (Wut), die Gedanken (ich könnte tot sein), die Projektion (der Fahrer ist schuld), das Handeln (die Beschimpfung) und dann die Folgen (ein Streit). Angeheizt wird die Spirale, als der Fahrer den Vogel zeigt. Ursache und Wirkung, ineinander verkettete Umstände, von denen ich in meiner alltäglichen Verblendung nur einen Bruchteil wahrnehme.

Die Ungeduld analysieren
Wenn ich meine Ungeduld erforsche, indem ich sie genau beobachte und dabei entdecke, wann meine innere Ruhe und Gelassenheit kippt, dann bin ich einen Schritt weiter. Das geht im Nachhinein in einer Visualisation, bei der ich meine Muster erkennen kann. Im gegenwärtigen Moment die Notbremse ziehen und nicht in den Kreislauf der alten Muster fallen, nicht andocken mit Wut und der Kettenreaktion, das ist eine Kunst, eine Ars Vivendi.
Alte Muster mit dem Atem verpuffen lassen
Hilfreich ist es, in einer solchen Situation zunächst den Ein- und Ausatem wahrzunehmen; d.h. ich halte inne, spüre meinen Körper, die Anspannung, die Bewegung der Emotionen und versuche, mich nicht zu verwickeln. Die erste Reaktion im Sinne meines altbekannten Musters ist verpufft. Jetzt entsteht Raum, in dem ich wählen kann, wie ich mit der Situation umgehen möchte. Nach der Vollbremsung: Ich richte das Augenmerk auf das Wiederfinden meines Gleichgewichtes, spüre den Atem, löse körperliche Anspannungen sanft, bis sich mein Herz beruhigt hat. Jetzt kann ich spielen mit meiner Vorstellung, indem ich mir im Fahrer des schwarzen Wagens den Familienvater, den kleinen Jungen, den hilflosen Kranken, den vom Dämon besessenen, den gestressten Alltagsmenschen oder den Menschen mit Fehlern und guten Seiten vorstelle. Ich kann meiner Wut mit Humor begegnen. Ich verdränge sie nicht, nehme die Lebensenergie, die in ihr steckt und lache. So kann ich üben, immer wieder Millimeter für Millimeter, meine einengenden Gewohnheiten ins Positive umzuwandeln. Das ist Transformation von Energie. So hole ich Spiritualität in den Alltag.

Fehler sind menschlich
Wenn es nicht gelingt, vergebe ich mir. Ich kann jeden Moment neu beginnen. Fehler sind menschlich. Wenn es mir gut geht, betrachte ich die Situation noch einmal in einer meditativen Übung. Es ist spannend und erkenntnisreich, Einstellungen und Haltungen zu erforschen, z.B. Großzügigkeit oder Demut, Freude oder Dankbarkeit, Hingabe oder Schuldgefühle und dabei hinter den begrenzenden Glaubenssätzen meine Fähigkeiten zu entdecken und damit zu experimentieren. Der Austausch in der Gruppe ist da hilfreich. Wenn ich Spiritualität in den Alltag hineinbringen will, dann ist das ein Prozess, in dem es keine fertigen Rezepte gibt, dafür aber die erfrischende Begegnung im Hier und Jetzt mit mir und anderen in einem Feld, das sich stets neu strukturiert.


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