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Ausgabe Juni 2003
Roman des Lebens - Biografisches Schreiben als Selbsterfahrung

Schreiben ist Selbsterfahrung. Klaus Rentel philosophiert über biografisches Schreiben.

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Der Stoff aus dem Geschichten sind: Jemand will ein Ziel erreichen, gerät dabei vielleicht in Schwierigkeiten. Natürlich schafft er es, meist aus eigener Kraft, manchmal mit der Unterstützung anderer. In jedem Fall legt der Held an persönlicher Reife zu. In Geschichten ist alles möglich und die besten sind ohnedies die ungewöhnlichen. Papier ist geduldig, besonders wenn es, wie beim biografischen Schreiben, um nichts als Reflexion und Sein geht. Wer schreibt, hat das Heft in der Hand und kann seinem Hauptdarsteller all das geben, was er braucht, um diese oder jene Herausforderung zu meistern. Da sich die Identitäten von Hauptdarsteller und Autor in diesem Fall angleichen dürfen, kann der Schreiber und Leser in Personalunion einiges für die Entwicklung seiner Persönlichkeit tun, in Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart. Auch wenn es “nur” darum geht, entspannt wahrzunehmen, was ist, was war und was sein könnte, wenn...


Biografisches Schreiben ist Lebensweg-Arbeit mittels Poesie. Wer schreibt, der bleibt – im Anonymen, wenn er das will, kann “verdeckt arbeiten” und so distanziert zum Thema bleiben, wie es für ihn passt. Der Autor als Undercover-Agent seiner eigenen Visionen und Werte. Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden oder vergangenen Personen oder Außerirdischen sind rein zufällig, zumindest aber nicht beweisbar.
Ein gedeihlicher Einstieg in das biografische Schreiben ist das kreative Assoziieren zum eigenen Namen. Denn der Name spiegelt die Identität wider, und wer glaubt schon, dass er nichts mit seinem Leben zu tun hat. Die Beschäftigung mit dem Namen öffnet die Tür zur Persönlichkeit, und aus den assoziierten Begriffen darf gerne etwas Lyrik fabriziert werden – der eigene Name, ein Gedicht.
Phantasiereisen helfen, vergangene Seiten des Lebensromans aufzuschlagen, um verschiedene Kapitel zu identifizieren. Eines davon darf gleich im Seminar geschrieben werden. Und da es nie zu spät für eine glückliche Vergangenheit ist, darf munter verändert, umgeprägt, verfremdet, gefälscht, geliebt und vergeben werden, nachdem die Zeitmaschine bei alten Schauplätzen angehalten und der Autor mit der Weisheit von heute über die Bühne oder das Set von damals schreitet. Wie in jedem bewegenden Film oder Buch haben Emotionen ihren naturgemäßen Platz.
Aus der Distanz des Autors lassen sich Erfahrungen und die dazugehörigen Gefühle gut von der Seele schreiben; Tagebuchschreiber kennen das. Die Romanfiguren sind wie sie sind und doch kann der Verfasser sie nach Belieben mit Ressourcen, Fähigkeiten und Einsichten versorgen oder unterversorgen, um zu schauen, wie sich die jeweiligen Szenen dann möglicherweise entwickelt hätten und was jeweils daraus zu lernen sein könnte. Der Autor profitiert von der wachsenden Einsicht seiner autobiografischen Hauptfigur.
Wenn es darum geht, das Gegenwärtige zu erforschen, ist die Technik des automatischen Schreibens, der ècriture automatique, aus dem Surrealismus ein probates Mittel. Der innere Zensor erhält eine wohlverdiente Pause, während munter und ohne Stiftabsetzen zu einem bestimmten Thema drauflosgeschrieben, nicht aber zurückgelesen wird. Das Unbewusste hilft bei dieser Übung übrigens nicht nur beim Ideensammeln, sondern auch bei der Überwindung von Schreibblockaden. Aus diesem Grund ist das automatische Schreiben neben Walt Disneys Kreativstrategie, Mindmapping oder Denkmodellen aus Rhetorik und Werbung auch eine wichtige Technik, wenn es darum geht, Textkompetenz im Beruf zu entwickeln, das heißt zügig und schlüssig Inhalte zu Papier oder auf den Bildschirm zu bringen.
Zurück zum biografischen Schreiben: Auf Basis der Mythosstudien von Joseph Campbell und C.G. Jungs Tiefenpsychologie sowie den Prinzipien des amerikanischen Erfolgskinos hat der Autor Christopher Vogler so etwas wie eine prototypische Entwicklung von Heldengeschichten skizziert, wie sie nicht nur in Filmen immer wieder und in vielfältigen Abwandlungen abläuft, sondern auch auf die Biografien von Einzelnen und Organisationen bezogen werden kann. Im Verfassen seiner Geschichte kann der Drehbuchautor bezogen auf kleine oder große Herausforderungen also danach fahnden,
- was die bekannte Welt war, aus der der Held ausbricht, um eine Aufgabe zu erledigen
- wodurch sich die “neue” Welt von der bekannten unterscheidet
- was er dabei aufs Spiel setzt
- wer oder was ihm dabei helfen könnte (Mentor) und wer oder was ihn möglicherweise davon abhalten will
- welche inneren oder äußeren Widerstände er treffen könnte
- welche Ressourcen zur Verfügung stehen oder fehlen
- welche Belohnung es geben wird - materiell, geistig, seelisch, spirituell.
Ein Wort für Perfektionisten: Weil das eigene Leben an sich schon genug Herausforderung bedeutet, braucht beim Schreiben nicht auf textliche Brillanz geachtet werden. Nicht die Form ist wichtig, sondern der Inhalt. Gleichwohl mag es fruchtbar sein, an Ausdruck und Aufbau zu feilen, besonders wenn der Text eine bestimmte Wirkung erzielen und leicht zu lesen sein soll. Damit betritt der Autor freilich eine andere “Baustelle”, nämlich die der Kommunikation über Texte.


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