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Ausgabe Januar 2010
Buchauszug aus "Willkommen im Herzen"
von Thomas Young


Der Weisheitslehrer Thomas Young hat in seinem Buch „Willkommen im Herzen“ eigene Erfahrungen mit spirituellen Erkenntnissen zusammengetragen. Wir drucken einen Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Mein Lehrer steht in Arizona vor mir und sagt: „Thomas, und jetzt gehst du in die Wüste und suchst dir einen Lehrer.“ Ich schaue ihn verwundert an und antworte: „Wieso, du bist doch mein Lehrer.“ Er wiederholt seine Aussage: „Geh in die Wüste und such dir einen Lehrer.“ „Aber du bist doch mein Lehrer.“ „Geh in die Wüste und such dir einen Lehrer! Such dir ein Sandkorn, einen Kaktus, ein Tier, den Wind, einen Stern, schau, ob etwas zu dir spricht, wenn du als Erster den Dialog aufnimmst.“ Ich schaue ihn mit großen Augen an und denke, die Mystiker haben gut reden, wie soll ich das mit einem westlich konditionierten Verstand schaffen? Doch mein Herz vibriert und ist offen für das Abenteuer. Ich gehe in die Wüste und finde einen Platz auf einem alten indianischen Berg. Ich sitze dort Stunde um Stunde in der sengenden Hitze. Kein Lehrer. Es gibt nichts dort, was meine Aufmerksamkeit so in Anspruch nimmt, dass ich den Eindruck hätte, diesen Dialog aufnehmen zu können. Ja, am Horizont schweben zwei Adler. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie mit mir kommunizieren. Nach acht Stunden gebe ich es auf. Den nächsten Tag das gleiche Szenario. Ich sitze sieben, acht Stunden auf dem Berg. Und bin ganz froh, dass keine Klapperschlange oder ein Puma als Lehrer auftaucht. Die Hitze wird immer unerträglicher. Wieder kein Lehrer. Ich habe einfach nicht den Eindruck, dass irgendetwas dort zu mir spricht. Den dritten Tag das Gleiche. Wieder Sunde um Stunde auf dem Berg und nichts, mit dem ich kommuniziere. Ich bin bereit, das ganze Unterfangen aufzugeben und treffe Vorbereitungen, den Berg hinabzusteigen. In dem Moment sehe ich plötzlich zwei kleine Eichhörnchen am Fuße des Berges herumtollen, einander um die Äste jagen, kleine Bäume rauf- und runterflitzen. Ich bin berührt von diesem verspielten, rasanten Treiben und denke: „Vielleicht sind das ja meine Lehrer...“ Ich beschließe, einen allerletzten Versuch zu wagen und setze mich wieder hin. Ich sende einen einzigen Gedanken hinunter zu den Eichhörnchen und dieser Gedanke ist: „Eichhörnchen, wenn du mein Lehrer bist, dann zeig es mir.“ In dem Moment, in dem ich diesen Gedanken denke, hält eines der Eichhörnchen inne und schaut nach oben in meine Richtung. Ich bin noch nicht geneigt, das als Beweis gelten zu lassen. Es schaut halt nach oben. Doch dann verlässt es seinen Spielkumpanen und macht sich auf den Weg nach oben und kommt immer näher – 200 Meter, 100 Meter, 50 Meter, 25 Meter, fünf Meter – bis es sich schließlich einen Meter von mir entfernt direkt vor mich hinsetzt und mir in die Augen schaut. Ich bin zur Salzsäule erstarrt und traue mich nicht, eine einzige Bewegung zu machen. Wir schauen uns weiterhin ruhig in die Augen. Dann nickt es mit dem Kopf. „Eichhörnchen, wenn du mein Lehrer bist, dann zeige es mir.“ Und es nickt ein zweites Mal. Ich bin total berührt. Schließlich flitzt es über den Berggrat zurück zu seinem Gefährten, um mit ihm weiterzuspielen.
In den nächsten beiden Wochen begegnen mir mehr Eichhörnchen als in den ganzen Jahren zuvor. Auf dem Hinflug in die USA saß ich in London einige Stunden in der Airportlounge fest und auf der Bank gegenüber waren drei österreichische Teenager, Mädchen zwischen 15 und 18 Jahren. Es war ein einziges Kichern, Gackern, Sprühen vor Lebenslust. Irgendwann bekommen sie mit, dass ich über ihr Verhalten schmunzeln muss. Jetzt gibt es kein Halten mehr und der fremde Mann wird sofort in ihr Spiel integriert. Was sie mit mir spielen wollen? Ich soll Dialektworte erraten. Die erste Aufgabe: Was bedeutet „Oachkatz“? Ich weiß es: Eichhörnchen! Eine kleine nebensächliche Begebenheit auf dem Flugplatz, könnte man sagen, oder die Ankündigung der Begegnung auf dem Berg? Möglicherweise versucht das Universum die ganze Zeit, mit uns zu kommunizieren, nur wir merken es nicht?
Neun Monate später gehe ich mit einigen Menschen am Strand von Asilomar in Kalifornien spazieren. Plötzlich läuft ein großes graues Eichhörnchen von links nach rechts über den Weg und ich sage ganz spontan: „Oh, mein Lehrer.“ Neben mir geht eine indianische Medizinfrau, Arla Shining Star. Ihr Kopf fliegt herum und sie fragt mich mit wachen, durchdringenden Augen: „Wie, Eichhörnchen ist dein Lehrer?“ Ich schaue ebenso wach, mit klarem, festem Blick zurück und sage: „Ja, Eichhörnchen ist mein Lehrer.“ Sie weiß nicht, was sie davon halten soll und versucht mich mit ihren Röntgenaugen zu durchleuchten. ... „Wenn Eichhörnchen dein Lehrer ist und du nicht weißt, was es bedeutet, dann werde ich dir das Eichhörnchen-Teaching unseres Stammes schenken.“ Vier Stunden später kommt sie mit zwei eng beschriebenen DIN-A4-Seiten zurück und überreicht mir als Gabe das Eichhörnchen-Teaching ihres Stammes. In den indianischen Traditionen benennt man spirituelle Kraft als „Medizin“ und jedes Tier steht für eine ganz besondere Art und Weise, mit der großen Einen Kraft in Verbindung zu gehen. Das Erstaunliche: Eichhörnchen ist aus der Sicht dieses Stammes eine „Herz“-Medizin. Eichhörnchen lebt in den Herzen der standing people, der Bäume. Über die Energie von Eichhörnchen wird mit dem Herzen in Verbindung getreten. Es ist eine federleichte, rasante, blitzschnelle, verspielte Energie. Kinder lieben diese Energie und trotzdem gibt es einen Moment, in dem Eichhörnchen inmitten der wildesten Bewegung innehält und in Kontakt geht mit dem, was die indianischen Stämme „Great Mystery“, das „Große Geheimnis“ nennen. Das größte Geheimnis am Großen Geheimnis? Dass es für immer ein Geheimnis bleibt! Die Stämme nehmen hier in einer weisen Art Bezug darauf, dass es einen Aspekt in der Schöpfung gibt, den wir möglicherweise nie verstehen werden, der immer latent bleibt und dass wir gut daran täten, diesen Aspekt in Stille und Einfachheit zu verehren, anstatt zu meinen, ihn kontrollieren zu können.

Buchtipp: Thomas Young, Willkommen im Herzen – eine Reise zu dem Schatz im Inneren, Integral, 270 Seiten, 19,95 Euro

www.thomasyoung.net


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