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Ausgabe Januar 2010
Das Gesetz der Vergebung
Eine Anleitung zur Befreiung aus selbst erzeugtem Leid
von Robert Betz


Als ich den Satz „Ohne deine Vergangenheit bist du sofort frei!“ zum ersten Mal vor Jahren in dem herrlichen Buch „Ein Kurs in Wundern“ las, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Ich, besser „es“ wusste in mir: „Das hier ist Wahrheit und sie ist wichtig für m

Wir leiden vor allem an unserer Vergangenheit

Genauer formuliert leiden wir an unserem Unfrieden mit all dem, was geschehen ist seit unserer Kindheit. Wir leiden an der Kälte und Lieblosigkeit, die wir erfuhren, an den Enttäuschungen und Zurückweisungen, an dem Liebesentzug und den Strafen, an der Einsamkeit und Trauer, an den Misserfolgen und Niederlagen, an dem Scheitern in Beziehungen und Beruf und an Vielem mehr. Dieses Leiden drückt sich aus in Form von Gefühlen der Schuld und der Scham, der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit, des Grolls und der Wut, der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, der Trauer und der Angst.

So schwer es für viele von uns war oder ist, all das zu fühlen – ich behaupte: All unser Leiden beruht auf einem Irrtum; es beruht auf einer völlig verzerrten Sichtweise auf das Leben allgemein und auf unser persönliches Leben im speziellen und auf einer Menge unwahrer Gedanken darüber. Ich möchte niemanden verletzen, auch wenn sich manch einer durch diese Zeilen unverstanden oder gar verletzt fühlen mag. Ich behaupte: Sie können mit Ihrem Leiden heute aufhören; niemand zwingt Sie zu leiden, weder das Leben, noch der liebe Gott. Nur Sie allein halten sich heute im Kreislauf des Leidens gefangen.

Bevor Sie weiterlesen, halten Sie bitte kurz inne, schließen die Augen und fragen sich: „Will ich wirklich frei sein von allem Leid? Will ich Schluss machen mit Schuld und Scham, mit Angst und Kleinheit? Bin ich bereit, mich zu entscheiden für ein Leben in Freiheit – ohne jedes Leid und ohne Schmerz?“

Vielleicht denken Sie: Was für eine Frage? Das ist doch klar, dass sich jeder wünscht, frei zu sein. – Nein, das stimmt leider nicht. So merkwürdig es klingt: Die meisten Menschen haben kein Interesse an Freiheit. Sie haben sich bestens eingerichtet in ihrer Unfreiheit und in ihren Leidensgeschichten und würden sich mit allen Händen dagegen wehren, wenn jemand versuchen würde, sie aus ihrem Gefängnis zu befreien. Das war schon vor 2000 Jahren so, als Jesus mit seiner Freiheits- und Liebesbotschaft kam (nicht zu verwechseln mit dem, was die Kirchen daraus machten) und das ist noch heute so. Die Botschafter der Freiheit werden heute zwar nicht mehr auf realen Scheiterhaufen verbrannt oder ans Holz genagelt, aber dasselbe findet nach wie vor auf anderen Ebenen statt. Sie werden verleumdet und verlacht, ausgegrenzt und als ‚Spinner’, ‚Sektenführer’, ‚Gurus’ oder anderes betitelt und aus Kirchen, Verbänden und den Zirkeln der „Normalgesellschaft“ ausgeschlossen.


Der „Normalmensch“ im Westen
wünscht sich keine Freiheit

Er wünscht sich eine sichere Rente und dass seine kleine Aktienanlage hohe Rendite abwerfen möge. Er wünscht sich, dass seine Ehe halten möge, auch wenn das Feuer der Liebe schon lange erloschen ist. Er wünscht sich einen vollen Kühlschrank, einen sicheren Arbeitsplatz und abends ein bisschen Spaß, und wenn’s vor der Glotze ist. Freiheit ist das allerletzte, was sich der Durchschnittsmensch hier bei uns wünscht.

Wenn Sie einen Vogel im Käfig aufziehen und
halten, dann ist dieser Käfig sein Leben.

Und dann geht dieser Mensch in den Tag und ärgert sich über viele kleine und manch große Veränderung, die ihm ins Haus stehen: plötzlich wird sein Körper krank. Oder der Partner verlässt ihn nach 20 Jahren. Oder der so sicher gewähnte Arbeitsplatz ist plötzlich gar nicht mehr sicher. Das noch gestern so makellose Auto hat schon eine Menge Kratzer und kleine Beulen. Und in den Nachrichten tönt es panikhaft, dass auf den Finanzmärkten und in der Wirtschaft gar nichts mehr so sicher sei, wie es noch vor kurzem schien. Das alles macht dem Normalmenschen Angst und so klammert er sich noch fester an die Stäbe seines kleinen Gefängnisses.


In Wirklichkeit gibt es keine Vergangenheit,
nur Gegenwart

Zu den Stäben dieses Gefängnisses gehören ganz wesentlich unsere Gedanken und Gefühle über das, was wir Vergangenheit nennen. Diese halten uns gefangen. Ganz besonders großen Raum nimmt hierbei die Zeit unserer Kindheit und Jugend ein. Je unbewusster uns diese Zeit ist, umso stärkt beeinflusst sie heute unser Leben und unsere Befindlichkeit.

Der Kopf wehrt hier gerne ab, wenn er sagt: „Lass doch die Vergangenheit ruhen. Das ist doch schon so lange her…“ Und auch hierin irrt der Verstand. Denn die Wahrheit heißt: Es gibt in Wirklichkeit keine Vergangenheit. All das, was das kleine Mädchen bzw. der kleine Junge damals erlebt hat samt seinen Gefühlen des Leidens, der Wut, der Trauer, der Angst, der Schuld usw. – all das existiert hier und jetzt ganz lebendig in jedem von uns und es steuert uns in unseren Beziehungen im Privaten wie am Arbeitsplatz.

Das Kind, das damals immer wieder zurückgewiesen wurde mit seinem Wunsch, bedingungslos angenommen und geliebt zu werden, steuert uns im Alltag viel mehr als uns bewusst und lieb ist. Für den Verstand ist dieses Kind Vergangenheit, in Wahrheit jedoch ist dieses Kind höchst lebendig in uns aktiv. Wir laufen in erwachsenen Körpern durch das Leben, aber wir verhalten uns in entscheidenden Situationen wie kleine Kinder.

Doch wie befreien wie uns von dieser „Vergangenheit“? Indem wir diesem Kind in uns endlich unsere Aufmerksamkeit und Liebe schenken, nach der es sich seit damals sehnt. Sein Kopf denkt: „Mama oder Papa sollten mich endlich lieben, loben und anerkennen.“ Das aber wird nicht mehr geschehen und ist nicht das Wesentliche. Alleine wir selbst sind es, die uns heute alle Liebe, Lob, Wertschätzung, Anerkennung und Zuwendung schenken können und müssen, um in unsere Freiheit zu gelangen. Die Liebe zu uns selbst – und auch zu dem Kind in uns – ist ein Kernschlüssel zur Freiheit und zur Liebe.

„Wir alle haben unsere Kindheit überlebt und die Verletzungen und Wunden aus dieser Zeit kann nur einer heilen. Und das sind wir selbst. Dafür sind unsere Eltern und auch kein Therapeut zuständig und verantwortlich, sondern nur wir selbst.“


Überzeugungen aus der Kindheit halten
uns bis heute gefangen

Es ist nicht nur für den offensichtlich leidenden Menschen wichtig, die Verstrickungen mit Vater und Mutter zu lösen und zu klären. Es ist für jeden Menschen, der sich ein Leben in Freude und Freiheit wünscht, absolut notwendig, dies zu tun. Denn diese Verstrickungen haben kein Haltbarkeitsdatum, ab dem sie schwächer und schwächer werden. Nein, sie sind auch im 80jährigen Menschen voll wirksam und steuern diesen Menschen nach wie vor in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen, wenn er sie nicht gelöst hat.

„Der mit Abstand größte Teil des Leidens und der Enttäuschungen in unseren Paar-Beziehungen, rührt aus diesen Verstrickungen mit der Mutter und dem Vater der Kindheit.“

In unseren Mann-Frau-Beziehungen brechen die alten Wunden immer wieder auf, die damals nicht heilen konnten. Wir holen Eltern-Lektionen nach, damit wir begreifen: Mein Mann ist nicht mein Vater, meine Frau ist nicht meine Mutter.

Nicht unsere Vergangenheit macht uns also unfrei, sondern die Art, wie wir heute innerlich mit ihr umgehen, unsere innere Wahrnehmung dessen, was damals geschah. Einerseits sind es die Gedanken, die wir in Kindheit und Jugend lernten zu denken über uns selbst, über das Leben, über die Erwachsenen, über die Männer und die Frauen usw., die uns bis heute innen gefangen halten. Warum? Weil sie heute nicht (mehr) wahr sind und unmittelbar Leiden produzieren müssen.

Gedanken haben massive Folgen: Sie erschaffen Lebenswirklichkeit. Und so kann man verstehen, dass interessante, attraktive, intelligente Menschen sich minderwertig fühlen, weil sie die Ablehnung oder das Desinteresse der anderen immer wieder reproduzieren, denn auf ihrer Stirn steht geschrieben: „Ich bin nicht interessant. Beachte mich nicht, ich bin es nicht wert.“ Die Glaubenssätze der Kindheit über mich selbst und die Welt da draußen sind die mächtigsten Gitterstäbe unseres inneren Gefängnisses. Aber sie lassen sich in Luft auflösen, wenn wir bereit sind, unsere Gedanken wahrzunehmen und sie auf Wahrheit zu überprüfen.


Freiheit erlangen wir nur über inneren Frieden

Das Leben bzw. unsere Seele fordert uns auf, Frieden zu machen mit allem, was war, ganz egal, wie hart die Vergangenheit war. Egal, ob Sie geschlagen oder missbraucht wurden, egal ob Sie betrogen oder verlassen wurden, egal, wie hart Ihre Erfahrungen mit Eltern, Geschwistern, Kindern, Partnern oder Arbeitgebern waren, es waren Ihre Erfahrungen und diese müssen immer einen Sinn haben, denn es gibt nichts Sinnloses in diesem Universum. Und jedes Aufrechterhalten von Verurteilung und Schuldzuweisung hat paradoxerweise immer nur eine Folge: Wir verurteilen uns damit immer auch selbst, denn jedes Urteil über jemand anderen macht mich selbst immer zum Opfer.

Unser Herz, unsere Seele, ja jede Zelle unseres Körpers sehnt sich nach Frieden, nach Freude, nach Leichtigkeit, nach Liebe. Unser Verstand glaubt oft, das alles könne nur von außen kommen, von dem Prinzen oder der Traumfrau oder vom Glück im Leben. Nein! Die Quelle aller Lebensfreude und aller Freiheit ist nur an einem Ort: in unserem Herzen.

Robert Betz ist Psychologe und als freier Autor gehört er zu den erfolgreichsten Referenten und Seminarleitern in Deutschland.

www.robert-betz.de


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