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Ausgabe Juni 2010
Bodenpersonal Gottes - Die Societas Socialis
von Hermann Gmeiner


Hermann Gmeiner ist der Vater der SOS-Kinderdörfer. Sein Leben war ein einziger kreativer Akt, indem er Abertausenden von Waisenkindern ein zu Hause schenkte. Anlässlich der neu erschienenen Biographie haben wir einige Skizzen von den ungewöhnlichen Taten

Es war ein furchtbares Erlebnis im Krieg - als ein russischer Junge Gmeiners Leben rettete und kurz darauf selber sterben musste - das Hermann Gmeiner vor sich und Gott schwören lies, fortan seine ganze Liebe und sein ganzes Sein den Kindern zu geben. Hier traf er zum ersten Mal bewusst die Entscheidung. Einfluss auf die Gestaltung der späteren SOS-Kinderdörfer nahm sicher auch die Erfahrungen, die er in seiner frühen Kindheit machte, als seine Mutter starb und ihn als 5-Jährigen mit sieben Geschwistern zurück lies. Und obwohl er es später schaffte, als einfacher österreichischer Bauernsohn Medizin zu studieren, war es ein "Zufall", der ihm zu dem Aufbau einer Jugendgruppe verhalf, wo er seine wahren Talente entdeckte. Es dauerte noch eine Weile, bis er das Studium abbrach und seine Vision mehr und mehr Gestalt annahm. Um sein erstes Kinderdorf zu gründen, brauchte er Geld, aber keine Gemeinde war bereit, ihm welches zur Verfügung zu stellen. Mit Hilfe von einer 1-Schilling-Spendenaktion und dem genialen Konzept der Weihnachtspostkarten mit Spendenaufruf und Dank der Unterstützung eines Bürgermeisters, der selbst als Waise aufwuchs, entstand 1949 in Imst in Tirol das erste Kinderdorf.


Das Konzept

Die Struktur des Kinderdorfes war absolut neu, denn bisher kannte man nur die herkömmlichen Strukturen von Kinderheimen und Waisenhäusern. Gmeiner wusste um die Wichtigkeit einer liebevollen Mutter im Leben eines Kindes: Seine Sicht war die eines 5-jährigen Kindes und aus dieser Sicht bedeutet die Mutter die Mitte der Welt. Deshalb sind die Kinderdorf-Mütter ein Mittelpunkt für die neue Struktur. Jede Mutter lebte mit fünf bis neun Kindern als Familie in einem Haus zusammen. Dafür bekamen sie eine intensive fachliche Ausbildung und wurden anschließend von anderen Mitarbeitern unterstützt.

Die grundsätzliche Idee war das Bild einer Familie mit einer Mutter und Geschwistern. Jedes Dorf bestand aus 10-15 Familienhäusern und einige hatten sogar einen eigenen Kindergarten. Die Kinder besuchten öffentliche Schulen und alle Dörfer verstanden sich als öffentliche Orte mit dem Anspruch auf Integration in das nachbarschaftliche Umfeld. Auch Haus und Einrichtung gestaltete Gmeiner als Erziehungsfaktor. Das Kind soll im Erleben und im Umgang mit dem Schönen und Lichten die Welt später einmal als das Erstrebenswerte sehen und so selber das Halbdunkel des Elends und der Verwahrlosung verabscheuen lernen.


Die Eroberung Europas und Asiens

Bald gelang die Expansion in Österreich und mit der Erbauung eines Dorfes in Wien war ein wichtiger Schritt getan. Bei diesem Projekt verfolgte Gmeiner verstärkt die Strategie der Einbindung der hohen Politik in die Gremien des Kinderdorfes. So gehörte es bald in elitären Kreisen zum guten Ton, SOS öffentlich und tatkräftig zu unterstützen. Bis heute ist Wien-Hinterbrühl das größte Kinderdorf Europas und "Schaufenster zur Welt". Immer mehr Dörfer entstanden: Nach 10 Jahren gab es schon 10 Dörfer in Europa und monatlich wurden es mehr. Immer mehr Menschen griffen die Idee auf, um in Frankreich und Italien eigene Häuser aufzubauen. Skandinavien lud Gmeiner zu einer Vortragsreihe in den hohen Norden ein und zwei Frauen gründeten im südlichen Portugal ein erstes Kinderdorf. Überhaupt nahmen mehr und mehr Frauen die Idee auf und wurden in Spanien oder Griechenland aktiv. 1961 reiste Gmeiner nach Amerika und erreichte, dass vor allem Gelder in den Aufbau von Dörfern in der Dritten Welt flossen. Auch im östlichen Europa entstanden neue Dörfer und 1996 eröffnete in einem Vorort von Moskau das erste russische Kinderdorf. 1962 rief ihn ein "Zufall" in das kriegszerstörte Korea, wo dringend Hilfe notwendig war und Gmeiner beginnt eine spektakuläre Spendenaktion, bei der Reiskörner auf Postkarten geklebt und verschickt wurden. Und jedes Reiskorn begann zu sprießen. Ein Erfolgsgeheimnis Gmeiners war sein Gespür, wie man mit Spenden innovativ und unaufdringlich Gewinn erzielen kann.


Die Eroberung der ganzen Welt

Ob nach Vietnam, Tibet oder Indien - Gmeiner reiste weiter unermüdlich in asiatische Länder, um den Aufbau weiterer Dörfer zu unterstützen. Durch die Medien fand die Idee weltweit Verbreitung und immer mehr Privatinitiativen holten sich Anregungen für Finanzierungs- und Erziehungsmodelle. 1967 bereiste Gmeiner den südamerikanischen Kontinent, wo schon einige Projekte durch Eigeninitiative von Nachkommen österreichischer oder deutscher "Einwanderer" realisiert wurden. In den verschiedenen Ländern steht sein Besuch im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und er wird von den zuständigen Ministern und auch von Staatspräsidenten zu persönlichen Gesprächen empfangen. Der Grund für Gmeiners Popolarität war die Tatsache, dass "er das Gute zu einer Sensation gemacht hat", wie es ein Staatspräsident formulierte. Auch in absoluten Krisengebieten wie in Israel oder im Libanon entstehen dank Gmeiners Idealismus Oasen im Wahnsinn. 1970 begann die Eroberung des letzten Kontinentes. Heute existieren in 44 afrikanischen Staaten 105 Kinderdörfer, die zu einem wichtigen gesellschaftlichen Entwicklungshelfer wurden.

In allen Ländern, die Gmeiner bereiste, war immer die Hilfe zur Selbsthilfe oberstes Gebot. Dieser Mann hat so viele Länder gesehen - aber nicht als Tourist, sondern immer nur das Elend der Schwächsten, der Kinder. Überleben konnte er das, weil er erfüllt mit Liebe war.

Buchtipp: Hermann Gmeiner: Der Vater der SOS-Kinderdörfer – die Biografie von Claudio J. Honsal, Kösel, München, 2009, 288 Seiten, 17,95 Euro


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