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Ausgabe Juni 2010
Der Augenblick des Jetzt ist das Tor der Zukunft
Der spirituelle Lehrer Thomas Hübl im Gespräch über Ego- und Gemeinschaftssinn und das Erstarken einer neuen Wir-Kultur.


KGS: Menschen, die anfangen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, machen oft einen ziemlich egoistischen Eindruck. Die Entwicklung von Eigensinn erscheint zunächst wenig sozial. Gibt es einen Gegensatz von Egoismus und Gemeinschaftssinn auf der Ebene des

KGS: Menschen, die anfangen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, machen oft einen ziemlich egoistischen Eindruck. Die Entwicklung von Eigensinn erscheint zunächst wenig sozial. Gibt es einen Gegensatz von Egoismus und Gemeinschaftssinn auf der Ebene des einzelnen Menschen, dessen "Individuation" und Selbsterfahrung? Oder ist es eher die Mitwelt, die darauf ablehnend reagiert, um damit das eigene System samt "Eingemachtem" zu schützten?
Thomas Hübl: Ja, ich glaube, das stimmt. Menschen, die beginnen, sich mit sich selbst zu beschäftigen, konzentrieren erst einmal die Energie auf ihr Innenleben. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch gesund, denn Menschen, die sich auf den spirituellen Weg begeben, brauchen eine gewisse Zeit, um ihr Innenleben mit Bewusstsein zu füllen. Aber damit diese Energie nicht zu lange nur um sich selbst kreist, ist es hilfreich, einen Lehrer zu haben. Ziel ist, dass wir die Verantwortlichkeit, die aus einem höheren Bewusstsein erwächst, in die Gesellschaft zurückgeben. Natürlich gibt es Menschen, bei denen es angebracht ist, in ein längeres Retreat zu gehen. Aber für die meisten Menschen, die hier in der westlichen Welt leben, braucht es eine gesunde spirituelle Praxis hier am Marktplatz - in ihrer Beziehung zu Geld, zu Mitmenschen und im Arbeitsbereich. Es gibt einen asketischen spirituellen Weg und einen tantrischen spirituellen Weg, die beide unterschiedlichen Regeln gehorchen. Wenn wir darum wissen, kann eine spirituelle Praxis entstehen, die den Marktplatz weiter entwickelt, denn wenn wir tiefere Bewusstseinszustände erfahren, können wir nicht mehr in alten Wertesystemen weiter leben. Deshalb müssen Menschen, die sich auf dem spirituellen Weg befinden, auch daran arbeiten, dass sich alte Systeme - Wirtschaft, Politik, Erziehungswesen - ebenfalls verändern und die neuen Bewusstseinszustände widerspiegeln. Der Weg dahin kann schmerzhaft sein, wenn er mit Ablehnung von anderen Menschen konfrontiert wird. Aber wir müssen daran arbeiten, dass sich der Kontext, in dem wir leben, auch weiter entwickelt. Deshalb müssen die Menschen, die ihr Bewusstsein erweitert haben, auch Pioniere sein für die gesellschaftliche Weiterentwicklung.


Wie passen Eigen- und Gemeinsinn zusammen? Ist es nicht schon schwierig genug, allein mit seiner Familie, seinem Partner oder seiner Partnerin klar zu kommen?

Ich glaube, Teil einer gesunden spirituellen Praxis ist, dass wir eine hohe zwischenmenschliche Kompetenz erzeugen. Im Alltag geht sehr viel Energie, Kreativität und Intelligenz an der Reibung verloren. Wir nehmen oft die zwischenmenschlichen Dynamiken nur eingeschränkt wahr und deswegen entstehen Probleme - sei es in der Familie oder am Arbeitsplatz. Eine gesunde spirituelle Praxis sollte sich meiner Meinung nach darin äußern, dass den Dynamiken des Menschseins - also das, was wir täglich im zwischenmenschlichen Bereich erleben - mit soviel Achtsamkeit, Klarheit, Mitgefühl und Präsenz begegnet wird, dass hier mehr Fluss entstehen kann. Je mehr Fluss entsteht, desto weniger ziehen uns die selbstbezogenen Gedanken und Gefühle zurück. Die Reduktion auf das kleine egoistische Selbst ist ja das, was schmerzhaft ist. Und das passiert, wenn wir die Dynamiken im zwischenmenschlichen Bereich nicht mit Bewusstheit füllen. Es kann durchaus sein, dass Menschen während einer Meditation ausgedehnte Bewusstseinszustände erfahren, aber im Alltag wieder in alte, enge Wahrnehmungsmuster zurückfallen. Wenn wir ein höheres Bewusstsein im Alltag manifestieren wollen, brauchen wir auch eine hohe zwischenmenschliche Kompetenz. Und das ist etwas, was wir lernen und trainieren können und was eine gewisse Praxis braucht. Wenn wir die konsequent machen, werden wir Konfliktsituationen im Alltag einfacher lösen, weil wir uns selbst und andere Menschen tiefer sehen. Und die Energie, die dadurch frei wird, können wir in unsere Kreativität und in den Ausbau unserer alten Strukturen investieren. Erst wenn sich unsere spirituelle Entwicklung in unserem Alltag widerspiegelt, dann ist sie manifest. Solange sich die spirituelle Entwicklung lediglich auf meditative Erfahrungen reduziert, ist das nicht genug. Der bewusste Zustand muss sich manifestieren und unser Leben werden.
Und dann stellt sich die Frage nach Eigen- und Gemeinsinn nicht mehr, sondern dann wenden wir die tieferen spirituellen Prinzipien, die wir durch die Tiefenschau erkennen, auf unterschiedliche Systeme an - sei es mit dem Partner, den Kindern oder in der Firma.


Welche geistigen und sozialen Impulse braucht es, um Menschen zu motivieren, aus der "Wettbewerbsgesellschaft" auszusteigen und "mehr Miteinander" zu wagen, zu lernen und zu tun?

Ich denke, dass die Wettbewerbsgesellschaft Teil unserer evolutionären Entwicklung ist. Nichts in unserer evolutionären Entwicklung ist per se schlecht. Alles, was sich im menschlichen Bewusstsein entwickelt, hat auch einen evolutionären Vorteil für unser Zusammenleben. Auch der Wettbewerb ist auf der einen Seite gesund, weil er uns motiviert, in neue Dimensionen vorzudringen. Jedoch hat auch jede evolutionäre Stufe das Potenzial einer Schattenseite. Wenn wir dadurch zu gierig und zu egoistisch werden, dann verlieren wir den Kontakt zur Umgebung und zum Ganzen und dann wird es destruktiv. Die Wettbewerbsgesellschaft ist eine Entwicklung, die nicht verdammt werden muss, sondern die ihren Platz hat, aber wir brauchen auch den nächsten Schritt der Evolution und das ist ein größerer Gemeinschaftssinn oder das, was ich "neues Wir" -nenne. Damit meine ich, dass wir über unsere egoistische Perspektive hinaus wachsen und der Raum, der zwischen Menschen existiert von allen Beteiligten erkannt wird. Wenn eine Gruppe aus zehn Menschen besteht, dann wachsen alle zehn Menschen über ihren eigenen egoistischen Rahmen hinaus und erkennen den Raum, der zwischen ihnen existiert, denn der ist gefüllt mit kollektiver Intelligenz. Wenn wir den erkennen, heißt das nicht, dass wir unsere Individualität verlieren, sondern nur, dass sie sich in einen größeren gemeinsamen Kontext ergießt. Wenn wir es schaffen, uns selbst auszudrücken und gleichzeitig die größere Perspektive zu behalten, dann steigen wir kollektiv auf eine höhere Intelligenzstufe. Und die brauchen wir gerade, denn die globale Entwicklung erfordert eine neue Perspektive - sei es die technologische Explosion, die Entwicklung der Gentechnik oder auch die Hintergründe, warum es die Finanzkrise gibt. Ich glaube, dass wir Menschen sehr kreative Wesen sind. Wir werden in dem neuen Wir daran interessiert sein, dass jeder Mensch sein höchstes Potenzial lebt und gleichzeitig den egoistischen Rahmen transzendiert für ein größeres Ganzes.


Welche gemeinschaftlichen Projekte bewegen derzeit dein Leben?

Ich beschäftige mich damit, wie eine authentische, zeitgemäße Mystik auf unserem postmodernen Marktplatz wieder Einzug erhalten kann - eine Mystik, die die Wissenschaft respektiert, den ganzen technologischen Fortschritt respektiert, aber in dem modernen Leben nicht die Radikalität des Erwachens verwässert. D.h. dass die Mystik immer noch innerlich die zeitlose Weisheit trägt, aber dass sie auch anerkennt, dass das äußere Leben sich weiterentwickelt. Wir brauchen auch Antworten auf zeitgemäße Fragen, d.h. wir brauchen eine Mystik, die den inneren Kern weiterhin pflegt und auf der anderen Seite sich auch auf die Themen unserer Zeit bezieht. Ich glaube, dass Gott oder der heilige Raum oder die mystische Tiefendimension in unserer Gesellschaft einen Platz braucht. Wenn wir das zur aller ersten Priorität in unserem Leben machen, werden alle anderen Dinge sich daraus ergeben: Wir werden eine Wirtschaft, eine Politik und eine Erziehung aufbauen, die sich darauf ausrichtet. Ich beschäftige mich zur Zeit mit der Frage, wie eine Struktur entstehen kann, die das fördert und wie wir mit anderen Bewegungen und Strömungen kreativ zusammen arbeiten können, ohne dass es wieder zu neuen egoistischen Bestrebungen kommt. Ich strebe eine Vernetzung an, die mit der Zeit ein tragendes globales Netz bildet - eine Weltgemeinschaft, die auf einer höheren Bewusstseinsebene zusammen wirkt.


Welche Vision, welche Vorstellung hast du von der "neuen Zeit"?

Meiner Meinung nach muss das ganze Thema der neuen Zeit jetzt erst einmal Platz nehmen. Unser erstes Bestreben sollte sich darauf richten, dass wir ein präsentes Leben entwickeln. Erst wenn wir im Augenblick wirklich präsent sind, können wir die vielschichtigen Dynamiken des Lebens erkennen. Wenn wir in unserer Tiefendimension, die eine spirituelle Entwicklung auch zeigt, verankert sind, erkennen wir, dass sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft Teil von dem Jetzt ist. Alle Informationen aus Vergangenheit und Zukunft sind in dem Jetzt vorhanden. Je präsenter ich werde, desto mehr Zugang habe ich zu der Inspiration und Innovation der Menschheit. Alle Vorreiter der Menschheit waren sehr präsent in dem, was sie gemacht haben. Und diese Totalität hat sie nach vorne katapultiert.
Die Präsenz des Augenblicks ist das Tor in eine neue Zeit. Ohne diese Präsenz beginnen wir Bilder zu kreieren, die wir aus unserer jetzigen Perspektive entwerfen und die beinhalten zwangsweise eine Limitierung der Zukunft. Was wir brauchen, ist eine authentische Inspiration, die uns animiert, neue Wege zu gehen. In der Präsenz des Augenblicks können wir den Ruf der Zukunft hören. Dadurch wird die Anbindung an das Göttliche immer offensichtlicher und aus der heraus können wir wirken und etwas Neues aufbauen.
Wenn wir nur aus dem Jetzt in die Zukunft schauen, blicken wir lediglich durch ein Fenster und damit erkennen wir immer nur einen Ausschnitt, aber nicht die ganze Welt. Auf der jetzigen Evolutionsstufe kann ich die nächste noch nicht erkennen, aber ich kann die Inspiration hören, die mich bewegt, Schritte zu machen. Dazu braucht es auch Mut, denn wir können noch nicht erkennen, wohin die Schritte uns führen. Es braucht also diese beiden Werkzeuge für die neue Zeit: den Mut, neue Wege zu gehen, ohne zu wissen, wohin und gleichzeitig so im Jetzt verankert zu sein, um den Ruf der Zukunft hören zu können. Aber natürlich brauchen wir auch Führungspersönlichkeiten, die in der Politik, in der Wirtschaft und im Erziehungswesen auf eine globale Weise denken können und ein globales Bewusstsein haben.

Vielen Dank!

Lesetipp: Thomas Hübl, „Sharing the Presence - Wo warst du bis jetzt? Wie Präsenz dein Leben transformiert“, J. Kamphausen Verlag 2009
Info: www.thomashuebl.com


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