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Ausgabe Dezember 2002
Gedanken und das kleine Universum


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Anlässlich eines Besuches von Pyar Troll in Berlin drucken wir einen Auszug aus dem neu erschienenen Buch „Poesie der Stille - Tanz des Lebens“ mit freundlicher Genehmigung des J. Kamphausen Verlages.
Was sind eigentlich Gedanken? Physiologisch betrachtet sind Gedanken Nervenimpulse, elektrische Entladungen. Das ist eigentlich alles. Nichts Tragisches. Nichts anderes als jede andere Form von Energie auch. Energie, die sich in diesem Fall als Gedanken äußert, dieselbe Energie, die sich auch im Sonnenlicht zeigt. Die Energie ist dieselbe, das Bewusstsein ist dasselbe. Die Göttlichkeit ist dieselbe. Unser kleiner beschränkter Geist ist nichts anderes als ein Tropfen im Ozean. Solange der Tropfen denkt, er sei ein vom Ozean getrennter Tropfen, entsteht das Problem von Trennung und das Problem von: „Das sollte nicht sein“. Aber auch in der Essenz des Tropfens ist dasselbe wie im Ozean. Also erstmal kein Problem mit Gedanken. Sie kommen und sie gehen.

Aber es ist so: Der beschränkte Geist, der verschleierte, der umhüllte, abgetrennte, kleine Geist rennt auf dieser Welt herum und trägt sein kleines, beschränktes Universum mit sich. Fünf Leute betrachten denselben Apfelbaum, und fünf Leute sehen etwas Verschiedenes: Der eine sieht die Äpfel und denkt an Apfelmus. Der andere sieht nur die Blätter, die er im Herbst zusammenkehren muss. Ein Schnitzer denkt wahrscheinlich: „Gutes Holz, schlechtes Holz, kann man für dies oder das benützen.“ Ein Maler sieht die Farben und die Form und denkt vielleicht gar nicht daran, was man mit den Äpfeln machen kann. So sieht jeder den Teil der Wirklichkeit, der zum eigenen kleinen inneren Universum passt.
Wenn der Geist weiter wird, klar und still wird, wenn diese Grenzen und Identifikationen, diese vorgefassten Meinungen verschwinden, dann ist der Apfelbaum das, was er immer schon war: Vollkommen „apfelbaumig“ in all seiner Qualität und Fülle. Dabei geht nichts verloren, sondern es wird mehr! Alles enthüllt sich in dem, was es immer schon war. Diese vorgefassten Meinungen, Beurteilungen und Konzepte in unserem Kopf, dieses kleine Universum, das wir ständig mit uns herumtragen, ist viel zu klein. Und du merkst, dass es zwickt und dass diese kleine Welt, die du dir geschaffen hast, viel zu klein für dich ist. Und du hast sie dir noch nicht einmal geschaffen, du hast sie dir überstülpen lassen. Aber du hast sie genommen und nicht nachgefragt. Deshalb sagen die Weisen: „Nicht glauben!“ Nicht glauben, selbst schauen! Nicht glauben, untersuchen! Alles, was du so an deinem Glauben, an deinen Konzepten und vorgefassten kleinen Universen mit dir herumträgst, behindert dich. Es ist wie wenn du mit zu kleinen Schuhen herumläufst. Das ist eigentlich alles.
Nicht die Tatsache des Denkens an und für sich ist störend. Denken ist etwas Wunderbares. Nur der gar so enge Inhalt des Denkens hindert und die Tatsache, dass du nie Pause mit Denken machst. Eine Hand ist ja sehr praktisch. Man kann alles Mögliche damit machen: Klavierspielen, Wassergläser hochheben, Stricken. Und jetzt sind wir so begeistert von den Fähigkeiten dieser Hand, dass wir sie nie mehr ruhig lassen. So ähnlich ergeht es uns mit dem Denken, oder? Denken ist wunderbar und Teil der Göttlichkeit, aber es muss nicht ständig vor sich hindenken!
Und warum denkt es im Allgemeinen andauernd? Warum gibt es da keine oder nur wenig Pausen? Das liegt wiederum an diesen kleinen Universen. Sie sind das, was man Ego nennt. Heute nennen wir es zur Abwechslung kleines Universum. Ja, dieses zwickende, enge Teil, das spürst du doch? Aber es gibt irgendeine Angst, die verhindert, es sein zu lassen, es fallen zu lassen. Und um sich ständig darin zu bestätigen, dass man dieses kleine Universum ja doch braucht, muss man permanent denken. Wir bestätigen andauernd unser eigenes Universum und die anderen Universen um uns und die Beziehung zwischen diesen Universen. Und das ist der Schwachsinn. Sobald du keine Energie mehr in dieses kleine Universum hineinsteckst, verschwindet es ganz von selbst.


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