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Ausgabe Oktober 2002
Rumpelstilzchen - ein Schamane?

Felix von Bonin über Sinn und Zweck von Märchen in unserem Kulturkreis

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Schamanische Wurzeln
Die schamanische Tradition hat sich besonders in Asien lange gehalten und wurde in jüngerer Zeit von dort zu uns geholt. Wenig bekannt und beachtet ist, dass die germanische Kultur deutliche Züge des Schamanentums aufweist, wie die Heldenepen zeigen. Wir haben den Kontakt zu diesen Wurzeln nur verloren.

Grundsätzlich kann man unterstellen, dass jede archaische Kultur etwas hervorbringt, das als schamanisch bezeichnet werden kann. Der archaische Mensch lebt in, mit und von der Natur. Er erlebt die Naturkräfte als Wesenheiten und nimmt in allem das Belebte, die Lebensenergie wahr. Tiere sind für ihn keine Rohstoffe, sondern beseelte Begleiter und Helfer. Seine Bindung an die physikalische Realität wird vom direkten Erleben anderer Realitäten relativiert. Er ist eingebettet in den Kreislauf von Werden und Vergehen, in dem die jenseitige Welt und ihre Bewohner die andere und oft bessere Hälfte des Lebens ausmachen. Deshalb verehrt er auch seine Ahnen und ist dadurch in eine sichere Tradition verwurzelt.
Durch die frühe Christianisierung Nordeuropas wurden die schamanischen Elemente unserer Kultur umgedeutet oder verdrängt. Im Volksgut aber, besonders im Märchen, blieben sie erhalten. Man muss die Märchen nur aufmerksam und mit dieser Perspektive lesen.
Märchen wurden ja bis vor 200 Jahren nur mündlich überliefert. Dabei verschiebt sich die Darstellung fließend mit den kulturellen Veränderungen. Aus Wodan wurde Satan, aus weisen Frauen böse Hexen, doch hinter diesen mehr oberflächlichen Verkleidungen blieb das eigentliche schamanische Wissen erhalten, weil es nicht mehr verstanden und deshalb auch nicht umgedeutet werden konnte.Die kulturelle und spirituelle Entwurzelung wurde durch den Missbrauch germanischer Tradition und Symbolik im Nationalsozialismus zu ihrer traurigen Vollendung gebracht. Als dann drei Jahrzehnte nach Kriegsende einer jungen Generation Wirtschaftswunder als Lebensinhalt nicht mehr genügte und die Amtskirchen die spirituellen Bedürfnisse nicht befriedigen konnten, schwärmten die suchenden Geister in asiatische und südamerikanische Fernen, wo sie schließlich auch auf Schamanen trafen.
In der Nische, die Spiritualität auch nach der Esoterikwelle immer noch - oder gerade deswegen - ist, haben schamanische Techniken und Sichtweisen inzwischen ihren festen Platz eingenommen. Wenn wir jetzt entdecken, dass dieses Wissen in verblüffend ähnlicher Weise in unseren Volksmärchen nachzulesen ist, schließt sich der Kreis.
Parallelen: Märchen und Schamanismus
War Rumpelstilzchen also ein Schamane? Ja. Gemeinhin wird er als arglistiger Gnom hingestellt, der nichts im Sinn hat, als der armen Müllerstocher, die Dank seiner Hilfe zur Königin avanciert ist, das Kind wegzunehmen. Liest man jedoch genau, ist Rumpelstilzchen gutmütig. In die üble Situation gekommen ist die Müllerstochter durch die Prahlereien ihres Vaters und die Goldgier des Königs. Beide zeigen sich als Vertreter eines sturen Patriarchats.
Rumpelstilzchen dagegen spinnt eine ganze Kammer voll Gold und nimmt als Lohn dafür bloß ein Kettchen. Er erscheint aus dem Nichts (Urfassung) bzw. kann durch verschlossene Türen gehen (überarbeitete Fassung). Und er fordert die junge Frau auf, seinen Namen zu sagen, also ihn, was immer er symbolisiert, zu beherrschen. Sein Schlüsselsatz ist: “Etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt.”Typisch für Märchen ist, dass der Held Aufgaben gegenübersteht, die er allein nicht bewältigen kann. Im Laufe des Märchens erwirbt er die Hilfe dankbarer Tiere oder weiser Alter mit überirdischen Kräften und seherischem Wissen. Die Parallelen zum Schamanismus sind offensichtlich.Auch der Aufbau von Märchen entspricht einer schamanischen Reise. Am Anfang steht der Held in seiner alltäglichen Lebenssituation, dann bricht er auf und gerät in das, was im Märchen die Anderwelt genannt wird. Oft verläuft er sich im Zauberwald und der Übergang ist unmerklich, nicht selten aber kriecht er auch in ein Loch, geht in einen Berg, fällt durch einen Brunnen oder ersteigt einen unendlich hohen Baum (den Weltenbaum) und kommt in einer gänzlich anderen Welt heraus.
In der Anderwelt sind die physikalischen Gesetze von Raum und Zeit aufgehoben. Der Held hat Begegnungen mit sprechenden Tieren und sonderbaren Menschen, er macht außergewöhnliche Erfahrungen, seine Tugenden werden geprüft und er bekommt magische Geschenke. Und vor allem macht er Jenseitserfahrungen. Im Märchen wird das nur angedeutet, zum Beispiel wenn ein Kampf mit dem Drachen am Ufer des Roten Meeres beschrieben wird, denn das Rote Meer galt früher als Grenzgewässer zum Jenseits; wenn ein Fluss überquert werden muss, um zum Teufel zu gelangen; oder wenn die Brücke über eine gähnende Schlucht zu passieren ist.
Am Ende des Märchens wird der Held immer belohnt, erlöst, geheilt, auch das entspricht der schamanischen Reise. Und damit sind wir endlich auch beim Sinn und Zweck der Märchen, die weit mehr als nette Unterhaltung sind.Märchen behandeln grundlegende menschliche Probleme und Konflikte und zeigen ihre symbolische Lösung. Dadurch werden die Selbstheilungskräfte der Seele aktiviert und gestärkt. Märchen sind eine besonders sanfte Therapieform. Nichts muss thematisiert, analysiert, konfrontiert oder rationalisiert werden. Es genügt ganz einfach, Märchen zu hören oder zu lesen und das Erzählte bildhaft zu erleben, der Symbolik mit dem Herzen zu horchen.


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