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Ausgabe Oktober 2002
Märchenhaft

Familienaufstellungen mit Andree Jochmann

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In unseren traditionellen Märchen spiegeln sich oft Verhaltensmuster von Kindern, die ihren Eltern helfen wollen. Niemand wundert sich, wenn Rotkäppchen von der Mutter in den Wald geschickt wird, obwohl dort der böse Wolf lauert. Unter dem Blickwinkel eines Familienaufstellers lässt sich dahinter eine unsichere Mutter vermuten, die für sich noch keinen sicheren Platz gefunden hat. In einer Aufstellung wäre es dann möglich, die Positionen klarzustellen und verwobene Schicksale zu entwirren. Andree Jochmann versucht in seinen Familienaufstellungen, märchenhafte Bilder zu finden, die die Kinder, die wir waren, entlasten. Er berichtet über seiner Arbeit.

„Am dunkelsten ist es immer unter der Lampe“, heißt es in einem alten chinesischen Sprichwort. Das gilt auch für Märchen: Der Teil eines Märchens, den wir mit dem Verstand erfassen können, ist vermutlich der unwichtigste. Auch bei der Familienaufstellung hat der Verstand nur eine dienende Funktion. Er muss sich dem Gefühl und dem Gefälle der Energie unterordnen. Wenn man sich intensiv mit Familienaufstellung beschäftigt, bleibt es nicht aus, dass man zu Märchen eine andere Haltung bekommt, einfach, weil man bestimmte Muster und Stimmungen wiedererkennt. Bert Hellinger hat zu diesem Thema viele Anregungen gegeben. Von ihm ist zum Beispiel der Vorschlag, der Vater von Schneewittchen möge einfach seine Frau in den Arm nehmen und zu ihr sagen: „Wo hatte ich denn nur meine Augen, du bist doch die Schönste im ganzen Land!“ Schneewittchen wäre auf diese Weise viel Ärger erspart geblieben. Oft suchen in Märchen Kinder eine Lösung für das, womit ihre Eltern selbst nicht zurecht kommen. Niemand wundert sich, wenn Rotkäppchen von ihrer Mutter ganz alleine in den Wald geschickt wird. Aber was ist das für eine Mutter, die ihr Kind in den dunklen Wald schickt, obwohl sie weiß, dass da der böse Wolf lauert? Vermutlich eine Mutter, die selber unsicher ist, für sich auch keinen sicheren Platz gefunden hat und ihre Not an ihr Kind weitergibt. Vom Wege darf sie nicht abkommen, das ist alles, was sie ihrer Tochter mit auf den Weg geben kann.
Rotkäppchen
In einem meiner Seminare stellte einmal eine Frau ihre Familie auf. Die Aufstellung war sehr spannungsgeladen, es ließ sich aber keine konkrete Ursache für die Spannung finden. Einer Eingebung folgend, brach ich die Aufstellung ab und fragte die Frau, wie das Märchen vom Rotkäppchen auf sie als Kind gewirkt hätte. Sie sagte, vor diesem Märchen hätte sie immer große Angst gehabt. Ich ließ sie Stellvertreter für die Mutter, die Großmutter und den Wolf aufstellen. Sie selbst sollte das Rotkäppchen sein. Die Großmutter und den Wolf stellte sie in die eine Ecke des Raumes, sich und die Mutter diagonal gegenüber. Ich ließ die Mutter zu ihr sagen: „Bring bitte diesen Kuchen zur Großmutter.“ Sie setzte sich zögernd und mit zitternden Beinen in Bewegung. Man sah ihr an, dass sie große Angst hatte. Als sie die Mitte des Raumes erreicht hatte, bat ich die Mutter, sie zurückzurufen. Ich ließ sie sagen: „Rotkäppchen, ich habe es mir anders überlegt. Lass uns den Kuchen zusammen essen, nur du und ich, Mutter und Tochter. Die Großmutter ist alt genug, sie kann sich selber einen backen.“ Im gleichen Moment lag ihr das „Rotkäppchen“ an der Brust. Dort blieb sie für 10 Minuten, weinte und sah glücklich und entspannt aus. Am nächsten Abend rief diese Frau bei mir an und erzählte, dass sie mit ihrer richtigen Mutter am nächsten Tag etwas sehr Ähnliches erlebt hatte. Ihre Mutter hatte sie überraschend in den Arm genommen und an sich gedrückt. Daraufhin hatte sie ihr unter Tränen ein längere Zeit zurückliegendes Familiengeheimnis erzählt. Die junge Frau sagte, der Inhalt der Erzählung wäre für sie nicht so wichtig gewesen wie das lang ersehnte Gefühl von Geborgenheit im Arm ihrer Mutter.

Kinder suchen Lösungen
In Aufstellungen wirken manchmal die Eltern auf mich wie eine Staumauer zwischen den Kindern auf der einen und einem unüberschaubaren Ozean von ungelebtem Schmerz und Trauer der Ahnen auf der anderen Seite. Sie wollen die Kinder abschirmen. Leider funktioniert das nicht. Die Kinder wollen helfen, suchen nach Lösungen und geraten dadurch in Schwierigkeiten. Das spiegelt sich in alten Märchen wieder. Darin liegt aber meiner Meinung nach auch der Erfolg von Kultbüchern und Kultfilmen unserer Zeit. Dass Harry Potter zum Beispiel nichts Geringeres zu erledigen hat, als den bösen Lord Voldemort zu besiegen, der seine Eltern auf dem Gewissen hat, ist ein klassisches Muster, mit dem sich jedes Kind identifizieren kann. Harry versucht, die Aufgabe zu lösen, an der seine Eltern gescheitert sind und Kinder auf allen Kontinenten fiebern mit ihm mit. Ronja Räubertochter schafft es, ihre und Birks verfeindete Sippen zu versöhnen. Die gleiche Aufgabe, an der Romeo und Julia scheitern. Im „Herrn der Ringe“ muss der kleine Frodo den Ring tragen, den der alte, weise Gandalf nicht einmal anzufassen vermag. Auch vom Christuskindlein erwarteten letztlich Erwachsene Erlösung von der „Schuld“. Warum das so ist, können wir nur ahnen.

Die Vertreibung aus dem Paradies
In der Geschichte der Menschheit haben Naturkatastrophen dazu geführt, dass unser Urvertrauen erschüttert wurde. Die Menschen hatten einfach die Fähigkeit, Katastrophen persönlich zu nehmen und sich abgelehnt zu fühlen vom „Großen Ganzen“. Furchtbare Kriege überschritten unser emotionales Fassungsvermögen. In diesen Kriegen ging es eigentlich um Zugehörigkeit. Das Gefühl persönlichen Unwertes sollte gemildert werden, indem ein noch Minderwertiger gefunden und bekämpft wurde. Dadurch wurde die Symmetrie des sozialen Gefüges zerstört, weder Männer noch Frauen sind an ihrem richtigen Platz. Die Männer sind überfordert und die Frauen sind gekränkt und oft abgeschnitten von ihrem Potential. Das ist der Stoff für Schuldgefühle auf beiden Seiten und eine Quelle von ständigen Spannungen. Irgendwann müssen wir damit anfangen, uns unsere Ohnmacht einzugestehen. „Schuld“ ist in diesen Dimensionen eine brüchige Konstruktion, die Macht suggeriert. Schicksalhafte Ereignisse waren verantwortlich für die Verluste, die wir Menschen zu betrauern haben, dafür, dass wir aus dem „Paradies“ vertrieben wurden. Dass Männer und Frauen sich gegenseitig dafür verantwortlich machen, ist ein Versuch der Abwehr, der alles seit Jahrhunderten noch schlimmer macht. Es wird höchste Zeit, dass wir Frieden schließen und gemeinsam schauen, was uns geblieben ist und was wir zusammen betrauern müssen.
In meinen Seminaren versuche ich, märchenhafte Bilder zu finden, die die Kinder, die wir waren, entlasten. Als Erwachsene verneigen wir uns vor etwas Größerem, das Demut erfordert und wenig Raum lässt für Schuldgefühle und Schuldzuweisung. Für meine Kinder habe ich angefangen, mir neue Märchen mit echten Lösungen auszudenken. Däumelinchen findet seine Mutter, der Ritter geht mit dem Drachen angeln und die Knusperhexe wird rehabilitiert. Sie sollen dieses Jahr als Büchlein bei Trojan-Books in Hamburg erscheinen. Eine Auswahl dieser Märchen kann man sich auf meiner Homepage www.familienaufstellung-im-oderbruch.de ansehen.


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