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Ausgabe Oktober 2002
Das heilende Potential des Tanzes

Der „Life-Art-Process“ von Anna Halprin

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Anna Halprin hat mit eine Form des Tanzes entwickelt, die zwischen Kunst und Therapie anzusiedeln ist. Die Tanz- und Gestalttherapeutin Ursula Schorn stellt den Ansatz vor.

Der Tanz ist so vielgestaltig wie jede andere künstlerische Ausdrucksform. Unter der Fülle von Tanzformen die zu wählen, die der persönlichen Tanzlust entspricht, erfordert oft Zeit und Geduld. Wenn wir jedoch auf der Suche nach dem Tanz sind, der heilende Potentiale verspricht zu erschließen, sind wir oft gänzlich überfordert. Nach welchen Kriterien sollen wir Ausschau halten? Wer garantiert, dass der Tanz mir persönlich hilft, meine Lebenssituation besser zu meistern? Gibt es überhaupt eine solche Garantie? Unter den vielen Formen tanztherapeutischer Arbeit, die sich in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland entwickelt haben, möchte ich einen Ansatz herausgreifen, der sich in dem Zwischenraum künstlerischer und therapeutischer Arbeit befindet. Anna Halprin, eine inzwischen 82jährige Tänzerin von der Westküste der USA, hat ihr Lebenswerk als Künstlerin mit dem Ziel verknüpft, eine Form des Tanzes zu entwickeln, die auch dem tanzenden Laien den Raum gibt, persönliche Lebenserfahrungen auf die „Bühne des Lebens“ zu bringen. Nicht vorgegebene Tanzformen werden nachvollzogen, sondern der Tanzende wird auf einem kreativen Weg begleitet, der das Finden seiner persönlichen Sprache des Tanzes ermöglicht. Charakteristisch für diesen kreativen Weg ist die Einbeziehung des Malens von inneren Bildern, die als Sprache der Seele in Farben und Formen ihren Ausdruck findet. Die gemalten Bilder werden zum Ausgangspunkt tanzender Entdeckungsreisen auf der Suche nach dem in ihnen verborgenen Sinn. Sie werden nicht interpretiert, sondern entfalten sich wie von allein in ihren Botschaften für den Tanzenden. Mit großer Sorgfalt und therapeutischer Behutsamkeit werden diese Bilder in den kreativen Ausdrucksprozess des Tanzes eingewoben, denn sie brauchen ihre eigene Zeit, um sich zu zeigen und ihre heilenden Potentiale im Tanz zu entfalten. .

Life-Art-Process
„Life-Art-Process“ nennt Anna Halprin ihren Zugang zum Tanz, der durch ihre persönliche Begegnung mit Fritz Perls in den 60er Jahren durch die Konzepte der Gestalttherapie stark beeinflusst wurde. Es ist ihr gelungen, die Gestaltarbeit in den Tanz zu übertragen und damit eine bewegte und kreative Form von Lebensbewältigung zu schaffen, die an die intuitiven Selbstheilungskräfte des Menschen anknüpft. Der Tradition der Gestalttherapie folgend kann im geschützten therapeutischen Setting einer Einzeltherapie der kreative Prozess der Heilung sorgfältig auf die Bedürfnisse des Einzelnen ausgerichtet werden. In der Gruppenarbeit wird das heilende Potential des Tanzes durch die Anteilnahme und Solidarität der Gruppenteilnehmer um einen weiteren Heilungsfaktor erweitert. Welche Form die jeweilig angemessene ist, wird mit dem Therapeuten persönlich besprochen.

Tanz-Rituale
Anna Halprin ist nicht nur durch ihre spezifische Form des Tanzes bekannt geworden, sondern sie hat sich auch durch die Entwicklung und öffentliche Durchführung von Tanz-Ritualen einen internationalen Namen gemacht. „Circle the Earth“ und „Planetary Dance“ sind zwei ihrer bekanntesten Rituale, die in vielen Ländern dieser Erde jährlich durchgeführt werden. Aktuelle Themen unserer Zeit, wie die scheinbar vergebliche Suche nach Frieden und Gewaltlosigkeit, haben Anna Halprin bereits in den 80er Jahren dazu geführt, mit großen Gruppen von über 100 Teilnehmern öffentliche Performances mit dem Ziel durchzuführen, die verborgenen Wurzeln dieser weltweiten Phänomene zu konfrontieren und in eine künstlerische Form zu transformieren. Auch ihre unerschrockene Auseinandersetzung mit dem Thema „Aids“ findet ihre Form in Ritualen, in denen Betroffene aus ihrer sozialen Isolation in eine tanzende Öffentlichkeit integriert werden, die getragen ist von dem Ausdruck mitfühlender Solidarität.
Die Dimensionen des künstlerischen Ausdrucks, die den Tanz durch Anna Halprin’s kreatives Engagement bereichert haben, sind unübersehbar geworden. Vielleicht kann diese kurze Einführung Interesse in all denen wecken, die sich in ihrer Begeisterung für den Tanz in dem Zwischenfeld von Kunst und Therapie wiederfinden können.
Anna Halprin ist selbst durch einen Heilungsprozess als Betroffene hindurchgegangen, indem sie ihre Krebskrankheit in einem persönlichen Ritual konfrontierte. Ihre medizinisch bestätigte Heilung hat sie auf den Weg gebracht, selbst mit Gruppen Krebskranker zu arbeiten. Ihr inzwischen in deutscher Übersetzung erschienenes Buch „Tanz, Ausdruck und Heilung“ gibt Zeugnis ab von ihrem Zugang zur kreativen und heilenden Arbeit mit Krebspatienten. „Healing Arts“ nennt sie ihre Arbeit, die das Ritual als eine aktive Konfrontation mit persönlichen Lebensfragen zu einem zentralen Bestandteil ihres Tanzes macht.
Literaturempfehlung:
Anna Halprin: Tanz, Ausdruck und Heilung. Synthesis Verlag, Essen 2000
Ursula Schorn in G. Klein: Tanz, Bild, Medien. LIT Verlag, Hamburg 2000


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