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Ausgabe Mai 2002
Jenseits des Materiellen - das Weltbild von J. J. Poortman

Vortrag von Prof. Dr. Peter Meyer-Dohm:: “Feinstoffliche Körper in den Weltkulturen“

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Die Vorstellung von der Existenz feinstofflicher Materie könnte sich als ein wesentlicher Schlüssel für eine ganzheitliche, das Spirituelle einbeziehende Wissenschaft erweisen. Zu diesem Schluss kommen heute immer mehr integrale Denker. Der Autor Marco Bischof präsentiert den ersten modernen Philosophen, der sich wissenschaftlich mit dem Konzept der Feinstofflichkeit befasst hat: den fast in Vergessenheit geratenen holländischen Theosophen Prof. Dr. J. J. Poortman.

So faszinierend die Vorstellung feinstofflicher Lebensformen ist, so sehr überrascht es, dass sich bislang immer noch relativ wenige diesem Thema in ernst zu nehmender Weise gewidmet haben. Einer von ihnen ist der holländische Philosoph Johannes Jacobus Poortman (1896-1970). Sein einzigartiges Werk ist bis jetzt Geheimtipp geblieben, es deutet sich aber an, dass es schon bald eine wichtige Rolle spielen dürfte. So betonte der „Vater der Human-Potential-Bewegung“ Michael Murphy - Gründer des Esalen-Instituts in Kalifornien und Autor des Buches “Der Quantenmensch” - erst kürzlich die grundlegende Bedeutung von Poortmans Schriften für Fragen über das Leben nach dem Tod oder über das Wesen unserer körperlichen Manifestation insgesamt. Auch der Vordenker der neuen Integralen Wissenschaft, Ken Wilber, weist auf seiner Website auf Poortman hin.


Jenseits des Materiellen

Die außergewöhnliche Bedeutung von Poortmans Hauptwerk “Vehicles of Consciousness” (englische Ausgabe von 1978, die Erstausgabe “Ochema” erschien 1958-67), liegt in der Erkenntnis, dass es neben der soliden, fassbaren Materie eine Reihe weiterer, feinstofflicher Arten von Materie gibt. Poortman zeigt mit einer ausführlichen historischen Darstellung der Vorstellungen von feinstofflichen Körpern in den Weltkulturen, dass solche Konzepte - er nennt sie zusammenfassend den Hylischen Pluralismus - zu allen Zeiten und in vielen Kulturen eine wichtige Rolle im Denken der Menschheit gespielt haben. “Ochema” bedeutet in der neuplatonischen Philosophie „Gefährt“ oder „Vehikel“. Der holländische Philosoph verwendet diesen Begriff, um auf die bedeutende Rolle feinstofflicher Materie innerhalb des menschlichen Organismus hinzuweisen. Das Wort “Hyle” ist die altgriechische Bezeichnung für Materie. „Hylischer Pluralismus“ steht für die Erkenntnis, dass “die Welt nicht nur aus Materie besteht, die für unsere Sinne direkt wahrnehmbar ist, sondern auch aus einer Reihe von Formen subtilerer Materie, die als Vehikel eines nichtmateriellen, beseelenden Bewusstseins dienen”.


Trennung von Innen und Außen

Es ist eine der grundlegendsten Annahmen der westlichen Kultur, dass die Welt und der Mensch einerseits aus räumlich ausgedehnter Materialität ohne psychisch-geistige Eigenschaften (die als einzige objektive Realität empfunden und ausschließlich der “Außenwelt” zugewiesen wird) und andererseits aus dem Geist bzw. der Psyche/dem Bewusstsein, denen keine räumliche Ausdehnung und Materialität zugeschrieben und die in die “Innenwelt” verwiesen werden, besteht. Dieser so genannten “kartesische Schnitt” ist nach Poortman die Grundlage des “monistischen Materialismus”, nämlich der Auffassung, dass nur eine Art von Materie existiert, und zwar die gewöhnliche, grobstoffliche Materie, wie sie von den Naturwissenschaften studiert wird. In diesem Weltbild haben Psyche, Seele, Bewusstsein usw. keine eigene Existenzberechtigung, sie gelten als bloße Begleiterscheinungen der materiellen Prozesse („Träume sind Verdauungsprozesse des Gehirns“, usw.).


Von der Substanz geistiger Prozesse

Dem stellt Poortman eine andere Form des Materialismus entgegen, nämlich den in der Philosophie bereits bekannten “dualistischen Materialismus”. Damit ist die Auffassung gemeint, dass zwar alles materieller Natur ist, dass es aber neben der gewöhnlichen, groben Materialität unserer Naturwissenschaft noch einen zweiten Typ von Materie, nämlich “feinstoffliche Materie” gibt, die vor allem in Lebewesen von großer Bedeutung ist. Poortman erschien der Begriff des „dualistischen Materialismus“ allerdings immer noch zu eng. Er wollte über die Schulphilosophie seiner Zeit hinausgehen, indem er die Idee einer “zweifachen Körperlichkeit”, d.h. einer Koexistenz von grober und feiner Körperlichkeit, mit der Auffassung ergänzte, dass es neben den zwei Materiekategorien noch eine tiefste Realität spiritueller Natur gibt.


Zeit für ein neues Weltbild

Poortman unterscheidet aufgrund des in seinem Buch zusammengetragenen Materials sechs verschiedene mögliche Typen metaphysischer Standpunkte. Diese bewegen sich zwischen den beiden Polen der Annahme einer ausschließlich materiellen Realität mit nur grobstofflicher Materie einerseits und dem Standpunkt, dass Materie überhaupt nicht real ist und nur Psychisches oder Spirituelles existiert:

1) Alle Realität ist materiell, es gibt nur gewöhnliche Materie.

2) Es gibt zwei Arten von Materie, aber keine immaterielle Realität.

3) Alles außer Gott ist materiell, auch die Seele.

4) Die Seele ist immateriell, benützt aber feinstoffliche Vehikel, speziell nach dem Verlassen des physischen Körpers beim Tod.

5) Materie und Geist sind vollkommen getrennte Realitäten (dies ist der in unserer Kultur gängige Standpunkt, der in absoluter Gegnerschaft zum Hylischen Pluralismus steht).

6) Alle Realität ist spirituell oder psychisch, Materie ist nicht real.


Mit diesen Kategorien berücksichtigt Poortman die philosophischen Weltbilder aller Weltkulturen und stellt die Annahme feinstofflicher Materieformen als eine legitime Möglichkeit auch des westlichen Denkens dar. Bemerkenswert an Poortmans Philosophie ist, dass sie durch das Konzept des Hylischen Pluralismus eine optimale Grundlage für einen wissenschaftlichen Zugang zur Welt liefert, der alle Aspekte der Realität, vom physikalisch-biologischen bis zu den parapsychologischen und mystisch-spirituellen, umfasst. Poortmans Philosophie könnte somit eine wichtige Brückenfunktion innerhalb der naturwissenschaftlichen Disziplinen bekommen und diese auch für die Dimensionen jenseits des bloß (Grob-)Materiellen und Biologischen öffnen, so wie dies z.B. in der Biophysik oder der modernen Lebensenergieforschung bereits geschieht.


Poortman aktuell

Im Rahmen der „Berliner Integralen Gespräche“ wird Prof. Dr. Peter Meyer-Dohm zur Bedeutung Poortmans referieren. Er hat an der Herausgabe der englischen Fassung von “Ochema” mitgewirkt. Peter Meyer-Dohm war u.a. Rektor der Ruhr-Universität Bochum und Leiter des Zentralen Bildungswesens/Personalentwicklung der Volkswagen AG. Seine Beschäftigung mit der Arbeit Poortmans geht zurück auf lebenslanges Interesse an Spiritualität, inbesondere in theosophischer und indischer Ausprägung, und die persönliche Bekanntschaft mit Poortman.


Kostenbeitrag: EUR 8,- (erm. EUR 5,-),


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