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Ausgabe Mai 2002
Der sechste „Tibeter“

Sexuelle Energie spüren und in Liebe verwandeln

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Die Fünf ”Tibeter” zählen zu den populärsten Yoga-Übungen im deutschsprachigen Raum. Eine Übung, die der Autor des gleichnamigen Buches, Peter Kelder, als die “Krönung des Ganzen” bezeichnet hat, wurde jedoch bisher fast völlig ignoriert: der Sechste ”Tibeter” - eine Yogatechnik, die dazu dient, sexuelle Energie umzuwandeln. Christian Salvesen hat darüber ein Buch geschrieben.

Zölibat? Nicht nötig!


Warum der Sechste “Tibeter” bis vor kurzem so gemieden wurde, ist leicht erklärt. Peter Kelder, Autor der „Fünf Tibeter“ meinte im Sinne einiger Yogatraditionen, man/frau müsse sich für den Rest des Lebens zum Zölibat, zur sexuellen Enthaltsamkeit verpflichten. Klingt logisch: Sind die unteren Ausgänge geschlossen, steigt die Energie nach oben. Doch wer will schon einen solchen Preis zahlen? Und stimmt die Kalkulation überhaupt? Verwandelt sich die “sexuelle Potenz” durch Enthaltsamkeit in “höhere Energie” – etwa in Mitgefühl und geistige Klarheit? Oder eher in sexuelle Phantasien bis hin zur Perversion?
Es steht jedem frei, sich in sexueller Enthaltsamkeit zu üben. Für die Ausübung des Sechsten Tibeters ist das nicht nötig. Das meinen inzwischen auch diejenigen, die die Übungen von Peter Kelder in Ausbildungskursen vermitteln. Maruscha Magyarosy und andere der bekanntesten “Tibeter”-Trainer wollen den Sechsten “Tibeter” ”entmystifizieren”, die mit der Sexualität verbundenen Wünsche und Ängste bewusst machen.


Kundalini: Die erwachende Energie spüren

Und genau das bewirkt die Übung: Sexuelle Energie, Lebensenergie wird bewusster erlebt. Zunächst einmal dadurch, dass sie überhaupt in Bewegung gerät. Vieles in unserem Körper und Geist ist ständig in Bewegung – alles Energie. Doch da gibt es eine ganz besondere Energie, im Yoga “Kundalini” genannt. Sie schläft, zusammengerollt wie eine Schlange, im Muladhara-Chakra, dem untersten der sieben Energiezentren. Der Sechste Tibeter weckt sie auf. Das ist neuerdings sogar wissenschaftlich nachweis- und messbar. Ein elektrischer Impuls bewegt sich über das Rückenmark in Richtung Gehirn, wenn der PC-(Beckenboden)Muskel zwischen den Beinen angespannt wird. In Hunderten von Tests, die Dr. Eggetsberger am Wiener Institut für Biofeedback machte, erlebten Frauen, Männer und Kinder viele positive Wirkungen – Erlösung von Kopfschmerzen, bessere Konzentration, mehr Lust auf Leben und Liebe.

Wie ist die Empfindung der Energie selbst? Eher wie bei einem leichten elektrischen Schlag – jedenfalls nicht sexuell erregend. Das ist ein interessanter und wichtiger Punkt: Beim Sechsten Tibeter erscheint die sexuelle Energie ungefiltert, wie weißes Licht oder weißes Rauschen. Der unmittelbare Kontakt mit dieser reinen Energie führt zu einer besonderen Art von Kompetenz – das ist jedenfalls die Auffassung in der alten Wissenschaft von Yoga und Tantra. In der bewussten Wahrnehmung von Lebensenergie entwickelt sich inneres Wissen – nicht angelesene Information – und damit echte Autorität und Authentizität. Und das eben auch und ganz besonders in Sachen Sex und Liebemachen.


Präsent sein

Warum haben so viele Männer beim Sex eine “vorzeitige Ejakulation”? Sie können nicht im Moment, bei ihrem momentanen Empfinden bleiben, erregen sich in Fantasien, sind nicht “Herr der Situation” bzw. “Herr ihrer selbst”. Dasselbe gilt für viele Frauen, die sich beim Liebemachen innerlich und körperlich verkrampfen – um endlich einen Orgasmus zu haben, um ihrem Partner zu gefallen, um früheren Schmerz, Verletzungen, Missbrauch zu verdrängen. Um das zu ändern, ist zunächst einmal Einsicht, also auch ein Eingeständnis der Tatsache nötig. Und dann eben Üben. Spüren üben. Es lohnt sich.

Als ich mit dem Üben des Sechsten “Tibeters” begann, bemerkte ich erstaunt: welch eine Intensität der Empfindung! Weder Lust noch Schmerz, sondern einfach Intensität, die sich bei mir unwillkürlich in Schütteln entladen wollte. Und dass ich mich danach frischer, wacher, energiegeladener fühlte als sonst, war auch nicht zu leugnen. Was konnte das nur sein? Mir wurde klar: Der Schlüssel zur alchimistischen Umwandlung sexueller Energie liegt im unmittelbaren Empfinden dieser Energie. Es geht nicht darum, irgendetwas mit ihr “zu machen”, sondern sie einfach wahrzunehmen, so bewusst wie möglich. Alles andere geschieht von selbst. Die Auswirkungen werden bei jedem anders ausfallen. Doch ich bin sicher: Ihr Leben wird durch das bewusste Wahrnehmen dieser letztlich undefinierbaren Energie erfüllter, intensiver, geheimnisvoller, “zeitloser”.


Risiken und Nebenwirkungen

Durch unsachgemäßes Üben des sechsten ”Tibeters” kann jedoch ein plötzlicher Energieschub ausgelöst werden, der nicht nur Angst macht, sondern auch den gesamten Organismus durcheinander bringt. Um solche und andere Nebenwirkungen zu vermeiden, bleiben Sie bei der dreimaligen Ausführung des Sechsten ”Tibeters”, wenn möglich täglich, doch stets eingebunden in die anderen Riten. Genießen Sie dabei jeden Moment. Spüren Sie die Empfindungen.


Kann der Sechste Tibeter impotent machen?

Wenn Männer diese Sorge äußern, haben sie anscheinend den Albtraum des Bayern, der im Himmel kein Bier mehr kriegt. Transformation sexueller Energie bedeutet nicht Verringerung, sondern Steigerung. Wer vorher Probleme mit Impotenz, mit fehlender Erektion oder vorzeitiger Ejakulation hatte, ist womöglich nach einigen Wochen Praxis positiv überrascht. Es klappt im Bett besser als je zuvor. Doch die Sorge ist verständlich. Wir kennen die Sexualität immer noch nicht in ihrem Wesen. Trotz aller scheinbaren sexuellen Offenheit, Aufklärung und Stimulation durch die Medien.



Der Sechste ”Tibeter” - Die Übung

Stehen, Füße hüftbreit auseinander, Wirbelsäule aufgerichtet, entspannt atmen.

Ausatmen. Die Luft aus dem Brustkorb strömen lassen, dabei den Bauch zum Zwerchfell einziehen und angespannt halten.

Oberkörper nach vorne beugen, Hände auf die Knie stützen. Luft weiter auspressen. Kinn zum Brustbein neigen.

Oberkörper aufrichten, Hände in die Hüften stemmen. Schultern werden hochgedrückt.

PC-Muskel anspannen. Sog “nach oben” spüren, geschehen lassen.

Atemnot bewusst aushalten. Vor dem Einatmen den Bauch entspannen, sonst können unangenehme Nebenwirkungen (Kopfschmerzen) auftreten.


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