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Ausgabe Februar 2002
Kraft der Träume

Vom Traum zum Tag

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Liane Pehlgrimm hat sich darauf spezialisiert, mit Träumen erlebnisorientiert zu arbeiten. Sie wurde ausgebildet von dem Schweizer Psychoanalytiker Peter Schellenbaum, dem Begründer der Psychoenergetik, die als Weiterentwicklung der Arbeit von Freud und Jung Problemen nicht nur intellektuell, d.h. denkend, begegnet, sondern spürend, wahrnehmend. Stephanie Hensche hat für den folgenden Beitrag eine Gruppe bei Liane Pehlgrimm besucht und sich auch über den Hintergrund dieser Traumarbeit informiert.

Frau A. schiebt im Traum einen Einkaufswagen durch einen Supermarkt. Vor der Kasse gerät sie in einen Streit mit anderen Kunden, von denen sie ohne Grund beschimpft wird. Frau A. reagiert mit unflätigen Schimpfworten, wobei sie das von den anderen gesprochene Berliner Idiom, das nicht ihr eigenes ist, imitiert. Die Tatsache der nicht ganz gelingenden Imitation empfindet sie selbst als lächerlich. Sie fühlt sich schwach und bekommt Angst vor der Warteschlange. Vor dem Supermarkt stellt sie fest, dass ihr Fahrrad in seine Einzelteile zerlegt und an eine Mauer geheftet wurde. Sie wird nicht nach Hause fahren können.

Diese kurze Traumsequenz erzählt Frau A. in einer Gruppe. Ihr gegenüber sitzt Liane Pehlgrimm. „Der körperlichen Realität eines Traumes oder Traumbildes nachspüren lernen“, beschreibt sie als ein wichtiges Ziel ihrer Arbeit. „Jedes Gefühl hat einen körperlichen Ausdruck, auch das verdrängte. Das können Gebärden beim Erzählen des Traumes sein, leibliche Empfindungen oder unwillkürliche Bewegungen.“

Frau A. ist mittlerweile aufgestanden und schiebt einen imaginären Einkaufswagen vor sich her. Um sich gegenüber den anderen Kunden zu behaupten, schwingt sie einen Arm über ihren Einkaufskorb und beugt sich dabei weit nach vorne. „Wütend“ sei sie, und während sie das sagt, ballt sie ihre Fäuste und steht auf einmal aufrecht auf dem Boden.

Die aus dem Psychodrama bekannte Inszenierung ist oft ein hilfreicher Zugang zum Traumbild, das auf diese Weise von neuem „in Bewegung gesetzt“ wird. Die von Schellenbaum begründete Psychoenergetik misst jedoch bestimmten körperlichen Ereignissen während eines Rollenspiels oder einer Erzählung besondere Bedeutung bei. Dies sind die so genannten spontanen Gebärden, wie etwa im Falle der Frau A. die geballte Faust. Die Gebärde ist ein Signal, das sich unbewusst meldet; ein körperlicher Ausdruck, dessen Spur das therapeutische Gegenüber weiter verfolgen wird, weil hier ein Weg zur Heilung zu vermuten ist.

Peter Schellenbaum plädiert für eine „Verlebendigung“ der Psychotherapie. Er hat die von S. Freud und C. G. Jung gelegten psychoanalytischen Grundlagen um Elemente der Körpertherapie erweitert. Während die Begründer der Traumdeutung stark auf die Symbolsprache von Träumen ausgerichtet waren, eröffnet die Psychoenergetik Wege vom Traum in den Körper. Im Zentrum stehen dabei Ausdrucks- und Körperphantasien, so genannte Träume im Wachen. Anders als in der reinen Körpertherapie, etwa der Bioenergetik oder der Atemtherapie, steht nicht die Lösung einer körperlichen Blockierung im Mittelpunkt, sondern das Nachspüren und Ausagieren spontaner Bewegungen, in denen körperliche und seelische Impulse zusammenfließen. Dabei bleibt das analysierende Gespräch ein wesentlicher Bestandteil des therapeutischen Prozesses. „Für bestimmte Menschen ist es sehr hilfreich, ihrer Gebärde zu folgen, während andere weniger darauf ansprechen“, räumt der von Schellenbaum ausgebildete Psychoanalytiker Volker Hansen ein. Dies ist auch die Erfahrung der Therapeutin Katrin Bär, die an ihren Klienten oft eine große Abwehr gegen das Spüren körperlicher Impulse wahrnimmt. „Der Therapeut ist dann ein Resonanzkörper, der mitschwingt und manchmal spürt, was der Klient noch nicht wahrnehmen kann“, erläutert die ausgebildete Bewegungsanalytikerin ihre Rolle. In jedem Fall gelte es, der vom Klienten spontan eingeschlagenen Spur zu folgen. Das können neben der körperlichen Gebärde ebenso die aus der klassischen Psychoanalyse bekannten sprachlichen Assoziationen oder Bilder sein. Der Ansatz der Psychoenergetik erzwinge keine Entwicklung „mit der Brechstange“ oder durch Suggestion, sondern greife die Impulse der Klienten behutsam auf.

„Der Einkaufswagen ist für mich ein Panzer, er schützt mich vor den anderen Kunden“, assoziiert nun Frau A. In ihren Fäusten dagegen kann sie „ihre eigene Kraft spüren“. Dies jedoch erst, nachdem sie den Einkaufswagen losgelassen hat. Das Bild des eigentlich hinderlichen Einkaufskorbes entspricht dem im Traum imitierend angenommenen fremden Idiom, das ebenfalls eigene Lebensimpulse unmöglich macht. Solange der Selbstausdruck gebremst ist, kann der Weg des selbständigen, verantwortlichen Handelns nicht beschritten werden - so das Thema eines nun von Liane Pehlgrimm angeregten Gesprächs. Diese Aussage assoziiert Frau A. schließlich zum demontierten Fahrrad.

Oft sind uns nach dem Aufwachen die Gefühle eines Traumes noch eindringlich präsent. Die Traumbilder dagegen scheinen alltägliche Details, meist ohne logische Beziehung aufeinander, zu sein. Tagesreste vermischen sich mit affektiv besetzten Erinnerungen und Impulsen, die in die Zukunft weisen. Der Traum legt mit seinen Neu-Kompositionen unserer seelischen Grundtatsachen Entwicklungswege frei, die wir im Wachzustand oft noch nicht gehen können. In diesem Sinne beschreibt der Traum ein „Probehandeln“. „Jeder Mensch, der seine Träume erinnert, wird davon profitieren, sich mit ihnen zu beschäftigen - auch unabhängig von einem langfristigen therapeutischen Rahmen“, argumentiert daher Volker Hansen. Wer Erfahrungen in angeleiteter Traumarbeit gesammelt habe, könne sich sehr gut auch selbständig an seinen Träumen orientieren.

Der „Sinn“ eines Traumes ist nach Auffassung Schellenbaums nicht aus Vergangenem oder Zukünftigen ableitbar, insofern lässt er sich auch niemals eindeutig verstehen. Der Sinn eines Traumes, dem wir uns aufmerksam zuwenden, kann indessen darin bestehen, aufzuwachen und zu handeln.


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