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Ausgabe November 2001
Den Blick nach vorne richten - Evelin Rosenfeld

Was suchen wir und was sollten wir bekommen, wenn wir professionelle Beratung in Anspruch nehmen?

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Deutsche Unternehmen geben jährlich 23,8 Milliarden DM für Wirtschafts- und Organisationsberatung und rund 6 Milliarden DM für Trainings im Rahmen der Personalentwicklung aus. Was Einzelpersonen jährlich aus eigener Tasche in ihre Selbstentfaltung, in Coachings, Lehrgänge und Qualifikationsmaßnahmen stecken, liegt im Dunkeln. In der Wirtschaftswelt mehren sich kritische Stimmen, dass die Beraterkonzepte Versprechungen von Gewinnmehrung, Innovationsdynamik und Prozessvereinfachung nicht halten können. Im Rahmen privater Fortbildung und Persönlichkeitsentwicklung scheint die Vielfalt des Angebots mit der Orientierungslosigkeit des Einzelnen synchron zu wachsen.
Was suchen wir und was sollten wir bekommen, wenn wir professionelle Beratung in Anspruch nehmen? Welches Coaching bringt dauerhaft Power?

Mittlerweile gibt es die unterschiedlichsten Formen, sich Unterstützung von außen zu holen: Coaching, Trainings, Therapien, Projektwerkstätten, musische Ansätze, Analysen, kognitive Ansätze, usw. Nach meiner Beobachtung kommt es zum einen darauf an, ob die Methode und der “Anwender” zusammenpassen, und zum anderen scheint es ein paar Faktoren zu geben, die regelmäßig eine positive Wirkung erzeugen. Positiv im Hinblick auf die anhaltende Klarheit und innere Motivation des Teilnehmers, auf die Annahme seiner inneren Mechanismen, auf die Authentizität in der resultierenden Lebensplanung sowie die folgenden Handlungen der Verwirklichung. Ich will versuchen, diese Faktoren hier herauszuarbeiten mit dem Ziel, eine kleine Orientierungshilfe für Teilnehmer einerseits, Coaches und Trainer andererseits zu geben. Beginnen werde ich bei der Blickrichtung, die übergeordnet eingenommen wird und die so entscheidenden Einfluss auf den weiteren Verlauf des Coachings nehmen kann.


Der Umgang mit „schlechten“ Erfahrungen

Nach meiner Auffassung wurde in vielen Therapie- und Beratungskonzepten für die so genannte “Aufarbeitung” - dem Ausgraben, Beleuchten, Analysieren vergangener und leidvoller Erfahrungen - viel zu viel Energie aufgewendet. Geht man von einer Weltanschauung aus, die die Sinnhaftigkeit alles Seienden voraussetzt und Liebe - die göttliche wie die menschliche - zum Grundprinzip hat, dann bedeutet “Aufarbeitung” im gängigen, therapeutischen Sinne nicht mehr, als Aufmerksamkeit in ein negatives Gefühl oder Erleben zu richten. Mit dem Vertrauen, dass auch Ereignisse und Erfahrungen, die als äußerst leidvoll empfunden wurden, allein dazu dienen, uns zur Einheit, zur Erfüllung unseres Selbst zu führen, macht das Bedauern, das Re-Produzieren von Schmerz - auch wenn es “Umgehen” oder “Verarbeiten” genannt wird - keinen Sinn. Die spontane Einsicht, dass die Durchkreuzung unserer (ehemaligen) Wünsche uns bei der Erforschung unseres Selbst weitergebracht hat und damit näher zu unserer Erfüllung, wirkt unmittelbar. Sie führt uns zur nächsen Stufe auf unserer ganz persönlichen Reise.



Vertrauen als Basis für das Gelingen

Dieses “Urvertrauen”, das in mannigfachen Gestalten in allen Religionen und Kulturen dieser Welt als der Schlüssel zum Gelingen vermittelt wird, gibt so reiche Hinweise zur Meisterung der Stufen unseres Lebens.
Eine Therapie oder ein Coaching, das auf ebendieser Einsicht beruht und bestrebt ist, in Phasen der Orientierungssuche oder des Nicht-Verstehens - was sich meist als Schmerz äußert - Klärung und gestaltende Energie (wieder-)herzustellen, wird zu einer raschen Integration der gemachten Erfahrungen führen. Und mit diesem “Annehmen” wird die Sicht frei nach “vorne”.


Wo ist “vorne”?

Auch hier liegt ein wichtiger Aspekt wirksamer Unterstützung: Wo vorne ist, kann nur der wirklich wissen, der sich auf dem Weg befindet. Jeglicher Versuch, den Fragenden inhaltlich zu beraten, ist letztlich Manipulation - wenn auch häufig unbewusst und unbeabsichtigt. Sobald der Coach oder Therapeut “Vorschläge” zu Richtungen und Lösungswegen einbringt, projiziert er seine eigene Richtung und wahrgenommene Welt. Daher ist es m. E. ganz wichtig, dass der Fragende unterstützt wird in der Konkretisierung und Formulierung seiner eigenen, inneren Bilder und Visionen. Oft stehen Ängste, vermeintliche Zwänge oder scheinbar hinderliche Erfahrungen im Weg. Der Coach hat m. E. dabei lediglich die Aufgabe, die Sicht des Fragenden zu schärfen - nicht aber selbst zu sehen. Oft ist die Lösung schon offenbar, wenn die Barrieren bewusst wahrgenommen werden. Denn durch deren explizites Erkennen relativiert sich meist ihre Bedrohlichkeit - und die Sicht auf die inneren Visionen und Ziele wird frei.


Die Freiheit der selbstbestimmten Lebensgestaltung

Bei der Konkretisierung von Zielen und v.a. Zielwegen kann dem Fragenden dann die ganze Tragweite seiner Freiheit bewusst werden - vorausgesetzt, er focussiert nicht voreilig oder begrenzt seine Wahlmöglichkeiten auf den Raum, den Ängste, Vorurteile und Erfahrungen übrig lassen. Hier halte ich es für ganz entscheidend, dass der Coach stärkend einwirkt, ohne Richtungen zu präferieren. In dieser Kernphase des “Coachings” gilt es allein, Selbst-Vertrauen, Kreativität und Zuversicht zu fördern, um zu einer Bewusstwerdung der vielfältigen Wahlmöglichkeiten zu führen. Erst wenn hier alle Räume, alle Varianten, die dem Wesen des Fragenden innewohnen, wahrgenommen und erreichbar sind, ist die Phase der Weitung von Aufmerksamkeit erfüllt, kann Aufmerksamkeit zielführend gebündelt werden. Wenn dann Klarheit, Freiheit und innere Kraft den Zeitpunkt einer Entscheidung markieren, wird ein Wendepunkt erreicht.


Verantwortung als Voraussetzung für Selbstbestimmtheit

Der Teilnehmer fällt eine Entscheidung. Die Tragfähigkeit dieser Entscheidung kann formal - und nur formal - vom Coach geprüft und gefördert werden. Tragfähige Entscheidungen - das ist die bewusste Wahl eines bestimmten Weges und Ziels unter Verzicht auf Alternativen. Das ist die Bündelung aller Ressourcen und ihre eindeutige Ausrichtung. Das ist die Anerkennung und Integration von Konsequenzen. Kurzum: Auf einer Basis von Klarheit und Willen findet Wahl statt. Die Wahl leitet über in Aktion. Wenn an diesem Punkt Teilnehmer und Coach auf den Aspekt der (Selbst-)Verantwortung achten und mögliche Konsequenzen - auch im Umfeld des Teilnehmers - und vorbehaltloser Einsatz erkannt und bewusst angenommen werden, sind die Erfolgschancen für die Verwirklichung der Vision sehr, sehr hoch.



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