aktuelle Seite: AKTUELL   

Hochsensibilität als Superkraft. Mache deine Schwäche zu deiner Stärke ... von Lore Sülwald


art96138
© peisker_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Im Jahr 2006, ich arbeitete zu dieser Zeit im Buchhandel, bestellte ein sympathischer älterer Herr ein Buch bei mir mit folgenden Worten: „Das müssen Sie unbedingt lesen! Das hat mir ein Trainer empfohlen, da werden Sie sich ganz neu verstehen.“ Es war ein Buch von Georg Parlow über Hochsensibilität. Meine Reaktion war damals: Hochsensibilität? Von diesem Wort fühlte ich mich regelrecht abgestoßen. Was sollte das sein? Und was für ein merkwürdiger Trainer empfiehlt so ein Buch?

Ich wollte um jeden Preis weniger sensibel sein und war unter Hochdruck auf der Suche nach Strategien, unempfindlicher zu werden. Seit meiner Kindheit wurde mir erzählt, dass ich alles zu ernst nahm. Dass ich mir ein ‚dickeres Fell‘ zulegen müsse, wenn ich erfolgreich sein wolle. Ich wollte die Welt so sehen, fühlen und erleben können wie alle anderen. Ein dickes Fell, so glaubte ich, würde jedes meiner Probleme lösen. Darüber brauchte ich ein Buch, nicht über Hokuspokus-Hochsensibilität!
Sensibilität (lat. sensibilitas) hat laut Brockhaus eine physiologische und eine psychologische Bedeutung. So bezeichnet der Begriff zum einen die Fähigkeit, Sinnesreize zu empfangen und zu verarbeiten, zum anderen meint er die Fähigkeit, auf Reize mit seelischen Vorgängen zu reagieren. Sensibilität ist eine menschliche Eigenschaft, über die im Grunde jeder Mensch verfügt und die uns überlebensfähig macht.
Nun sind unsere Fähigkeiten aber stets verschieden stark ausgeprägt. Deswegen halten wir einige Menschen in bestimmten Bereichen für begabter als andere. Neueste Forschungen* haben ergeben, dass auch die Intensität der Sensibilität von Menschen variiert und sich auf einer Skala von niedrig über mittel bis hoch bewegt. Die Verteilung liegt dabei bei etwa 30 % (niedrig), 40 % (mittel) und 30 % (hoch). *(Pluess, M. [2015]: Individual Differences in Environmental Sensitivity. Child Development Perspectives, 9[3], 138–143). 30 % der Menschen bewegen sich also innerhalb des Skalenbereichs einer hohen Sensibilität – sie gelten als hochsensibel.
Hochsensible Menschen verfügen über die Fähigkeit, sehr viele Sinnesreize empfangen und verarbeiten zu können. Manche nennen dies auch „Wahrnehmungsbegabung“; ein schöner Begriff, wie ich finde. Dabei kann es sich um gleichzeitig auftretende Reize handeln oder auch um eine intensivere Wahrnehmung einiger Reize. Auch die Verarbeitung dieser Reize im inneren, seelischen Kontext ist sehr viel intensiver und nachhaltiger.
Damals in der Buchhandlung hatte ich davon noch keine Ahnung. Und natürlich habe ich das empfohlene Buch nicht gelesen. Da Lektüre zu diesem Thema 2006 noch rar war, wurde der ‚Geheimtipp‘ jedoch immer wieder bei mir bestellt. Schließlich lieh ich mir das Buch in der Universitätsbibliothek aus. Als ich zu lesen anfing, war das ein unglaubliches Aha-Erlebnis. Da schrieb jemand über mich, über mein Leben, meine Empfindungen, meine Wahrnehmungen! Alles schien sich plötzlich an seinen Platz zu schieben.

Meine drei größten Erkenntnisse waren:

1. Hochsensibilität ist eine körperliche Konstitution, ich kann mir gar kein dickeres Fell wachsen lassen.
2. Ich bin nicht allein, es gibt noch viel mehr Menschen, die sind wie ich.
3. Die anderen tun nicht immer so, als ob sie mich nicht verstehen wollen – sie empfinden einfach vollkommen anders als ich.

Dieser Moment war lebensverändernd für mich, und genau dies höre ich auch immer wieder von anderen hochsensiblen Menschen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine Energie dafür nutzen, meine eigene, persönliche und individuelle Hochsensibilität zu erkunden und zu verstehen. Allmählich hörte ich auf, mich mit Menschen zu vergleichen, die mittel oder sogar niedrig sensibel sind. Ich konnte viele Ereignisse in meinem Leben neu betrachten und auch neu bewerten.

Mit dem Wissen um die eigene Hochsensibilität können wir uns erlauben, für uns selbst zu sorgen und zu handeln, sodass wir Energie und Kraft gewinnen. Statt auf laute Jahrmärkte zu gehen, weil wir denken: „Das machen doch alle, das müsste mir doch auch Spaß machen“ oder „Ich will kein Spielverderber sein“, können wir ganz gelassen sagen: „Das ist nichts für mich. Geh lieber mit einer anderen Person, genießt dort eure gemeinsame Zeit.“
Wir brauchen nicht mehr von anderen Menschen zu erwarten, dass sie uns verstehen. Wir können uns Gleichgesinnte suchen, mit denen wir uns austauschen. Wir können sowohl uns selbst wie auch die anderen annehmen.
Wenn wir etwas als Schwäche empfinden, geht es ganz besonders darum, den eigenen Fokus zu verändern. Alles hat mehrere Seiten und ist aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Jede Schwäche hat Stärken und jede Stärke hat Schwächen.
Mittlerweile versuchen viele Menschen, durch Achtsamkeitskurse und Meditationen empathischer zu werden. Uns hochsensiblen Menschen wurde Empathiefähigkeit mit unserer Geburt in die Wiege gelegt. Ein großes Einfühlungsvermögen birgt die Gefahr, sich in anderen Menschen zu verlieren oder bis zur Kraftlosigkeit mitzuleiden. Es kann für uns aber auch eine regelrechte Superkraft sein, denn es befähigt uns zu einer sehr guten Intuition und dem Vermögen, Lüge und Wahrheit schnell voneinander zu unterscheiden. Menschen, deren Körpersprache nicht mit ihren Worten einhergeht, entlarven hochsensible Menschen schnell. Auch die Fähigkeit, Stimmungen in Gruppen wahrzunehmen und Trends in der Gesellschaft zu erkennen, fällt uns auf ganz natürliche Weise leicht.
Je länger ich mich mit Hochsensibilität beschäftige, desto bunter und beeindruckender wird mein Bild von dieser Begabung. Die Schwäche liegt nicht bei hochsensiblen Menschen, sie liegt in der Haltung unserer Gesellschaft, in der Definition von Stärke und dem Unwillen, Diversität anzuerkennen. Jede hochsensible Person, die sich mit ihrer Hochsensibilität auseinandersetzt und sie als Stärke annimmt, befreit nicht nur sich selbst, sondern gestaltet damit eine offenere, gesündere und vielfältigere Gesellschaft.

Ich wünsche allen hochsensiblen Menschen viel Freude, Kraft und Zuversicht auf diesem Weg!

Lore Sülwald ist systemischer Coach, Kulturwissenschaftlerin B.A. und Industriekauffrau IHK. Als Expertin fur Hochsensibilitat ist es ihr personliches Anliegen, Menschen mit ihrer Einzigartigkeit und Fulle miteinander in Kontakt zu bringen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Katrin Rahnefeld bietet sie Info- und Themenabende und spezielle Workshops für hochsensible Menschen an, die ihre Hochsensibilität als Kraft leben wollen. Weitere Infos unter: www.coachingbaum.de oder www.katrin-rahnefeld.de



 

Hochsensibilität als Superkraft. Mache deine Schwäche zu deiner Stärke ... von Lore Sülwald


art96138
© peisker_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Im Jahr 2006, ich arbeitete zu dieser Zeit im Buchhandel, bestellte ein sympathischer älterer Herr ein Buch bei mir mit folgenden Worten: „Das müssen Sie unbedingt lesen! Das hat mir ein Trainer empfohlen, da werden Sie sich ganz neu verstehen.“ Es war ein Buch von Georg Parlow über Hochsensibilität. Meine Reaktion war damals: Hochsensibilität? Von diesem Wort fühlte ich mich regelrecht abgestoßen. Was sollte das sein? Und was für ein merkwürdiger Trainer empfiehlt so ein Buch?

Ich wollte um jeden Preis weniger sensibel sein und war unter Hochdruck auf der Suche nach Strategien, unempfindlicher zu werden. Seit meiner Kindheit wurde mir erzählt, dass ich alles zu ernst nahm. Dass ich mir ein ‚dickeres Fell‘ zulegen müsse, wenn ich erfolgreich sein wolle. Ich wollte die Welt so sehen, fühlen und erleben können wie alle anderen. Ein dickes Fell, so glaubte ich, würde jedes meiner Probleme lösen. Darüber brauchte ich ein Buch, nicht über Hokuspokus-Hochsensibilität!
Sensibilität (lat. sensibilitas) hat laut Brockhaus eine physiologische und eine psychologische Bedeutung. So bezeichnet der Begriff zum einen die Fähigkeit, Sinnesreize zu empfangen und zu verarbeiten, zum anderen meint er die Fähigkeit, auf Reize mit seelischen Vorgängen zu reagieren. Sensibilität ist eine menschliche Eigenschaft, über die im Grunde jeder Mensch verfügt und die uns überlebensfähig macht.
Nun sind unsere Fähigkeiten aber stets verschieden stark ausgeprägt. Deswegen halten wir einige Menschen in bestimmten Bereichen für begabter als andere. Neueste Forschungen* haben ergeben, dass auch die Intensität der Sensibilität von Menschen variiert und sich auf einer Skala von niedrig über mittel bis hoch bewegt. Die Verteilung liegt dabei bei etwa 30 % (niedrig), 40 % (mittel) und 30 % (hoch). *(Pluess, M. [2015]: Individual Differences in Environmental Sensitivity. Child Development Perspectives, 9[3], 138–143). 30 % der Menschen bewegen sich also innerhalb des Skalenbereichs einer hohen Sensibilität – sie gelten als hochsensibel.
Hochsensible Menschen verfügen über die Fähigkeit, sehr viele Sinnesreize empfangen und verarbeiten zu können. Manche nennen dies auch „Wahrnehmungsbegabung“; ein schöner Begriff, wie ich finde. Dabei kann es sich um gleichzeitig auftretende Reize handeln oder auch um eine intensivere Wahrnehmung einiger Reize. Auch die Verarbeitung dieser Reize im inneren, seelischen Kontext ist sehr viel intensiver und nachhaltiger.
Damals in der Buchhandlung hatte ich davon noch keine Ahnung. Und natürlich habe ich das empfohlene Buch nicht gelesen. Da Lektüre zu diesem Thema 2006 noch rar war, wurde der ‚Geheimtipp‘ jedoch immer wieder bei mir bestellt. Schließlich lieh ich mir das Buch in der Universitätsbibliothek aus. Als ich zu lesen anfing, war das ein unglaubliches Aha-Erlebnis. Da schrieb jemand über mich, über mein Leben, meine Empfindungen, meine Wahrnehmungen! Alles schien sich plötzlich an seinen Platz zu schieben.

Meine drei größten Erkenntnisse waren:

1. Hochsensibilität ist eine körperliche Konstitution, ich kann mir gar kein dickeres Fell wachsen lassen.
2. Ich bin nicht allein, es gibt noch viel mehr Menschen, die sind wie ich.
3. Die anderen tun nicht immer so, als ob sie mich nicht verstehen wollen – sie empfinden einfach vollkommen anders als ich.

Dieser Moment war lebensverändernd für mich, und genau dies höre ich auch immer wieder von anderen hochsensiblen Menschen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine Energie dafür nutzen, meine eigene, persönliche und individuelle Hochsensibilität zu erkunden und zu verstehen. Allmählich hörte ich auf, mich mit Menschen zu vergleichen, die mittel oder sogar niedrig sensibel sind. Ich konnte viele Ereignisse in meinem Leben neu betrachten und auch neu bewerten.

Mit dem Wissen um die eigene Hochsensibilität können wir uns erlauben, für uns selbst zu sorgen und zu handeln, sodass wir Energie und Kraft gewinnen. Statt auf laute Jahrmärkte zu gehen, weil wir denken: „Das machen doch alle, das müsste mir doch auch Spaß machen“ oder „Ich will kein Spielverderber sein“, können wir ganz gelassen sagen: „Das ist nichts für mich. Geh lieber mit einer anderen Person, genießt dort eure gemeinsame Zeit.“
Wir brauchen nicht mehr von anderen Menschen zu erwarten, dass sie uns verstehen. Wir können uns Gleichgesinnte suchen, mit denen wir uns austauschen. Wir können sowohl uns selbst wie auch die anderen annehmen.
Wenn wir etwas als Schwäche empfinden, geht es ganz besonders darum, den eigenen Fokus zu verändern. Alles hat mehrere Seiten und ist aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Jede Schwäche hat Stärken und jede Stärke hat Schwächen.
Mittlerweile versuchen viele Menschen, durch Achtsamkeitskurse und Meditationen empathischer zu werden. Uns hochsensiblen Menschen wurde Empathiefähigkeit mit unserer Geburt in die Wiege gelegt. Ein großes Einfühlungsvermögen birgt die Gefahr, sich in anderen Menschen zu verlieren oder bis zur Kraftlosigkeit mitzuleiden. Es kann für uns aber auch eine regelrechte Superkraft sein, denn es befähigt uns zu einer sehr guten Intuition und dem Vermögen, Lüge und Wahrheit schnell voneinander zu unterscheiden. Menschen, deren Körpersprache nicht mit ihren Worten einhergeht, entlarven hochsensible Menschen schnell. Auch die Fähigkeit, Stimmungen in Gruppen wahrzunehmen und Trends in der Gesellschaft zu erkennen, fällt uns auf ganz natürliche Weise leicht.
Je länger ich mich mit Hochsensibilität beschäftige, desto bunter und beeindruckender wird mein Bild von dieser Begabung. Die Schwäche liegt nicht bei hochsensiblen Menschen, sie liegt in der Haltung unserer Gesellschaft, in der Definition von Stärke und dem Unwillen, Diversität anzuerkennen. Jede hochsensible Person, die sich mit ihrer Hochsensibilität auseinandersetzt und sie als Stärke annimmt, befreit nicht nur sich selbst, sondern gestaltet damit eine offenere, gesündere und vielfältigere Gesellschaft.

Ich wünsche allen hochsensiblen Menschen viel Freude, Kraft und Zuversicht auf diesem Weg!

Lore Sülwald ist systemischer Coach, Kulturwissenschaftlerin B.A. und Industriekauffrau IHK. Als Expertin fur Hochsensibilitat ist es ihr personliches Anliegen, Menschen mit ihrer Einzigartigkeit und Fulle miteinander in Kontakt zu bringen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Katrin Rahnefeld bietet sie Info- und Themenabende und spezielle Workshops für hochsensible Menschen an, die ihre Hochsensibilität als Kraft leben wollen. Weitere Infos unter: www.coachingbaum.de oder www.katrin-rahnefeld.de



 

Hochsensibilität als Superkraft. Mache deine Schwäche zu deiner Stärke ... von Lore Sülwald


art96138
© peisker_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Im Jahr 2006, ich arbeitete zu dieser Zeit im Buchhandel, bestellte ein sympathischer älterer Herr ein Buch bei mir mit folgenden Worten: „Das müssen Sie unbedingt lesen! Das hat mir ein Trainer empfohlen, da werden Sie sich ganz neu verstehen.“ Es war ein Buch von Georg Parlow über Hochsensibilität. Meine Reaktion war damals: Hochsensibilität? Von diesem Wort fühlte ich mich regelrecht abgestoßen. Was sollte das sein? Und was für ein merkwürdiger Trainer empfiehlt so ein Buch?

Ich wollte um jeden Preis weniger sensibel sein und war unter Hochdruck auf der Suche nach Strategien, unempfindlicher zu werden. Seit meiner Kindheit wurde mir erzählt, dass ich alles zu ernst nahm. Dass ich mir ein ‚dickeres Fell‘ zulegen müsse, wenn ich erfolgreich sein wolle. Ich wollte die Welt so sehen, fühlen und erleben können wie alle anderen. Ein dickes Fell, so glaubte ich, würde jedes meiner Probleme lösen. Darüber brauchte ich ein Buch, nicht über Hokuspokus-Hochsensibilität!
Sensibilität (lat. sensibilitas) hat laut Brockhaus eine physiologische und eine psychologische Bedeutung. So bezeichnet der Begriff zum einen die Fähigkeit, Sinnesreize zu empfangen und zu verarbeiten, zum anderen meint er die Fähigkeit, auf Reize mit seelischen Vorgängen zu reagieren. Sensibilität ist eine menschliche Eigenschaft, über die im Grunde jeder Mensch verfügt und die uns überlebensfähig macht.
Nun sind unsere Fähigkeiten aber stets verschieden stark ausgeprägt. Deswegen halten wir einige Menschen in bestimmten Bereichen für begabter als andere. Neueste Forschungen* haben ergeben, dass auch die Intensität der Sensibilität von Menschen variiert und sich auf einer Skala von niedrig über mittel bis hoch bewegt. Die Verteilung liegt dabei bei etwa 30 % (niedrig), 40 % (mittel) und 30 % (hoch). *(Pluess, M. [2015]: Individual Differences in Environmental Sensitivity. Child Development Perspectives, 9[3], 138–143). 30 % der Menschen bewegen sich also innerhalb des Skalenbereichs einer hohen Sensibilität – sie gelten als hochsensibel.
Hochsensible Menschen verfügen über die Fähigkeit, sehr viele Sinnesreize empfangen und verarbeiten zu können. Manche nennen dies auch „Wahrnehmungsbegabung“; ein schöner Begriff, wie ich finde. Dabei kann es sich um gleichzeitig auftretende Reize handeln oder auch um eine intensivere Wahrnehmung einiger Reize. Auch die Verarbeitung dieser Reize im inneren, seelischen Kontext ist sehr viel intensiver und nachhaltiger.
Damals in der Buchhandlung hatte ich davon noch keine Ahnung. Und natürlich habe ich das empfohlene Buch nicht gelesen. Da Lektüre zu diesem Thema 2006 noch rar war, wurde der ‚Geheimtipp‘ jedoch immer wieder bei mir bestellt. Schließlich lieh ich mir das Buch in der Universitätsbibliothek aus. Als ich zu lesen anfing, war das ein unglaubliches Aha-Erlebnis. Da schrieb jemand über mich, über mein Leben, meine Empfindungen, meine Wahrnehmungen! Alles schien sich plötzlich an seinen Platz zu schieben.

Meine drei größten Erkenntnisse waren:

1. Hochsensibilität ist eine körperliche Konstitution, ich kann mir gar kein dickeres Fell wachsen lassen.
2. Ich bin nicht allein, es gibt noch viel mehr Menschen, die sind wie ich.
3. Die anderen tun nicht immer so, als ob sie mich nicht verstehen wollen – sie empfinden einfach vollkommen anders als ich.

Dieser Moment war lebensverändernd für mich, und genau dies höre ich auch immer wieder von anderen hochsensiblen Menschen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine Energie dafür nutzen, meine eigene, persönliche und individuelle Hochsensibilität zu erkunden und zu verstehen. Allmählich hörte ich auf, mich mit Menschen zu vergleichen, die mittel oder sogar niedrig sensibel sind. Ich konnte viele Ereignisse in meinem Leben neu betrachten und auch neu bewerten.

Mit dem Wissen um die eigene Hochsensibilität können wir uns erlauben, für uns selbst zu sorgen und zu handeln, sodass wir Energie und Kraft gewinnen. Statt auf laute Jahrmärkte zu gehen, weil wir denken: „Das machen doch alle, das müsste mir doch auch Spaß machen“ oder „Ich will kein Spielverderber sein“, können wir ganz gelassen sagen: „Das ist nichts für mich. Geh lieber mit einer anderen Person, genießt dort eure gemeinsame Zeit.“
Wir brauchen nicht mehr von anderen Menschen zu erwarten, dass sie uns verstehen. Wir können uns Gleichgesinnte suchen, mit denen wir uns austauschen. Wir können sowohl uns selbst wie auch die anderen annehmen.
Wenn wir etwas als Schwäche empfinden, geht es ganz besonders darum, den eigenen Fokus zu verändern. Alles hat mehrere Seiten und ist aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Jede Schwäche hat Stärken und jede Stärke hat Schwächen.
Mittlerweile versuchen viele Menschen, durch Achtsamkeitskurse und Meditationen empathischer zu werden. Uns hochsensiblen Menschen wurde Empathiefähigkeit mit unserer Geburt in die Wiege gelegt. Ein großes Einfühlungsvermögen birgt die Gefahr, sich in anderen Menschen zu verlieren oder bis zur Kraftlosigkeit mitzuleiden. Es kann für uns aber auch eine regelrechte Superkraft sein, denn es befähigt uns zu einer sehr guten Intuition und dem Vermögen, Lüge und Wahrheit schnell voneinander zu unterscheiden. Menschen, deren Körpersprache nicht mit ihren Worten einhergeht, entlarven hochsensible Menschen schnell. Auch die Fähigkeit, Stimmungen in Gruppen wahrzunehmen und Trends in der Gesellschaft zu erkennen, fällt uns auf ganz natürliche Weise leicht.
Je länger ich mich mit Hochsensibilität beschäftige, desto bunter und beeindruckender wird mein Bild von dieser Begabung. Die Schwäche liegt nicht bei hochsensiblen Menschen, sie liegt in der Haltung unserer Gesellschaft, in der Definition von Stärke und dem Unwillen, Diversität anzuerkennen. Jede hochsensible Person, die sich mit ihrer Hochsensibilität auseinandersetzt und sie als Stärke annimmt, befreit nicht nur sich selbst, sondern gestaltet damit eine offenere, gesündere und vielfältigere Gesellschaft.

Ich wünsche allen hochsensiblen Menschen viel Freude, Kraft und Zuversicht auf diesem Weg!

Lore Sülwald ist systemischer Coach, Kulturwissenschaftlerin B.A. und Industriekauffrau IHK. Als Expertin fur Hochsensibilitat ist es ihr personliches Anliegen, Menschen mit ihrer Einzigartigkeit und Fulle miteinander in Kontakt zu bringen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Katrin Rahnefeld bietet sie Info- und Themenabende und spezielle Workshops für hochsensible Menschen an, die ihre Hochsensibilität als Kraft leben wollen. Weitere Infos unter: www.coachingbaum.de oder www.katrin-rahnefeld.de