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Körper, Geist und Seele ... von Wolf Sugata Schneider


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© detailblick-foto_AdobeStock
Diese Zeitschrift ist dem Zusammenhang von Körper, Geist und Seele gewidmet, deshalb heißt sie KGS. Wie aber hängen diese drei Teile des Menschen untereinander zusammen? Auch wenn die popspirituelle Kultur so tut als sei dieser Zusammenhang selbstverständlich, ist das Wie dieses Zusammenhangs für die Wissenschaft größtenteils noch immer ein Rätsel. Das gilt auch für den Bereich, der uns an diesem Zusammenhang am meisten interessiert: das Entstehen von Krankheiten und deren Heilung.

Als ich noch Herausgeber der Zeitschrift »Connection« war, wusste ich, dass ich nur das Thema Heilung auf den Titel setzen musste, schon hatte ich die Begeisterung von Lesern wie Anzeigenkunden auf meiner Seite, mehr als bei jedem anderen Thema. Warum das? Weil jedem früher oder später irgendetwas wehtut. »Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts«, Sprüche wie dieser bezeugen die Dominanz dieses Themas für unser privates und emotionales Glück. Allheilmittel gibt es nicht, das wissen wir; sie anzubieten ist sogar strafbar (das HWG, § 3, Absatz 1). Dennoch lässt unsere Sehnsucht nach Heilung uns immer wieder zu Gläubigen von gehypten Super-Heilmitteln werden – warum auch nicht, wo doch der Glaube Berge versetzten können soll, und »Wer’s glaubt, wird selig«?
Als ein Mensch, der schon viele solcher Hypes und Heilmoden an sich hat vorüberziehen sehen, möchte ich hier jedoch einen ernüchternden Kontrapunkt setzen. Ich möchte ein paar Thesen präsentieren, wie Körper, Geist und Seele – gerne auch das vielzitierte »Herz« und der Glaube – miteinander zusammenhängen und auf Krankheit und Heilung einwirken. Grund dieses Zusammenhangs ist unser sehr bewegliches Bewusstsein, die Tatsache der Steuerbarkeit unserer Aufmerksamkeit und das Sich-Einnisten von Identifikation und Beheimatung in dem, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richtet.

Der Geist ist lenkbar
»Die Gedanken sind frei«, sagt ein deutsches Volkslied. Unser Geist ist lenkbar, er kann sich auf etwas fokussieren und davon auch wieder ablassen. Wir können uns der Außenwelt zuwenden oder der Innenwelt. In der Außenwelt dem, was unsere Sinne wahrnehmen, in der Innenwelt unseren Gedanken, Gefühlen und Ahnungen; wir können wahrnehmen, wie sie kommen und gehen und ständig in Bewegung sind. Unsere Aufmerksamkeit ist dabei mehr oder weniger fokussiert. Meist zoomt sie dabei wie das Tele einer Kamera auf nur einen kleinen Teil des Wahrgenommenen, oft weniger als einem Millionstel des Wahrgenommenen. Unseren Augen präsentiert sich ein großes Gesichtsfeld, wir fokussieren darauf jedoch meist nur auf einen kleinen Teil. Der »hat dann für uns Energie«, sagt man – the energy ist where the attention is (Serge Kahili King).

Das Eigene
Dabei blenden wir normalerweise aus, dass wir die Subjekte dieser Wahrnehmung sind. Wir haben nur das Objekt im Sinn, nicht das Subjekt, uns selbst. Und wenn das Objekt wiederkehrt und das Befremden ihm gegenüber nachlässt, nistet sich etwas von uns dort ein: Wir beheimaten uns darin. Es entstehen Gewohnheiten, Anhaftungen, ein Zugehörigkeitsgefühl. Am stärksten geht uns das so mit unserem Körper, den wir ab dem Alter von ein bis zwei Jahren als »unser Eigen« empfinden, als vom Rest der Welt getrennt – schon deshalb weil wir ihn bewegen, ihn willentlich steuern können. Die nächste Zone um uns herum ist das, was wir besitzen oder das, dem wir uns zugehörig fühlen. Die Gegenstände, zu denen wir sagen »Das ist meins«, die Menschen, die wir als unsereins empfinden und die Umgebungen, die für uns ein Zuhause oder eine Heimat sind.

Beheimatet oder entfremdet
Dieses Gefühl der Beheimatung oder Zugehörigkeit, des »auch das bin ich« (tat tvam asi) oder »das gehört zu mir« ist eine gute Voraussetzung für Gesundheit und Heilung. Es ist herstellbar. Allerdings müssen wir uns dazu erstmal der Lenkung unserer Aufmerksamkeit bewusst werden und diese dann auch einüben. Denn wenn nicht wir unsere Aufmerksamkeit steuern, tun das andere: unsere Umgebung und Influencer aller Art; die kommerzielle Werbung, die uns umgebende soziale Gruppe und anderes. Dann besitzen wir diese Kräfte nicht, die uns da beeinflussen, sondern sind von ihnen besessen. Und wenn das keine guten Kräfte sind, sondern Manipulateure, d. h. Kräfte, die uns in ihrem Eigeninteresse steuern, dann sind wir uns dabei selbst entfremdet und werden benutzt, noch negativer gesagt: missbraucht, was uns für psychosomatische Krankheiten anfällig macht.
Insofern kann »Sati«, die Methode des historischen Buddha, heute meist übersetzt als »Achtsamkeit«, uns vor Manipulation, Entfremdung, Inbesitznahme durch andere, indirekt auch vor Krankheiten beschützen. Sicherlich gibt das keinen totalen Schutz, sowas gibt es nicht. Es gibt Infektionen und Unfälle, die von uns nicht direkt geistig beeinflussbar sind, aber auch hier sind wir nicht machtlos: Wir könnten unsere Disposition für Unfälle mindern, und unser Immunsystem hat einige Möglichkeiten, uns vor Infektionen zu schützen. Auch vor sowas wie dem Coronavirus? Auf jeden Fall vor einer ganz normalen Grippe.

Die Placebo-Wirkung
Was ich hier so kurz zusammengefasst habe, ist nicht neu, es ist von anderen viel ausführlicher und besser beschrieben worden. Was in der psychosomatischen Heilkunst aber bisher noch kaum Aufmerksamkeit bekommen hat, ist die Beheimatung in einem Heilsystem. So wie wir uns in Landschaften und kulturellen Umgebungen, am stärksten aber in persönlichen Bindungen beheimaten, so beheimaten wir uns auch in Heilsystemen. Das erklärt dann auf einmal auch, warum der einen Homöopathie hilft, dem anderen nicht. Ebenso mit Ayurveda, TCM, schamanischer Medizin, Bachblüten, Klopftherapie oder Reiki. Dem einen hilft’s, der anderen nicht. Warum? Weil der eine Mensch sich darin behütet, geborgen und sicher fühlt. So wie einst im Mutterschoß, unserer Urheimat.
Schulmediziner nennen das die Placebo-Wirkung einer Anwendung. Oft belächeln sie diese als wirkungslos, das sei ja »nur Glaubenssache«. In den Globuli ist doch nichts drin, allenfalls ein paar Schadstoffe, die es im Trinkwasser immer gibt, und die durch das Schütteln noch potenziert worden sein müssten, wenn die homöopathische Theorie stimmt. Dabei belegen Metastudien, dass etwa die Hälfte der Heilwirkung heilkundlicher Anwendungen auf der Placebo-Wirkung beruht. Sie wirkt also im Durchschnitt durch die gesamte Bandbreite aller Anwendungen immerhin ungefähr so stark wie das Verum, das rein Materielle. Denn auch der Geist wirkt, das Herz, die Seele oder Psyche, wie auch immer wir diesen Teil nennen wollen.
Wenn doch endlich dieser wichtige Teil der Heilwirkung in der Schulmedizin die verdiente Anerkennung fände! Dann würden auch gut gemeinte Wünsche, das Gesundbeten und das Ambiente einer heilkundlichen Anwendung den Nimbus des Jenseitigen oder Lächerlichen verlieren, denn sie wirken ja! Nur eben anders als das Materielle. Anders als eine Zahn-OP oder eine künstliche Hüfte. Auch der Geist wirkt! Er ist die Basis aller unsere Beziehungen, unserer Kultur und Zivilisation. Ohne diesen Teil des Menschen gäbe es keine Liebe, Anerkennung, Würdigung und keine Geborgenheit im Gewollten. Unser subjektiv empfundenes Glück hängt hiervon stärker ab als vom Materiellen. Und auch unsere Gesundheit, ohne die »alles nichts« wäre.


Wolf Sugata Schneider, Jg. 52.
Autor, Redakteur, Humorist.
1985–2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Kontakt: schneider@connection.de
Blog: www.connection.de
Seminare: www.bewusstseinserheiterung.info