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Häutungen – Sich von inneren Panzern befreien ... von Helga Reimund


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Als ich an einem der wunderbar warmen Sommerabende vergangenes Jahr durch eine platanenbestandene Straße in Berlin ging, hörte ich immer wieder ein lautes Platschen. Große Rindenstücke, die von den Bäumen herabfielen, machten dieses Geräusch. Irgendwann verfehlte mich ein besonders großes Stück nur knapp. Ich bekam einen ordentlichen Schreck. Was passierte da? Es fiel mir sozusagen wie Schuppen nicht nur vor die Füße, sondern auch von den Augen: Die Platanen häuteten sich. Ihr altes Kleid war ihnen zu eng geworden. Und anders als uns Menschen schien es den Platanen ganz leicht zu fallen, dieses Korsett zu sprengen und einfach von sich zu werfen. Kurze Zeit später hörte ich im Radio die botanische Erklärung. Im vergangenen Frühjahr hatte es viel geregnet, kurz darauf wurde es sehr warm, für die Platanen beste Voraussetzungen für einen gewaltigen Wachstumsschub. Sie können gar nicht anders, als ihre alte Rinde abzuwerfen, um weiterzuwachsen.

Wie schön wäre es, wenn auch wir unsere zu klein gewordenen Panzer, also alte Verhaltensmuster, einschränkende Selbstwahrnehmungen oder falsche Glaubenssätze so einfach ablegen könnten. Stattdessen passiert es leider oft, dass wir neue Muster dazulernen und als weitere Panzer über die alten legen. Das macht das Leben nicht leichter!
„Wann immer Sie sich anstrengen, ist es eine Botschaft des Lebens, dass es anders leichter ginge.“ Kurt Tepperwein

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir bestimmte Verhaltensweisen und manchmal auch Symptome. Sei es aggressives Auftreten oder eine ganz besonders fürsorgliche Art, sei es ein Leben als Mauerblümchen oder als Klassenclown oder eine psychische Störungen wie Depressionen oder psychosomatische Krankheiten. Meistens sind es Strategien, die uns als Kinder nahegelegt oder von unseren Eltern vorgelebt wurden. Manchmal sind es Krankheiten oder Störungen, die unsere Seele wählt, um auf ihre Not aufmerksam zu machen.
Besonders nachteilig sind im späteren Leben solche, die wir aus Situationen in der Kindheit „mitgenommen“ haben, in denen wir unsere Sicherheit bedroht fühlten. Das ist zum Beispiel schon der Fall, wenn ein Kind von seinen Eltern oder Geschwistern beschämt wird. Das Gefühl der Scham signalisiert dem Gehirn, dass wir Gefahr laufen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Für eine Gemeinschaft von Erwachsenen mag das ein passendes Regulativ sein. In der Kindererziehung ist es verheerend. Besonders dramatisch sind natürlich traumatische Erfahrungen wie Misshandlung oder Missbrauch. Ein Kind fühlt sich oft gezwungen, sich von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu distanzieren. Das geht schon los, bevor es überhaupt in der Lage ist zu verstehen, was die Erwachsenen eigentlich von ihm wollen. Und immer dann entstehen neue Panzer, die uns einerseits schützen sollen, aber auch unsere Bewegungsfreiheit einschränken.
Man kann sich gut vorstellen, wie diese Panzer uns bei jeder Bewegung beeinträchtigen. Je mehr Panzer wir uns im Laufe unseres Lebens anlegen mussten, umso schwieriger wird es, uns überhaupt noch zu bewegen. Aber Leben ist Bewegung. Ohne Bewegung bleiben wir auf der Stelle, wir entwickeln uns nicht mehr, sondern verteidigen unseren Status Quo, nur um unseren Schmerz über ungelebtes Leben nicht spüren zu müssen.
Schon in frühester Kindheit fangen wir also an uns zu panzern. Wenn wir in die Welt kommen sind wir völlig hilflos und ohne unsere Eltern nicht lebensfähig. Zudem können wir noch kein Konzept haben, dass uns verstehen lässt, warum wir nicht immer das bekommen, was wir gerade am nötigsten brauchen.
Ob wir hungrig sind oder durstig, frieren oder Bauchschmerzen haben oder einfach Angst, weil niemand in der Nähe ist, wir haben nur ein Mittel uns mitzuteilen. Und das ist Schreien. Leider können auch die einfühlsamsten Väter und Mütter darauf nicht immer richtig eingehen, zum Teil mit verheerenden Folgen. Nur ein Baby, dessen Bedürfnisse in den ersten Monaten zuverlässig befriedigt werden, kann sein Beruhigungssystem ausbilden. Dabei wird ein Gen regelrecht angeschaltet. Und dieser Vorgang stellt schon ganz am Beginn eines jeden Menschenlebens wichtige Weichen. Klappt das nicht, bleibt das Kind lebenslang auf einem erhöhten Stressniveau und das Risiko für Angststörungen oder Depressionen im späteren Leben erhöht sich enorm. Depressionen wiederum erhöhen das Risiko an bestimmten Krebsarten zu erkranken. Weil wir uns als Babys nicht selbst helfen können, kommen wir Menschen mit einem voll funktionsfähigen Stress-System auf die Welt. Wir müssen Alarm schlagen können! Und wir müssen uns darauf verlassen können, dass sich unsere Eltern dann um uns kümmern. Nur so können wir lernen, uns später selbst zu beruhigen.
Stresstoleranz ist also keineswegs angeboren, sondern erworben. Das gilt übrigens für alle Säugetiere. Ausgiebig bemutterte Junge werden als erwachsene Tiere stressresistenter, haben eine höhere Frustrationstoleranz und sind lernfähiger, genau wie Menschenkinder. Wichtig ist für alle die Anwesenheit und Fürsorge einer konstanten, liebevollen Bezugsperson.

Panzerungen: Mir erscheint dieses Bild, das auch von der Bioenergetik benutzt wird, sehr passend, da unsere eingeübten Muster uns ja ursprünglich vor Gefahren schützen sollten. Und zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns ein Verhalten angewöhnen, tut es das im Allgemeinen auch.
Schwierig wird es, wenn die Panzer immer zahlreicher werden und aufgrund geänderter Lebensumstände nicht mehr passen. So kann beispielsweise eine Frau sehr in sich gekehrt und schüchtern sein, weil sie in der Kindheit dadurch den Attacken eines jähzornigen Vaters oder einer strafenden Mutter entgangen ist.
Jetzt ist sie erwachsen und kann sich dadurch vielleicht im Beruf nicht behaupten, wird immer übergangen und wünscht sich, daran etwas zu ändern. Statt ihren Panzer „Schüchternheit“ abzulegen, bemüht sie sich, ein forscheres Auftreten an den Tag zu legen. Das ist zunächst vielleicht einfacher, packt aber letztlich nur einen weiteren Panzer auf die bestehenden. Mit der Zeit wird die Last so immer schwerer und die Panzer immer erdrückender. Es kann sogar sein, dass der gewünschte Erfolg im Beruf oder im Privatleben sich einstellt. Aber dieses Leben verzehrt immer mehr Energie. Es fehlen Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Freiheit.
Oder nehmen wir Sebastian. Er ist ein Mann, dem beruflicher Erfolg immer über alles ging. Mit Mitte vierzig muss er feststellen, dass seine 60-Stunden-Arbeitswoche seinem Herz zu schaffen macht. Seine Ärztin rät zu Entspannungstraining. Sebastian entscheidet sich für einen Yogakurs, um in Zukunft „etwas für sich zu tun“. Den besucht er dann dreimal wöchentlich, gewöhnt sich auch eine regelmäßige Meditationspraxis an und wird tatsächlich etwas entspannter. Sogar seine Arbeitszeit konnte er auf ca. 50 Stunden pro Woche reduzieren, was ihm durch veränderte Organisation, Setzen von Prioritäten und mehr Delegieren gut gelingt. Ein Wochenendseminar hat geholfen, diese Schritte umzusetzen. Sein Chef lobt ihn, weil er noch bessere Ergebnisse für sein Unternehmen bringt, noch effizienter geworden ist.
Sebastian genießt die Anerkennung. Er kann sein Ego weiter mit genau dem füttern, was er seit seiner Kindheit als Nahrung für seine Seele kennengelernt hat.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Yoga und Meditation sind wertvoll. Und auch Sebastian profitiert davon. Bei ihm wird es trotzdem nur zu einem weiteren Panzer. Bald beginnt er, auch beim Yoga Erfolge einzufahren. Er weicht keinen Millimeter von seinem Jahrzehnte eingefahrenen Gleis ab. Doch dieser Weg ist kräftezehrend. Und macht er ihn wirklich glücklich?
Sein unstillbares Verlangen nach Erfolg hält er für einen produktiven „Hunger“, ein Bild, das er von seinem ehemaligen Trainer übernommen hat. In seiner Jugend war Sebastian Leistungssportler. Sein Trainer sprach oft von diesem „Hunger“ als dem wesentlichen Merkmal der „Sieger“. Und diesen Hunger müsse man sich erhalten, um es zu etwas zu bringen. Seit damals hat Sebastian ein Wort für seine Art im Leben zu sein.
Hunger ist ein passendes Wort. Und Sebastians Hunger ist unstillbar. Er hätte die Trainerworte nicht gebraucht. Er wurde schon früh auf Erfolg getrimmt.
„Erfolg oder Misserfolg ist nicht wichtig, die Stimmigkeit ist wichtig.“ Alfried Längle
Seine Eltern konnten ihm das Gefühl, um seiner selbst willen geliebt zu werden, nicht geben. Sein Vater behandelte ihn nach der Devise „nicht geschimpft ist genug gelobt“. Er hatte selten Zeit für seinen Sohn und wenn er sich mal mit ihm beschäftigte, erzählte er meistens von sich und seinen Leistungen. Seine Mutter kontrollierte immer seine Schulaufgaben und lobte ihn überschwänglich für gute Noten. Ansonsten gab es auch von ihr wenig Beachtung, von Zärtlichkeit oder Mitgefühl ganz zu schweigen. Hatte er sich mal die Knie aufgeschlagen, sagten beide nur: „Hättest halt besser aufpassen müssen.“
Vor Verwandten und Bekannten erzählten beide Eltern aber immer viel von den Leistungen ihres Sohnes. Er hatte schon im ersten Schuljahr das beste Zeugnis der Klasse, er war schon mit 14 Monaten „trocken“, er hatte schon mit 10 Monaten angefangen zu laufen. Sebastian stand daneben, fühlte sich bewertet, aber immerhin geschätzt. Bewertung wurde für ihn wie die Luft zum Atmen. Und je älter er wurde, umso mehr jagte er dem Gefühl, geschätzt und anerkannt zu werden, hinterher.
Leider füllt Anerkennung den Ort in unserem Innern an dem Liebe gebraucht wird nie.
So kam es dazu, dass Sebastian die Hilferufe seines Herzens als Aufforderung zu einem Mehr an Leistung missverstanden hat.
Seine Yoga- und Meditationspraxis ist so leider nur ein weiterer Panzer, den er sich anlegt, um sich selbst, seinen wahren Kern, und die Bedürftigkeit seines inneren Kindes nicht zu spüren. Man will ihn wachrütteln: „Schau hin, entdecke deine Liebe und dein Mitgefühl für diesen bedürftigen kleinen Jungen, den du schon so lange überforderst!“ Würde er es verstehen?
Auch wenn es anfangs schwer scheint, jeder kann lernen, dieses verletzte und einsame innere Kind zu spüren und sich ihm liebevoll zuzuwenden.
Schon wenige Schritte auf diesem neuen Weg helfen, allmählich die schweren und lange schon zu engen Panzer einen nach dem anderen abzulegen. Dann wird endlich die ganze eingefrorene Lebendigkeit befreit, kann die in uns steckende Kreativität sich ausdrücken. Und mit Erstaunen stellen wir fest, dass dieser Kern, den wir für beschädigt gehalten hatten, immer heil geblieben ist. Dass er nur einsam und traurig war und eingeschnürt in viele Panzer, die wir sprengen, wenn wir beginnen, uns selber das zu geben, was uns als Kind gefehlt hat.
Als kleine Kinder sind wir schwach und schutzlos. Von der Unterstützung durch unsere Eltern hing tatsächlich unser Leben ab. Und alle Menschen sind von Anfang an auf Bindung programmiert. Können Eltern diese Bindung nicht geben, vielleicht weil sie keine Zeit haben, depressiv sind oder selber nie genug davon bekommen haben, leiden Kinder sehr. Sie hängen trotzdem an ihren Eltern und lieben sie. Sie nehmen das, was sie bekommen, und halten es für das Wertvollste im Leben. So wie Sebastian, der immer noch glaubt, sein Wert hinge von seiner Leistung ab und nur durch Leistung könne er sich Anerkennung als Ersatz für Liebe sichern. Mit dieser Anerkennung wird er möglicherweise sein Leben lang versuchen, seinen Hunger nach Liebe zu stillen. Es wird vergeblich sein, der Platz für Liebe bleibt leer und der Platz für Anerkennung bleibt ein Fass ohne Boden. Nie genug, weil es nie das Richtige ist.
Der Volksmund sagt „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Doch das stimmt nicht. Neurobiologie und Hirnforschung haben zweifelsfrei bewiesen, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter plastisch bleibt; also immer wieder Neues lernen kann.
Immer, wenn ich heute durch die Straßen gehe, fällt mir auf, wie schön die Platanen in ihren hellen, frischen Gewändern aussehen. Bereit, neue Wachstumsschritte zu vollziehen, da die neuen Kleider noch flexibel sind und jede Bewegung leicht und bereitwillig mitmachen. Wir können von ihnen lernen.

Helga Reimund ist Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitet mit Integrativer Psychotherapie, Hypnose und EMDR. Jeder Mensch ist einzigartig und hat ein Recht auf seinen ganz eigenen Weg zu wahrem Lebensglück. Diesen manchmal überwucherten Weg zu einem glücklichen Leben zu ebnen, ist ihr Hauptanliegen. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie der Verbindung mit dem inneren Kind. Mehr auf www.psychotherapie-und-coaching-berlin.de