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Alles ändert sich ... von Wolf Sugata Schneider


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Es ist so viel von Innovation und Disruption die Rede. Im Management dreht sich alles um Change Management, und auch in unseren privaten Beziehungen scheint alles in Bewegung zu sein. Kaum etwas ist noch fest und gibt uns Sicherheit. Wird das Geld seinen Wert behalten? Werden die Staaten mit ihren Sozialsystemen bleiben oder werden sie von Migranten überrannt und zerfallen? Werden die Stürme mehr, die Sommer heißer, die Nahrungsmittel knapper und giftiger? Es scheint, dass die Ungewissheit über den Erhalt des uns trotz aller Schäden noch immer irgendwie tragenden Biotops sich bis in unsere Beziehungen ausbreitet, in die Arbeitsbeziehungen ebenso wie die privaten Beziehungen und Familien.

Festhalten und loslassen
Ändert sich wirklich alles? Nur die Veränderung bleibt, sagen Zyniker. Das Leiden bleibt, weil wir an der Idee eines Selbst, eines authentischen Ich festhalten, sagt der Buddha. Alle lieben die Freiheit, aber wenn wir an der Idee einer grenzenlosen Freiheit »festhalten«, dann ist auf nichts mehr Verlass, es fehlt jeglicher Halt, die Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimat und einem Nest unter dem grenzenlosen Himmel bleibt unerfüllt. Dann verfolgt sie uns in unseren Träumen, im Unbewussten und dem Schatten, den wir auf andere projizieren. So holt uns nach dem Aufbruch in die Freiheit die Bindung dann doch wieder ein. Landen wir nach einem solchen Ausbruch ins Grenzenlose in einem sozialen Netz oder eher einem sozialen Filz? Wer weiß. Die Unterscheidung zwischen Netz und Filz braucht ja eine Wertung, und die Devise nicht zu werten und keinesfalls zu urteilen, ist weit verbreitet und wird sich dabei als Hindernis erweisen.

Stirb und Werde
Manchmal finden wir die Lösung für so scheinbar unlösbare Probleme wie das zwischen Bindung und Freiheit, Bewertung und Neutralität, Loslassen und Festhalten bei einem der Alten: »Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde« schrieb Goethe 1814 nach einer Begegnung mit den Schriften von Hafiz in der letzten Strophe seines Gedichts »Selige Sehnsucht«. Das ist nun gut 200 Jahre her und steht in seiner Weisheit und Tiefe den Sutren von Buddha, Rumis Gedichten und dem Daodejing in nichts nach. Wenn wir uns nicht der permanenten Wandlung bewusst sind, der flatterhaften Fiktivität unseres Ich, Selbst oder Ego, dann sind wir nur trübe Gäste auf der dunklen Erde, vor uns hindämmernd, unerlöst durch das Licht der Einsicht, des Bewusstseins, der Erkenntnis.

Apocalypse now
Wer würde da noch einen Sprung ins Ungewisse wagen? Falsch gefragt, denn nicht zu springen, heißt ja nicht in Sicherheit zu sein. Mutig auf die Unsicherheiten zuzugehen könnte die bessere Strategie sein, denn wer ängstlich verharrt, den erwischt es auch. Niemand ist vor dem Wandel sicher. Sich Vorräte anzulegen für die kommenden Katastrophen wird kaum helfen. Zum einen, weil die meisten der angekündigten Katastrophen ein Geschäftsmodell für die Zielgruppe ängstlicher Apokalyptiker ist, so wie 2012 – wenn die Katastrophe dann nicht eintrifft, erfinden ihre Nutznießer eine neue. Zum andern, weil man sich vor den meisten der angekündigten Katastrophen nirgendwohin retten kann, denn da werden dann alle im globalen Dorf erfasst.

Paradise now
Wenn das so ist, dann doch lieber: Paradise now! So hieß eine Produktion der anarchistischen Theatergruppe »The Living Theatre« von Julian Beck und Judith Malina, die 1970 in Berlin auftrat und lieber das Paradies jetzt haben wollte als die Apokalypse. Eigentlich eine gute Idee, auch wenn es nicht so leicht ist, sich all der religiösen Verschiebung ins Jenseits zu entledigen und den Himmel auf die Erde oder das Glück ins Hier-und-Jetzt zu verlegen, wie alle wissen, die das schon versucht haben. Denn es ändert sich zwar alles, aber manches nicht so schnell, wie wir uns das wünschen, und anderes schneller, als wir es uns wünschen. Als evolutionär entstandene, aufs Überleben unter Steinzeitbedingungen designte Wesen erschlafft das Glück, wenn glückliche Umstände bleiben, ebenso wie der Schmerz nachlässt, wenn man sich an schreckliche Umstände gewöhnt.

Der Zen-Geist des Anfängers
Offenbar braucht es eine spirituelle Praxis, um den Zen-Geist des Anfängers einzuüben und beizubehalten. Erst wenn wir diesen Spirit intus haben, können wir »heiter Raum um Raum durchschreiten« ohne dabei an einem wie an einer Heimat hängen zu bleiben, wie Hesse es in seinem Gedicht »Stufen« nannte. »Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise« wird lähmender Gewöhnung sich entraffen, schrieb er, sodass dann auch die Todesstunde uns noch neuen Räumen jung entgegen sendet.
Auch Hesse war einer von denen, die mitten im säkularen Europa einen Weg fanden, der Unbestechlichkeit des Gesetzes der ewigen Veränderung etwas Positives abzugewinnen. Müssen wir unter dem Wandel leiden? Nein, denn solange wir am Vergänglichen nicht haften, leiden wir nicht, sagt der Buddhismus. Nur wenn wir versuchen, das Erwünschte, Begehrte zu halten, leiden wir, ebenso wie wir am Weg-haben-wollen des Unerwünschten leiden.

Sprung ins Freie
Vor vielen Jahren habe ich einnmal eine fünftägige Selbsterfahrungsgruppe angeboten, die für den vierten Tag einen Sprung aus dem Flugzeug beinhaltete. Ein Sprung ins Ungewisse? Nicht wirklich, hatten wir doch für diesen Sprung Fallschirme vorgesehen, die uns auffangen würden. Trotzdem ist ein solcher »Sprung ins Freie« – so nannte ich die Gruppe – eine Herausforderung, denn der Sprung aus dem Flugzeug konfrontiert uns auf echtere, körperlich realere Weise mit der Angst vor der Haltlosigkeit. Für den bei einem solchen Sprung erfahrbaren freien Fall braucht es erstmal, in den Sekunden des Absprungs, mehr Mut als für eine unternehmerische Existenzgründung, eine Kündigung ohne neuen Job, oder eine Trennung vom Lebenspartner ohne neue Bindung in petto.

Das existenzielle Zittern
Heute versuche ich nicht mehr mich abenteuerlichen Situationen auszusetzen, die ich extra initiieren muss – das Leben selbst verschafft sie mir ohne mein Zutun. Ich versuche allerdings auch nicht, sie aufwändig zu vermeiden. Je besser ich mich selbst wahrnehme, meine Veränderungen und die in meiner Umgebung, je feiner ich dort der Nuancen gewahr werde, als umso spannender, aufregender, abenteuerlicher, ungewisser und unabsehbarer erscheint mir das Leben. Manchmal ängstigt mich das, weil ja wirklich kaum etwas vorhersagbar ist. Dann durchfährt mich ein existenzielles Zittern, was sich auch mal physisch äußert. Mein ganzer Leib zittert dann in einer Erregung, die nicht nur unangenehm ist.

Tanz der Gegensätze
Und auch wenn ich nicht körperlich zittere, fällt es mir meist nicht schwer, der Ungewissheit von fast allem viel Positives abzugewinnen. Langeweile habe ich zum letzten Mal im Alter von 17 Jahren erfahren. Unterhaltungsliteratur, Filme oder Romane brauche ich nicht. Das Vorüberziehen der einzelnen Stunden, Minuten, ja Sekunden wahrzunehmen, sei es das Fallen eines Blattes vom Baum oder das Fließen meines Atems, ist doch jedes Mal anders, neu und geschieht in unendlich verschiedenen Variationen. »Das Leben bleibt spannend«, sage ich mir dann, obwohl ich auch die Entspannung liebe. Ja, es ist ein Tanz. So wie der von Shiva Nataraj, dem König der Tänzer und höchsten der Götter, der in der Mythologie Indiens den Tanz der Polaritäten symbolisiert.


Wolf Sugata Schneider Jg. 52
Autor, Redakteur, Humorist
1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Kontakt: schneider@connection.de
Blog: www.connection.de
Seminare: www.bewusstseinserheiterung.info