aktuelle Seite: Artikel   

Führt Musik zur Liebe? ... von Wolf Sugata Schneider


art96017
© Andrey Kiselev_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Immer mehr Menschen hören Musik. Das liegt vor allem daran, dass Musik über die digitalen Medien für uns leichter zugänglich ist – in hoher Qualität – und dieser Konsum kaum was kostet. Viele Aufnahmen sind für die Hörenden gratis, auf YouTube verfügbar, oft sogar als Video oder im Rahmen eines Abos bei Spotify, Apple Music, Amazon Music, Google Play Music, Napster oder sonst einem Streaming-Anbieter für circa 10 € pro Monat erhältlich. Ein Konzertticket kostet mehr. Das hat dazu geführt, dass laut einer US-amerikanischen Studie 62 % der befragten Millenials einen Tag ohne Musik schlimmer finden als einen Tag ohne menschliche Interaktion. 81 % von ihnen geben an, sie bräuchten Musik, um morgens überhaupt in Gang zu kommen.

Musik und Eros
17 % der befragten Nutzer von Airpods, Apples Funkkopfhörer, hätten sie sogar beim Sex getragen, fand eine andere Studie heraus. Und unter denen, die beim Sex Musik hören – überwiegend nicht per Kopfhörer, hoffe ich – dauert der Sex-Akt bei den Blues-Fans am längsten: durchschnittlich 16 Minuten. Eine weitere Studie fand, dass wer mit seinem Partner zusammen Musik hörte, im Durchschnitt 67 % mehr Sex hatte, als wer das nicht tat. 25 % der Befragten wollten überhaupt keinen Sex mehr haben, wenn es dabei keine Musik gäbe. Irgendwie scheinen wir als musikaffine Wesen auch liebesaffin und sexpositiv zu sein, zumal das Thema der meisten Lieder Liebe ist. Sex ist zwar nicht Liebe, aber Liebe weckt oft das Bedürfnis nach gemeinsamem Sex. Tanzfeste, auf denen man Musik hört und dazu den Körper bewegt, waren in allen Kulturen seit je auch Feste der intersexuellen Begegnung.

Hoffnung für die Liebe?
Wie bei den alten Griechen so auch bei uns Heutigen kann Liebe nicht nur Eros, sondern auch Philia bedeuten: Freundschaft. Oder Agape, die grenzenlose, bedingungslose Liebe. Oder Caritas, das Mitgefühl, die Mitfreude und Solidarität mit allen fühlenden Wesen. Wenn das Musikhören durch die modernen Medien so sehr zugenommen hat und Musik unsere Liebesgefühle weckt, müsste doch … ich wage es kaum zu hoffen, die technologischen Revolutionen von Internet, Smartphones und Musikstreaming-Diensten zu einer liebevolleren Welt führen!? In seiner Kolumne auf spiegel.de bezeichnete Sascha Lobo die Kopfhörer nach den Smartphones als die nächste große Revolution und das »Weltbewältigungsinstrument des 21. Jahrhunderts«, am liebsten hätte er ihnen den Friedensnobelpreis gegeben, mit dem das Nobel-Komitee gerade den Präsidenten von Äthiopien geehrt hat.

Musik und Gewalt
Zugegeben, es gibt nicht nur Liebeslieder, sondern auch Märsche. Nicht nur einst die Troubadoure und Barden musizierten, im 20. Jahrhundert Chansonniers wie Georges Brassens, in den 1970er-Jahren Joan Baez, Bob Dylan und Leonard Cohen und heute etwa das Berliner Duo Berge, dessen CD »Für die Liebe« soeben erschienen ist, es gibt auch Rapper, die Gewalt und Fremdenhass verherrlichen. Dennoch glaube ich, dass tanzende und singende Menschen weniger Unheil anrichten. Mir kommt dabei der Mitstudent in den Sinn, der während meines Philosophiestudiums in München in den 70er Jahren mit glänzenden Augen verkündete, er könne sich nicht vorstellen, dass ein Mensch, der gerne Mozart hört, Unheil anrichte. Es gibt jedoch Gegenbeispiele. Hitler begeisterte sich für Wagner-Opern; Stalin liebte die Musik von Schostakowitsch und fand gelegentlich Gefallen auch an Mozart. Es gibt eben keinen einfachen Weg zu Liebe und Weltfrieden, auch Musikerziehung ist kein solcher.

Spürst du die Vibes?
Dabei ist die Sensibilisierung für Musik, sei es als Hörende oder Musizierende oder auch als Tänzer, durchaus ein vielversprechender Weg, das Gute im Menschen zu fördern. Hinhören, Lauschen, Mitschwingen – »feel the vibes« nannten es die Hippies. Joachim Ernst Berendt lobte die Empfänglichkeit des Ohrs gegenüber der Aggressivität des Auges und nannte es unser weibliches, spirituelles Sinnesorgan. Das »dritte Ohr« war für ihn ein spirituelles Organ viel mehr als das Sehen durch ein »drittes Auge«, und in seinem Werk »Nadabrahma« stellt er die Welt als Klang dar. Auch heute glauben Esoteriker die Schwingungen in einem Raum zu spüren, ähnlich einem Musikinstrument, dessen Saiten vom Ambiente der Location zum Klingen gebracht werden, was doch immerhin eine schöne Metapher ist.

Der eine Ton
Eine der Musikkulturen der Welt, die ich besonders schätze, ist die klassische indische. Ravi Shankar auf der LP des »Concert for Bangla Desh« zu hören, war für mich ein Herzöffner, zumal ich im Sommer 1971, in dem das Konzert stattfand, über Land nach Indien getrampt war. Ich hatte dort den Konflikt zwischen Pakistan und Indien hautnah erlebt und war zugleich erstmals in die indische Kultur eingetaucht, in der die musikalische Ausbildung traditionell immer auch eine spirituelle ist.
In Indien erzählt man sich die Geschichte von einem Musiker, der auf seinem Instrument hingebungsvoll immer nur einen Ton spielte. Seine Frau konnte das schließlich nicht mehr ertragen und sagte: »Kannst du nicht, so wie die anderen Musiker, auch mal mehrere Töne spielen?
Es gibt doch so schöne Melodien!«, worauf er antwortete: »Die anderen haben den einen Ton noch nicht gefunden, sie suchen noch.«

Die absolute Liebe
Aum, der eine Ton, ist in der hinduistischen Tradition, teils auch im Buddhismus, ein Symbol für die Einheit des Universums. Durch Summen oder Singen dieses Tons fühlen sie sich mit Brahman, dem kosmischen Ganzen vereint. Für die Pythagoreer im antiken Griechenland war das Verhältnis der Himmelskörper kosmischer Klang und Sphärenmusik, also »Symphonie« (Zusammenklang), wenn auch für Menschen normalerweise nicht hörbar. Auch sie sahen – nein: hörten – in der Musik einen mystischen Weg der Ego-Überwindung, des Eintritts in die absolute Liebe, die Ganzheit, eine Beheimatung in einem Raum, in dem es keine Fremdkörper mehr gibt.

Hoffnung auf die Jungen
Nachdem die Revolutionen heute keine politisch initiierten mehr sind, sondern technologisch initiiert, setzen wir die Hoffnung nun darauf, dass diese uns endlich Frieden, Verständnis, Glück und Liebe bringen. Wie gerne würde ich glauben, dass die Anzahl der Stunden, die ein Mensch in unseren technisierten Kulturen täglich Musik hört, ein Hinweis in diese Richtung ist. Die heute 15- bis 35-Jährigen, sie sind mit Internet, Airpods und Handys aufgewachsen. Auf dem Weg zur Schule, Universität und Arbeit hören sie Musik, und ein Liebesspiel ohne Musik ist für sie kaum denkbar. Werden sie sich weniger leicht in Kriege, Fremdenhass, Verachtung Andersdenkender und den skrupellosen Raubbau an der Natur reinziehen lassen als die Generationen vor ihnen?

Eine neue Liebeskultur
Ich befürchte jedoch, dass die heutigen Musikkulturen eher konsumierende sind und, kaum anders als einst, stark abhängig von den gerade gehypten Idolen. Was auch mit der Kommerzialisierung der Künste im heutigen globalen Neokapitalismus zusammenhängt. Besser scheint mir eine Liebeskultur, die sich nicht so leicht einem Massengeschmack anhängt, die die weniger nur konsumiert und sich berieseln lässt, die vielleicht lokaler ist, more often unplugged und mehr spielt, sowohl körpersprachlich wie musikalisch. Eine Kultur, die empathische Zuneigung auch in kitschfernen Audio-Ambientes zu vernehmen vermag und ihre Zuwendung nicht nur visuell- und auditiv-sinnlich zeigt, sondern auch schnuppernd und taktil berührend. Das wäre eine neue, zeitgemäße Art, den alten Slogan »make love, not war« zu realisieren: hörend, singend, riechend, schmeckend und von Haut zu Haut fühlend.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52, Autor, Redakteur, Kabarettist. 1985–2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection.
Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de, Seminare: www.bewusstseinserheiterung.info