aktuelle Seite: Artikel   
Ausgabe September 2019
Neo-Hippies. Mehrgenerationenhaus. Liebe dich selbst! ... von Christian Salvesen

Lebensmodelle in unserer Zeit. Was sagen sie, was geben sie uns?

art95890
©Rawpixel.com_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Mehr Ratgeber als hier und heute waren wohl nie verfügbar. Alle wollen uns zu einem besseren Leben verhelfen. Doch ist das schon ein Lebensmodell? Christian Salvesen fragt nach.

Was ist ein Lebensmodell? So eine Frage gibt man am besten bei Google ein. Die ersten fünf Suchergebnisse waren bei mir folgende: Duden. Da stand: „Planung und Gestaltung des eigenen Lebens nach bestimmten Vorstellungen“. Zweitens: Aktueller Buchtitel Lebensmodell Diaspora. Moderne Nomaden. Soziologen, Ökonomen und andere Experten schreiben hier über eine enorme Mobilität, die Menschen in der heutigen globalen Wirtschaft aufbringen müssen. Nummer drei in der Liste war ein Artikel des Tagesspiegels mit der Überschrift: „Allein zu Haus. Single als Lebensmodell?“ Hintergrund: „Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte in Deutschland ist so hoch wie nie. Als überzeugte Singles sehen sich aber nur zehn Prozent der Befragten.“

Einen witzig-anspielungsreichen Titel hatte einmal der Spiegel-online-Beitrag zu einem neuen Selbstverständnis der Frauen in Deutschland: Das Ende der Feudel-Gesellschaft. Es handelt sich hier um einen „Nachruf auf ein Lebensmodell“. Denn: „Früher hieß der weibliche Lebensentwurf fast immer: Hausfrau. Doch Frauen sind heutzutage besser ausgebildet, ein Leben am Herd strebt praktisch keine mehr an - und viele Familien können sich das auch gar nicht mehr leisten.“ Und als fünftes Suchergebnis die Umfrage und Studie eines großen Marktforschungsunternehmens unter der Überschrift „Lebensmodelle der Deutschen“. Dazu heißt es: „Für drei Viertel der Deutschen ist die Ehe mit Trauschein und Kindern die erstrebenswerteste Lebensform. Obwohl nur jeder dritte Bundesbürger (33 %) derzeit so lebt, wünschen sich mehr als doppelt so viele (76 %) die traditionelle Ehe mit Kindern. „Das finde ich persönlich erstrebenswert“ sagen 82 Prozent der Frauen und 69 Prozent der Männer in Deutschland.“ (Quelle:www.ipsos.de)

Im Vergleich zur Steinzeit und zum Mittelalter haben sich heute zumindest in Westeuropa die Lebensumstände deutlich geändert. Es gibt sehr viel mehr Möglichkeiten, sich für ein bestimmtes Leben im Unterschied zu einem anderen zu entscheiden: Single oder Partnerschaft, mit oder ohne Kinder, beide Partner berufstätig oder nur einer – oder Hartz IV. Oder Leben in einer spirituellen Gemeinschaft, zumindest für einige Jahre. Auch die Möglichkeit des Klosterlebens wird immer noch angeboten – und das in verschiedenen Graden der Ausdauer und Disziplin bis hin zu lebenslänglich.

Lebensmodelle sind offensichtlich etwas eher Individuelles und Persönliches im Unterschied etwa zum Paradigma oder einer Staatsverfassung oder einer ganzen Kulturepoche, auch wenn es da aufschlussreiche Zusammenhänge gibt. Dass Frauen erst seit einem Jahrhundert studieren, einen Beruf ausüben und politisch wählen können, liegt zweifellos an Ideologien und Strukturen, die dem Lebensmodell übergeordnet sind. Doch es braucht mutige und intelligente Menschen, die neue Wege gehen und so gleichsam Lebensmodelle schaffen. Das kann durch ungewöhnliche Taten und Engagement geschehen, wie etwa bei den ersten Frauenrechtlerinnen, oder durch eine besondere Kreativität, etwa in künstlerischen Werken (siehe Neue Serie Kunst im Heft).

Die neuen Hippies
Die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts brachten in Westeuropa und Nordamerika frischen Wind in eine verkrustete und erstarrte Gesellschaft. Die Jugend protestierte an Schulen und Universitäten gegen autoritäre Strukturen. Und die sogenannten Hippies verweigerten sich der Eingliederung in die Normalgesellschaft demonstrativ, indem sie in Parks herumhingen, Pot rauchten, Musikfestivals bevölkerten und Liebe statt Krieg machen wollten.

Die Hippies sind nicht verschwunden. Es gibt sie immer noch, nun bereits in der dritten Generation. Ihre Hochburg ist wie damals der Topanga-Canyon nördlich von Los Angeles. Wo einst Ikonen wie der Countrysänger Woody Guthrie, der Rockmusiker Neil Young oder der irre Mörder Charles Manson lebten, wohnen heute zum einen noch dieselben, wie etwa Uschi Obermeier, zum anderen jüngere, die sich wieder und immer noch gegenseitig die langen Haare streicheln, gelegentlich nackt Arm in Arm herumspazieren, Lieder über die Liebe singen und damit durchaus als Musiker erfolgreich sind.

Was seit den „60er“ noch stärker geworden ist: So umweltbewusst und nachhaltig und einfach leben wie möglich. Das kann sich in speziellen Ernährungskonzepten ausdrücken wie bei der „Raw-Bewegung“, wo das Essen grundsätzlich nicht gekocht wird. Und es kann durchaus geschäftstüchtig in umweltfreundlichen Produkten zur Rettung der Erde daherkommen. In jedem Fall sind die Neo-Hippies in Kalifornien im Trend. Devendra Banhart, 28, wallende Haare, forderte 2006 in seinen Liedern den Rückzug der US-Truppen aus dem Irak und wurde zum Popstar. Das knüpft an die Vietnamkriegsituation 1967 an. In dem Essay Neo-Hippies in der Zeit von 2008 kommt Devendra zu Wort: „Ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass wir in einem dunklen Zeitalter leben und es das Beste wäre, sich seine eigene kleine Welt einzurichten. Dass es schon politisch wäre, wenn man anders oder besonders ist. Dass es schon reicht, seine eigenen Kleider herzustellen. Aber dann verstand ich schließlich, dass ich damit nur dem auswich, was draußen um mich herum passierte.“ Und der Autor meint dann: „Was von Europa aus vielleicht nur wie ein Trend wirkt, das Neo-Hippie-Ding, ist in Amerika kulturelle Realität.

Während ein Teil der Jugend dieses Landes vor die Hunde geht, weil er zu Krüppeln oder Nervenwracks zusammengeschossen wird, sucht ein anderer Teil nach Sinn, nach einem neuen Bewusstsein, nach alten Werten wie Friede, Liebe, Sonnenschein.“ (Quelle: www.zeit.de/2008/12/Neohippies-12)

In den letzten Jahren hat allerdings die Konsum-kritische, ökologisch nachhaltige Lebensweise in Westeuropa viele Anhänger gefunden, die mit den Hippies in den USA wenig zu tun haben. Keine überflüssigen Dinge, umweltbewusst reisen, vegetarische oder vegane Ernährung, Tauschhandel – das ist ein Lebensmodell mit Zukunft.

Das Ginkgo-Haus
Was lange Zeit selbstverständlich war, nämlich dass Eltern, Kinder, Großeltern und eventuell noch weitere Verwandte in einem Haus zusammenleben, ist heute eher die Ausnahme. Für die meisten älteren Menschen hierzulande heißt das eher gefürchtete Lebensmodell für die letzten Jahre Seniorenheim. Bedenkt man, dass die deutsche Bevölkerung und vor allem die Zahl der Erwerbstätigen schrumpfen, die Menschen aber immer älter werden und viele noch im Alter kreativ und nützlich sein wollen, bedarf es Alternativen zum typischen Altersheim, wo es kaum Kommunikation zwischen Alt und Jung gibt.

Hildegard Schooß gründete bereits Ende der 1970er Jahre das erste Mehrgenerationenhaus Deutschlands in Salzgitter nach dem ihr vertrauten Modell der Großfamilie. Sie sagt: „Die Vereinzelung von Menschen tut nicht gut – weder den Kindern noch den Erwachsenen noch den alten Menschen. Ich hatte damals die Idee: Wir brauchen einen Raum, der zentral liegt, wo alle zu Fuß hingehen können, der von morgens bis abends offen ist und wo jeder Mensch, der mitmachen wollte, zu jeder Zeit auch dabei sein konnte.
Wir haben die Philosophie: Wer zur Tür hereinkommt, ist ein Mensch. Er wird auch als Mensch wahrgenommen - ob er ein Mann ist, eine Frau, ob gesund oder krank. Das stellt sich vielleicht hinterher heraus. Deshalb ist das Angebot, das wir machen: Kommt zusammen und äußert eure Bedürfnisse.“ Nach diesem Vorbild gibt es mittlerweile über 500 Mehrgenerationen-Häuser in Deutschland.

Ein etwas anders geartetes Projekt ist das Ginkgo Haus in Langen, wo 28 Rentner zusammen wohnen und ihren Alltag gemeinsam gestalten. Auch eine Demenz-WG gehört zum Haus. Die gesunden Alten verbringen Zeit mit den kranken – ob beim gemeinsamen Kochen, Singen oder Vorlesen. „Wir haben das Haus gewollt, um unsere ‚späte Freiheit‘ zu genießen“, sagt Egbert Haug-Zapp. „Aber wir wollten uns auch nichts darüber vormachen, dass die vermutlich ihre Grenzen finden wird und dass uns Hilfsbedürftigkeit, Pflegebedürftigkeit, möglicherweise Demenz und ganz sicher Sterben nicht erspart sein wird. Und dass wir, wenn wir im Alter zusammenziehen, so bauen wollen, dass diese Stationen nicht zu Katastrophen werden, die jeder einzeln bewältigen muss.“

Loring Sittler, Autor des Buches „Wir brauchen euch“, ist überzeugt, dass der demografische Wandel einen Mentalitätswandel nötig macht. Zukunftsprojekte wie das „Ginkgo-Haus“ müssen für mehr Menschen bezahlbar werden: „Die Leute merken, dass man vom Konsum allein nicht glücklich wird. Und deswegen suchen sie nach einem Sinn. Das kann ein Studium oder Meditation sein. Aber in vielen Fällen führt das zu einem sozialen Engagement, weil das beglückend ist, mit anderen Menschen zusammen zu sein, auch Alte mit Jungen – also generationsübergreifende Modelle, gerade für Leute, die keine Kinder oder Enkel haben. Das ist unglaublich wichtig für ihr eigenes Leben, weil sie dadurch ihren eigenen Lebensmut wiedergewinnen und auch Lebensqualität erhalten.“ (Quelle: www.3sat.de)

Auf der Suche nach Erfüllung
Lebensmodelle stehen im Grunde für die erfolgreiche Suche nach Glück, Erfüllung und Sinn. Ratgeber in Form von Büchern und Therapeuten bzw. Trainern gibt es heute wohl mehr als genug. Ob der Hintergrund nun religiös-spirituell oder psychologisch-wissenschaftlich ist, es werden Lebensmodelle angeboten: Orientier dich an diesen sieben Prinzipien etc., dann wird dein Leben erfüllt sein!

Den Verkaufserfolgen der vielen Ratgeber entsprechen anscheinend nicht die Erfolge der Rezepte. Oder haben sich Glück und Erfüllung in unserer Gesellschaft in den vergangenen 30 Jahren deutlich spürbar vermehrt? Mir ist da nichts Besonderes aufgefallen. Ich kenne auch keine Studien, die das belegen. Womöglich sind aber Statistik und Verallgemeinerungen nicht der passende Zugang. Wenn ein Buch bei einigen Lesern einen echten Durchbruch zu einem besseren, sinnvollen Leben bewirkt hat, dann spricht das für sich. Dasselbe gilt für Trainings, Seminare, Retreats und Webinare aller Art.

Einige Konzepte, die noch vor 30 und erst recht vor 50 oder gar 70 Jahren unbekannt, ja „undenkbar“ waren, sind heute einer recht breiten Gesellschaftsschicht geläufig. Dazu gehören vor allem die Achtsamkeit und das Verständnis sich selbst gegenüber. So wie in den Flugzeugen erläutert wird, dass sich im Notfall jeder erst einmal selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen muss, erst dann kann er anderen helfen, so leuchtet das Prinzip der Selbstachtung und Selbstliebe wohl doch immer mehr Menschen ein – wie sich zumindest aus Bestsellerlisten von entsprechenden Büchern und Kursen ablesen lässt. Das ist schon mehr als nur ein neues Lebensmodell. Das ist ein Paradigmenwechsel!

Woher weht da der Wind? Wohl kaum aus dem Christentum, auch wenn Jesus sagte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieses „selbst“ wurde in den Kirchen stets übergangen bzw. als Egoismus gegeißelt, was dann eben auch zum traurigen Ergebnis führte: Ignoriere deinen Nächsten wie dich selbst! Der Impuls zur heutigen Welle der Selbstliebe kommt aus der buddhistischen Achtsamkeitslehre in Verbindung mit psychologischen Ansätzen etwa aus der Human Growth Bewegung der 60er- und 70er-Jahre. Buddha zeigt auf die Unwissenheit, und die liegt in mir selbst. Je mehr ich mich beachte, nicht narzisstisch, sondern eher mitfühlend und zugleich nicht beurteilend, wissenschaftlich, desto weniger Unwissenheit. Denn hier „in mir“ entstehen die Gedanken, Gefühle und Taten, die schließlich das ausmachen, was ich „mein Leben“ nenne. Auch wenn dieses Ich laut Buddha letztlich gar nicht existiert: Die Aufmerksamkeit wirkt sich am stärksten positiv aus, wenn sie so oft wie möglich auf mich selbst gerichtet ist. Wie empfinde, fühle, denke, reagiere ich, jetzt? Ich finde, das ist ein Lebensmodell, wie es aktueller und glücklicher nicht sein kann.

Christian Salvesen (1951) Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Ghostwriter. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Weitere Infos zur Arbeit des Autors auf www.christian-salvesen.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.