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Ausgabe Mai 2019
Hans im Glück ... von Wolf Sugata Schneider


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© chesterF - AdobeStock

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In dem Märchen »Hans im Glück« bekommt Hans für sieben Jahre Arbeit in der Fremde einen kopfgroßen Klumpen Gold ausgehändigt. Den tauscht er erst gegen ein Pferd ein, und dann immer weiter gegen immer geringere materielle Werte, bis er schließlich gar nichts mehr hat. Trotzdem freut er sich über jeden Tausch und am meisten darüber, schließlich gar nichts mehr zu haben. Nun ist er frei und kehrt glücklich nach Hause zurück. Nicht jeder wird die Befreiung von Materiellem so radikal nachvollziehen wollen. Materie hat ja auch ihr Gutes und will gewürdigt werden. Ein Zuviel an Materiellem kann uns jedoch belasten und hat nur wenig damit zu tun, ob es uns wirklich gut geht. Abgesehen von krasser Armut, extremer sozialer Verachtung, Gefangenschaft und sehr schmerzvollen Krankheiten hängen Glück und Lebensfreude vor allem von der Einstellung zu dem ab, was man erlebt.

Findest du keinen Grund zur Freude? Dann freu dich ohne Grund. Wer das kann, den nennt man in der Psychologie resilient. Noch etwas weiter gefasst als die Resilienz ist der Begriff der Autopoiesis. Er bezeichnet die Fähigkeit zur Selbsterhaltung eines Systems – in diesem Fall zur Erhaltung der Vitalität und Lebensfreude, auch wenn in der Umgebung sich dafür kein Auslöser finden lässt.

Reframen
Wie macht man das? Zum Beispiel durch Reframing. Das ist das Umdefinieren oder Neuinterpretieren eines Ereignisses, das zunächst als unwillkommen erlebt wird. So hat zum Beispiel in den Jahren, in denen ich die Zeitschrift Connection herausgegeben habe, spiritueller Kitsch mich genervt und drückte zunehmend auf meine Laune. Erst als ich begann, die mir angebotenen kitschigen Texte als Vorlagen für Witzanzeigen zu verwenden und für Sketche, mit denen ich auf die Bühne ging, drehte sich das um. Ein kitschiger Text löste nun in mir kein »Oh Gott, das schon wieder!« mehr aus, sondern ich fühlte dabei Freude und Dankbarkeit für die Gratis-Anlieferung der guten Vorlage für Witze, Gags und Sketche.
Auswählen
Als Menschen sind wir mit der Fähigkeit gesegnet, den Fokus unserer Wahrnehmung auf das ausrichten zu können, was wir für wertvoll halten. Richten wir ihn auf Katastrophen und Mängel aus, kann uns das helfen, eine Gefahr zu vermeiden, es kann sogar Leben retten. Wenn wir das jedoch dauerhaft und systematisch tun, dämpft es die Lebensfreude.

Besser ist es, schnell und unerschrocken abzuchecken, ob da wirklich ein Säbelzahntiger im Gebüsch wartet, oder ob hier nur jemand mit übertriebenen Warnungen auf sich aufmerksam machen will, wie das in den sozialen Netzwerken in so großem Maß geschieht: (Überwiegend empörende) Fake-News werden auf Twitter um 60 % häufiger und sechsmal schneller weitergegeben, wie eine umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung ergeben hat.
Wir tun jedenfalls klug daran auszuwählen, worauf wir den Fokus richten – der Film wird im Schnitt gemacht. Ein kompletter Verzicht auf die Rezeption von Warnungen ist nicht ratsam. Um nicht zum Griesgram und Zyniker zu werden, sollten wir aber überwiegend gute Nachrichten an uns ranlassen – es gibt sie, die Welt ist voll davon.

Lernen
Wenn uns etwas zustößt, das wir zunächst als ein Scheitern betrachten, können wir fast immer trotzdem noch etwas daraus lernen. Meist können wir die Ursache erkennen, oft war es ein eigener Fehler, den können wir in Zukunft vermeiden. Zumindest können wir aus dem emotionalen Absturz der „Ent-Täuschung“ etwas über die Bewegungen unserer Seele lernen und so auf der Achterbahn des Lebens Schwung holen für den nächsten Aufstieg. Wenn es wirklich hart kommt, kann ich das Ereignis, das mir da gerade zustößt, immer noch als »Training für Fortgeschrittene« betrachten: Nur jemand wie mir stellt das Leben eine so große, schier unüberwindliche Aufgabe, weil ich auch imstande bin, sie zu bewältigen.

Cradle to grave
»Cradle to grave« oder Lebenszyklusanalyse nennt man in der ökologischen Ökonomie das Prinzip, ein Produkt auf seinem gesamten Weg zu verfolgen, von der Beschaffung der Rohmaterialien bis zur vollständigen Entsorgung. Das kann man auch mit immateriellen Dingen tun wie Problemen oder Konflikten, also mit geistigen Strukturen, die ja ebenfalls einen Lebenszyklus haben. Wo ist das entstanden, was mich da gerade drückt, wo ist dessen Wiege (cradle), und in welches Grab (grave) wird es wieder verschwinden? Auch Feinde und Ereignisse, die dir etwas zu vermasseln scheinen, sind entstanden und werden wieder vergehen. Jede Gestalt, die ich wahrnehme, hat einen Hintergrund, steht in einem Kontext und ist in etwas eingebettet. Auch schmerzliche, widrige, feindliche Gestalten, die in mein Leben treten, entstehen aus etwas heraus und vergehen schließlich wieder, sie kompostieren, und aus dem Humus kann wieder etwas Neues entstehen.

Kreativität
Ein weiteres Mittel Freude zu finden und Leid zu mindern ist, den Lebenssinn nicht zu suchen, sondern ihn zu erschaffen. Dein Herzensprojekt, für das du bereit bist, durch dick und dünn zu gehen, suche es nicht, sondern erschaffe es. Wenn du es suchst, findest du nur dir von anderen zugewiesenes. Erst wenn du es aus dir heraus erschaffst, ist es wirklich dein Eigen. Es zu verwirklichen, dafür bist du auf der Welt, und nur du kannst das! Es muss ja nicht gleich die Vermeidung des Ökozids oder eines Atomkrieges sein. Es kann die Erziehung eines Kindes sein, ein Urban Gardening Projekt, ein Buch oder Film oder ein Fest, das die Teilnehmer glücklich hinterlässt. Du kannst Künstlerin sein in vielem; die höchste Form der Kunst aber ist die Erschaffung des eigenen Lebenssinns. Erst wenn du das Drehbuch deines eigenen Lebens nicht nur aufführst, sondern es selbst kokreativ mitgestaltest, bist du bei dir selbst angekommen und deine Lebensfreude hängt nicht mehr von den Umständen ab.

Mudita
Mit »kokreativ« meine ich, dass die Kreation deiner Identität und deines Lebensskriptes kein singulärer Geniestreich ist, der dich aus allem anderen hervorhebt und »außerordentlich« macht. »Be extraordinary! Be special!« sagen die US-amerikanischen Coaches und erschaffen damit nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch Ellbogenmenschen. Deine einzigartige Identität ist jedoch ausnahmslos immer eine Kokreation. Sie ist ein Teil des Gewebes der Gesellschaft. Andere haben daran mitgestrickt.
Auch deine Freude ist Teil eines größeren Ganzen, sie ist »Mitfreude«. In den indischen Sprachen gibt es dafür als Ergänzung zu »Karuna« (Mitgefühl oder Mitleid), den Begriff »Mudita«. Weil wir mit anderen fühlenden Wesen verbunden sind, empfinden wir nicht nur Mitleid, sondern auch Mitfreude. Lachen, Lächeln, Witze und Humor sind Ausdruck von Mitfreude. Allerdings grenzt das Lachen auch immer etwas aus, es distanziert sich von dem, worüber gelacht wird. Das so Belachte, Belächelte oder Ausgelachte muss dann wieder integriert werden, sonst gilt die Freude des Lachens nur der In-Group und befriedet nicht.

Tor zur Anderswelt
Wenn Freude zum Lebensprinzip wird, so wie Schiller sie in seiner »Ode an die Freude« zelebriert hat, wird sie zur »Tochter aus Elysium«, zu etwas Himmlischem, das uns Irdische zu Göttern und Göttinnen macht. Dann ist sie ein Fenster zum Himmel, ein Tor zum Religiösen oder Spirituellen, zur Anderswelt. Ohne dass wir dafür religiöse Strukturen und Institutionen bräuchten. Freude und Mitgefühl genügen dafür.

Wolf Sugata Schneider: Jg. 52, Autor, Redakteur, Kabarettist,
1985 - 2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection,
Blog: www.connection.de, Kontakt: schneider@connection.de


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