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Schamanismus – im direkten Kontakt mit den Geistern ... von Roland Urban


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„Nach Verlassen der dunklen Höhle fand ich eine weitläufige Landschaft vor, die in so helles Licht getaucht war, dass es mich schon beinahe blendete. Dann stand ich vor einer goldenen Ebene voller Salbeisträucher. Ich ging einen Abhang hinunter und auf eine offene Koppel mit mehreren weißen Pferden zu. Als ich mich ihnen näherte, schien eines meine Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Wir schauten einander in die Augen, und daraus ergab sich schnell eine intensive, fast hypnotische Verbindung.“ *1


Der zentrale Moment im Schamanismus ist jener, an dem der Kontakt zu den eigenen spirituellen Helferinnen beziehungsweise Helfern, den Geistern glückt. Es ist jener Moment, in dem durch direkte Erfahrung wahrnehmbar wird, dass es neben der uns allen bekannten, materiellen Welt noch eine andere, nicht-materielle, aber ebenso reale Wirklichkeit, die so genannte nicht-alltägliche Wirklichkeit, gibt. Es ist der Moment, in dem erlebt wird, dass eine Beziehung zu geistigen Wesen herstellbar ist, welche spezifische Qualitäten besitzen, eine andere Sicht auf unser Universum haben, und dennoch Teil unseres Kosmos und unserer Gemeinschaft sind.

Schamaninnen und Schamanen unterhalten vertrauensvolle und tragfähige Beziehungen zu ihren geistigen Helfern. Sie wissen, wo sie zu finden und wie sie zu nutzen sind. Sie sind Expertinnen und Experten in der Navigation durch die nicht-alltägliche Wirklichkeit, können Informationen und Kraft für die Gemeinschaft, der sie dienen, in die materielle, die alltägliche Wirklichkeit holen und hier manifestieren.

Wozu Schamanismus?
Die Ziele dabei sind stets die gleichen: die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen, eine Balance auf individueller, sozialer oder ökologischer Ebene zu wahren bzw. herzustellen – und unser Leben, das wir hier auf der Erde führen, ein wenig besser, lustvoller und glücklicher zu gestalten.
Dies ist auf verschiedenste Weise möglich. Etwa indem mittels sogenannter divinatorischer Arbeit Antworten auf Lebensfragen ermittelt, Informationen in Erfahrung gebracht werden, die mit unseren üblichen fünf Sinnen nicht eruierbar sind. Oder indem klassische Krankheits- und Leidenszustände aufgelöst, zentrale Übergänge des Lebens begleitet werden, und spirituelle Kraft in mannigfaltiger Weise verfügbar und sichtbar gemacht wird. Klassische Beispiele hierfür sind Bilder, Textilien und Keramiken, Kraftobjekte, aber auch Rituale.
All dies ist nicht nur in schamanischen Kulturen möglich, sondern auch bei uns, hier in Europa. Selbst eine naturwissenschaftliche Sozialisation stellt keinen Widerspruch oder Hinderungsgrund dar. Vielmehr berichten unzählige wissenschaftlich affine Menschen, die einen entsprechend offenen und liberalen Geist besitzen, von der immensen Bereicherung und Erweiterung ihres Bewusstseins, welche die schamanische Arbeit nach sich zieht. Die Erkundung der nicht-alltäglichen Wirklichkeit und der direkte Kontakt zu den Geistern eröffnet zusätzliche Erfahrungs- und Erlebnisräume, die uns Ressourcen eröffnen lassen, von denen wir davor nicht geahnt hätten, dass sie existieren.
Schamanische Arbeit führt somit nicht nur zu einer drastisch umfassenderen Erkenntnisweite wie -tiefe, sondern zu einem gänzlich neuen Verständnis des Lebens. Die – am eigenen Leibe – erfahrene Verbundenheit mit allem, was existiert, hinterlässt eine Berührtheit, die zwangsläufig zu einer veränderten Sichtweise auf sich, andere und die gesamte Natur zur Folge hat. Letztlich – die wesentliche Frage lautet, ob Schamanismus dazu beiträgt, langfristig gesünder und besser zu leben. Auch dies würden die meisten der schamanisch Praktizierenden wohl eindeutig mit „Ja“ beantworten.

Wie kann man Schamanismus erlernen?
Michael Harner, amerikanischer Anthropologe und Pionier des Core-Schamanismus, hat postuliert, dass fast alle Menschen die schamanischen Grundtechniken erlernen und mit den Geistern kommunizieren können. Dies bedeutet nicht, dass jede und jeder zur / zum sogenannten Heilerin / Heiler geboren ist oder im Dienste der Gemeinschaft zentrale Übergänge begleiten soll. Genauso wenig wie in unseren Gesellschaften alle Menschen den Gesundheitswissenschaften angehören. Dies würde ein reduktionistisches Bild des Schamanismus erzeugen – und die Fähigkeiten, die wir alle haben, ignorieren. Vielmehr ist damit gemeint, dass der Wechsel in die nicht-alltägliche Wirklichkeit und der Kontakt zu Geistern für so gut wie jede und jeden bewerkstelligbar ist – vorausgesetzt, man kann sich den damit verbundenen Erfahrungen öffnen. Diese allgemeine Zugänglichkeit ist den Tatsachen geschuldet, dass veränderte Bewusstseinszustände (welche die „Tore in die nicht-alltägliche Wirklichkeit“ öffnen) zum menschlichen Allgemeingut zählen – und dass Geister real sind. Um schamanische Arbeit sicher, bewusst und kontrolliert gestalten zu können, bedarf es ein gewisses Wissen, Orientierung in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit und die Beherrschung grundlegender Techniken.

Die Foundation for Shamanic Studies bietet seit mittlerweile 40 Jahren Seminare an, in denen genau dies gelehrt wird. Zehntausende Menschen weltweit, die in den Veranstaltungen der Foundation for Shamanic Studies mit den Geistern in Kontakt gekommen sind, belegen eindrücklich, dass Schamanismus auch mitten in Europa und anderen post-industriellen Gesellschaften nicht nur einen Platz hat, sondern benötigt wird. Wir, so die Grundaussage des Schamanismus, brauchen die Geister. Sie sind Teil unserer größeren Gemeinschaft, sind uns wohlgesonnene Begleiterinnen und Begleiter. Sie stellen uns Kraft sowie Information zur Verfügung, um unser Leben in Ausgeglichenheit und Zufriedenheit führen bzw. die anstehenden Herausforderungen nachhaltig und weise bewältigen zu können. Damit die uns Nachfolgenden eine ebenso intakte Existenzgrundlage vorfinden.

„Wir müssen die Menschen erleben lassen. Reden alleine genügt nicht. Worte sind eben Worte. Die kann man glauben oder nicht. Sobald ich es aber erfahre, fühle ich es anders. Das ist ja auch das Schöne an der Arbeit mit den Geistern. Wenn wir sie einmal erfahren haben, haben wir eine Kraft erfahren, die wirkt.“ *2


*1: Harner, Michael (2013): Höhle und Kosmos: Schamanische Begegnungen mit der verborgenen Wirklichkeit. München: Ansata. S. 131.
*2: Rupp, Daniela (2018): Eine Schöpfung für sich. Schamanische Arbeit mit Naturgeistern. In: Urban, Roland, Huguelit, Laurent (Hrsg.): Schamanismus und Ökologie. Wartberg ob der Aist: FSSE. S. 70.


Mag. Roland Urban ist Geschaftsführer der Foundation for Shamanic Studies Europe – www.shamanicstudies.net, Internationale Seminar-, Vortrags- und Forschungstatigkeit sowie schamanische Praxis. Zudem ist er als Gesundheits-, Klinischer und Notfallpsychologe im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte betreffen u. a. „Schamanismus in Europa“, „Schamanismus und Wissenschaft“, „Unheilbare Krankheiten“ sowie „Gesundheitsförderung“.