aktuelle Seite: Artikel   

Schamanische Wege zur Heilung in unserer modernen Welt ... von Kai Goerlich


art95513
© danmir12_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Schamanismus gilt als eine der ältesten Heilpraktiken und spirituellen Systeme der Menschheit. Die archäologischen und historischen Hinweise verlieren sich im Nebel der Vorzeit. Aber wir wissen, dass Schamanismus sehr alt ist, vermutlich mehrere tausend Jahre. Schamanische Techniken sind über sehr lange Zeit hinweg zuverlässig und erfolgreich angewendet worden. Sie sind sehr pragmatisch, direkt und oft sehr zeitnah wirkend, da sie ganz einfach Ergebnisse produzieren müssen. Schamanismus geht an die Wurzel des Menschseins und funktioniert deshalb auch in unserer Zeit. Allerdings unterscheidet sich unsere westliche Lebensweise stark von den schamanisch beeinflussten Kulturen. Wenn wir uns das ursprüngliche und teilweise auch das heutige Leben der Menschen aus verschiedenen schamanischen Kulturen wie in der Mongolei und Tuwa, der Samen in Finnland, der Inuit in den Polarregionen und den Ureinwohnern in Nordamerika anschauen, dann können wir mindestens zwei Aspekte erkennen, die diese Kulturen von unserer westlichen unterscheidet: die enge Verbindung zur Natur und ihre Auffassung von Heilung.

Die Natur als Quelle
Die Verbindung zur Natur ist einfacher, wenn das Leben in und mit der Natur stattfindet – was in unserer westlichen Welt zunehmend schwieriger wird. Der große Unterschied liegt allerdings in der animistischen Weltsicht des Schamanismus, in der alles, was uns umgibt, beseelt ist, also Tiere, Pflanzen, Steine, Flüsse, Quellen, Berge, Ozeane, der Wind, der Regen und sogar alltägliche Objekte. Unsere westliche Kultur dagegen sieht die Natur vorrangig als Ressource, die ausgebeutet werden kann. In der Schamanenkultur können die Naturgeister Ratgeber und „Aufladestation“ für Körper und Geist sein – in der westlichen Kultur sind diese Geister schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Daraus resultiert nicht nur eine mangelnde Demut der Natur gegenüber – deren negative Auswirkungen wir jetzt im Klimawandel deutlich zu spüren bekommen – wir sind auch nicht mehr in der Lage, die Kräfte der Natur für unser individuelles Wohlbefinden zu nutzen.

Die alten Schamanentechniken können die modernen Menschen wieder näher an die Natur und ihre Kraftquellen heranbringen. Die Umwelt wird wieder direkt mit Leib und Seele erfahrbar. Probleme wie Burnout, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen sowie Lebens- und Sinnkrisen kann man auf diese Weise angehen. In der Praxis können dies zum Beispiel begleitete Aufmerksamkeits-Wanderungen in der Natur, Visionssuchen und gezielte Kontakte mit Kraftpflanzen und anderen Naturgeistern sein. Idealerweise findet dies in möglichst unberührten Gegenden statt. Aber Schamanismus ist pragmatisch – ich gehe mit meinen Klienten auch in einen Stadtwald oder Park.

Spirituelle Wege zur Heilung
Im Umfeld des Schamanismus werden die Selbstheilungskräfte über ganzheitliche, spirituelle Wege anregt. Viele der indigenen schamanischen Heiler sind auch kräuterkundig und setzen Pflanzen zur Unterstützung ein, wie wir das auch aus unserer eigenen Tradition der Volks- und Klostermedizin kennen. In unserer westlichen Welt ist der Einsatz von Pflanzen den Heilberufen vorbehalten, weshalb ich mich im Folgenden ausschließlich auf spirituelle Heiltechniken beziehen möchte.

Aus Sicht der Schamanen sind Krankheiten und emotionale Probleme – vereinfacht dargestellt – das Resultat eines Ungleichgewichts im Körper oder eines Seelenverlustes. Schamanen „sehen“ Krankheiten als Tiere oder Dinge, die nicht in den Körper der Klienten gehören. Sie ziehen diese schädlichen Energien aus dem Körper, genannt Extraktion, und unterstützen damit den Körper, sich selbst zu heilen. Ein Seelenverlust kann entstehen, wenn wir ein Trauma erfahren, wie Gewalt, schwere Krankheiten, Trennung, Tod und Trauer.

In der Sichtweise des Schamanismus kann durch diesen Schock die Seele Schaden erleiden und ein Seelenteil den Körper verlassen. Kommt dieser Teil nicht wieder zurück, fühlen wir uns unvollständig und oft fremd im eigenen Körper, was auf Dauer zu Krankheiten führen kann.
Schamanen erkunden deshalb den seelischen Zustand ihrer Klienten und holen den fehlenden Seelenanteil wieder zurück, wodurch sich der emotionale Zustand wieder stabilisieren und der Körper in die Selbstheilung kommen kann. In der Bearbeitung seelischer Krisen liegt meiner Ansicht eines der großen Potenziale des schamanischen Heilungsweges.

In der Praxis liegen die einzelnen Klienten auf einer Decke während der schamanisch Praktizierende seine Arbeit tut, und zwar auf eine spezifische Art und Weise. Er ändert durch trommeln, rasseln und singen seinen Bewusstseinszustand, um sich mit den spirituellen Helfern zu verbinden, den sogenannten „Spirits“. Von ihnen erfährt er, wie die einzelnen Klienten behandelt werden könnten.

Der Schamanismus zielt ohne große Umwege auf die emotionalen Grundlagen, auf den Seelenzustand und die Lebenssituation, auf die Einbindung in das Größere und die Bestimmung des eigenen Lebens. Selbstverständlich ist der Schamanismus nicht das einzige spirituelle System, das dazu in der Lage ist. Aber die Erfahrungen aus vergangenen Jahren zeigen, dass schamanische Techniken die Selbstheilung stärken und die Menschen auf ihrem spirituellen Weg unterstützen können.


Kai Goerlich ist neben seinem Beruf schamanisch Praktizierender und Lehrbeauftragter der Foundation for Shamanic Studies in Potsdam. Er wendet deren sogenannten Kern-Schamanismus, in dem es auch in seinem Artikel ging, erfolgreich an. Weitere Infos erhalten Sie unter kaigo@gmx.net