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Über schamanische Leidenschaft, die manchmal auch Leiden schafft ... von Katja Neumann


Sie kennen doch sicher das Gefühl, dass Sie etwas erzählen, was Ihnen sehr am Herzen liegt, Ihr Gegenüber nickt aufmerksam, aber Sie spüren, er ist nicht bei Ihnen, er sieht Sie nicht, also nicht wirklich, und vielleicht ist er mit seinen Gedanken auch ganz woanders. So ging es mir mit fast allen meinen Therapeuten. Deswegen mache ich heute was ich tue und das mit Leidenschaft und Überzeugung. Und es ist nebenbei eine Ode an die schamanischen Heilweisen.

Was manchmal nicht so schön ist
Es liegt mir fern, kassentaugliche therapeutische Ansätze in irgendeiner Form abzuwerten, alles hat seine Berechtigung und im Gegenteil, jeder braucht etwas anderes und oft ist die Analyse oder das Gespräch der Anfang der Reise zu sich selbst. Mich hat es da hingebracht, wo ich jetzt bin, ebenso wie meine Geschichte, deretwegen ich mich auf den Weg gemacht und Hilfe gesucht habe. Aber manchmal geht es dann nicht weiter, stagniert und frustriert. Es reicht eben nicht, nur über den Verstand die Dinge zu beleuchten. Sehr viele Menschen wissen ja um ihre Geschichte, um die Traumata, sie sind sehr reflektiert, aber trotzdem fühlen sie sich innen drin leer oder traurig oder rasend wütend. Wissen ist nur der Kopf, aber nicht das Herz und es mildert nicht den Hilfeschrei von Seele. Und gerade dann, wenn man mitten in der Krise steckt, das nächste tiefe Loch kommen fühlt oder die inneren Monster, hilft es nicht, wenn einem gesagt wird, man solle doch spazieren gehen, mal ganz tief durchatmen oder meditieren. Ich kenne einige, die gerade, weil sie eine Therapie machen, sich unfähig fühlen und in ihrer Ohnmacht (noch mehr) an sich zweifeln. Sie müssten es ja jetzt hinbekommen, stark sein und glücklich – sie sind ja in Behandlung, oft auch mit Psychopharmaka. Es ist aber nichts gut, es (er)löst ja nichts. Die Schmerz-Programme auf der Festplatte sind immer noch da. Es sind nur ein paar Bedienungs-Apps dazugekommen. Manchen reicht das, vielen anderen aber nicht.

Arbeiten mit Seele, die schamanische Sicht
Schamanen haben eine etwas andere Sicht auf Seele als die schulmedizinische Psychologie. Zuallererst ist Mensch nicht nur das Produkt seiner chemischen Prozesse – oder eben fehlender Prozesse. Natürlich können auch ganz reell Glückshormone o. ä. fehlen, aber auch das ist ja nur ein Symptom, das man sicherlich zeitweise auch medikamentös behandeln kann, in Notfällen allemal. Aber ein Schamane ist davon überzeugt, dass der Mensch durch schmerzhafte traumatische Erlebnisse Seelenanteile verloren hat und ob seiner Unvollständigkeit nicht wieder von alleine in seine Kraft kommen kann. Diese Abwesenheit von manchmal sehr vielen Seelenanteilen hat dann z. B. zur Folge, dass der Mensch versucht, diese Löcher, diese innere Leere zu stopfen, egal ob durch Arbeit, essen, Sport, Drogen etc. – oder er verletzt sich bzw. lässt sich verletzten, weil er sich nicht mehr gut oder gar nicht spüren kann und nur der Schmerz (kurze) Erleichterung verschafft. Gleichzeitig steigt die Verzweiflung, die Wut, die Traurigkeit, was wiederum destruktive Fremdenergien anzieht und die eigenen Monster verstärkt. Ein „Monster“-Kreis sozusagen, um nicht vom Teufelskreis zu sprechen … Es geht dem Schamanen dann darum, der Seele etwas zurückzubringen was ihr fehlt und zu entfernen, was da nicht hingehört. Und was ihn dabei gar nicht interessiert, ist der Verstand oder die komplette Lebensgeschichte im Detail. Es geht nur um das Jetzt und die in diesem Moment höchstmögliche (göttliche/kosmische) Ordnung, die herzustellen der Vermittler-Job des Schamanen ist, die eigentliche Heilarbeit macht die geistige Welt in Teamarbeit mit Seele/höherem Selbst.
Wenn also ein Schamane von Seelenrückholung, Extraktion oder Debesetzung spricht, mag der ein oder andere „seriöse“ Therapeut die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber negiert er dabei nicht, dass wir alle aus Energie bestehen? Energie ist nichts Festes, in Beton gegossen – Energie fließt, geht in Resonanz, wird angezogen und abgestoßen. Gedanken und Gefühle sind Energie, Seele ist reine, eine sehr hohe weise Energie, die nie vergisst. Die Physik sagt: Nichts geht verloren. Also die Seelen Verstorbener genauso wenig, wie z. B. schlechte Gedanken, die wir uns oder anderen schicken, Verwünschungen, Gelübde …, das klebt manchmal Wochen, Monate oder gar Jahrzehnte/Jahrhunderte an uns, manchmal viele Leben, weil es eben nicht gelöst, transformiert wurde. Das alles kann ich in meiner schamanischen Arbeit mit einbeziehen. Für mich ist das unbedingt wichtig und sehr reell. Wenn ich den klassischen Weg gegangen wäre, müsste ich das alles, um das ich weiß, negieren. Da wäre es Humbug und ich müsste meine Überzeugung verleugnen.
Ich dürfte sozusagen nur halb arbeiten, die Beratung ja, aber die schamanische Behandlung/Reise, nein. Es würde mich und meine Arbeit reduzieren, dürfte ich diese nichtalltägliche Wirklichkeit, die feinstofflichen Welten nicht einbeziehen. Für die einen ist die moderne Therapie Fortschritt, für mich und meine Klienten wäre es ein Rückschritt. Die Psychologie gibt es seit dem Ende des 19 Jahrhundert, die schamanischen Heilweisen sind (laut Wissenschaft) 40 000 bis 50 000 Jahre alt. Mann könnte also vorsichtig sagen, sie haben sich durchaus bewährt. Ich wünschte, wir würden mehr kooperieren, denn beides Wissen ist durchaus wertvoll und würde sich gut ergänzen.

Halbwissen ist auch hier gefährlich
Niemand ist gut nach einem Wochenende, auch nicht nach vier Wochenenden, nicht im Tango tanzen, Töpfern, auch nicht als Schamane. Das ist einfach so, in Sibirien, im Amazonas wie in Europa. Langjährige Ausbildungen, Ehrgeiz, Herzblut, ganz viel Mut und auch Leidensfähigkeit gehören dazu. Zum Lernen wie zum Lehren. Meine schamanische Ausbildung war meine beste Therapie aber auch meine schmerzhafteste. Das ist gut so. Wir arbeiten mit Menschen, mit Seelen, mit manchmal schwer verletzten Seelen, das ist eine große Verantwortung und immer wieder eine Herausforderung. Das macht man nicht nur ein bisschen. Das mach man mit Haut und Haaren, es verwächst sich zu einer Lebenseinstellung, die nicht endet, wenn sich abends die Praxistür schließt. Man sollte wissen, wie man die „Monsterchen“ wieder los wird, die man den Menschen abgezupft hat, damit man sie nicht mit nach Hause nimmt oder noch schlimmer, an andere weitergibt. Da Therapeuten/Psychologen üblicherweise die Existenz von Spirits, Geistern, Dämonen, diversen Entitäten nicht mit einbeziehen, haben sie dieses Problem nicht. (Also sie haben es natürlich schon, aber da sie es negieren …) Will sagen, wenn man energetisch arbeitet, nicht nur als Schamane, haben wir auf mehreren Ebenen eine noch mal ganz andere Verantwortung, müssen noch mal achtsamer sein. Multidimensional achtsam. Ein bisschen, wenn man in einem Labor mit Keimen arbeitet, die keiner sieht, aber alle wissen, dass sie da sind. Auch wir müssen sinnbildlich gesprochen nach einer schamanischen Heilarbeit durch eine energetische Desinfekionsschleuse. Und trotzdem kann es sein, dass man sich mal „infiziert“, sich seelisch ansteckt und sich hundeelend fühlt.
Das sollte man wissen, nicht scheuen und gute Helfer-Netzwerke haben. Auch Schamanen können sich selbst manchmal nicht helfen. Tote Winkel, zu dicht dran, Ego … warum sollte das bei uns anders sein?

Was also so schön ist
Wenn ich die Tür aufmache für einen Menschen, der das erste Mal zu mir kommt, kann ich nun all das tun, woran ich glaube und was ich selbst früher oft so vermisst habe: zwei Stunden Zeit, meine Empathie, meinen geschützten wertfreien Raum, natürlich meine jahrelange Ausbildungs- und Berufserfahrung, aber vor allem meine Nähe oder Nahbarkeit, meine eigene Fehl- und Verletzbarkeit, sonst kann ich Seele gar nicht sehen. Manchmal weine ich auch mit. Was es bei mir nicht gibt, ist „professionelle“ Distanz oder Diagnosen, bei denen man sich dannach erst recht krank und hoffnungslos fühlt. Es gibt auch kein Sitzungsende, weil die Zeit abgelaufen ist – egal wie es demjenigen gerade geht. Man ist mitten in einem Prozess – also Fließbandarbeit wäre fehl am Platz. Wenn wir dann zur schamanischen Reise kommen, ist das jedes Mal ein kleines Wunder: Erst durfte ich den Menschen von außen kennenlernen, von der Bühnenseite sozusagen, und dann darf ich hinter die Kulissen schauen. Und wer Seelen schon mal gesehen und die Essenz gefühlt hat, weiß wovon ich rede. Der mag keine Schubladen-Diagnosen mehr geben. Keine Bewertung, nichts reicht an Worten aus, was sich da als Wesen zeigt.
Das, was unter den Diagnosen, den Ängsten, den Verletzungen, der Wut und den „Monstern“ zum Vorschein kommt, ist immer Wunder-schön. Dafür gibt es in unserer Welt gar keine Worte. Ich bin oft gar nicht so ein großer Menschenfreund, aber ich liebe Seele. Da möchte man manchmal einfach nur niederknieen. Was hätte ich verpasst?



Katja Neumann ist schamanische Heilpraktikerin in Berlin. Infos unter: www.katja-neumann.de


Nächster Workshop „Schamanisch Reisen lernen“ am 20. April 2019, 12-16.30 Uhr. Weitere Infos unter 030-43734919 und www.katja-neumann.de
web: http://www.katja-neumann.de