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Ausgabe April 2019
Hitzköpfe und Streithammel ... Auszug aus dem Buch von Douglas E. Noll


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© Albert Ziganshin_AdobeStock

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Konflikte! In unserer heutigen Welt könnte man das Gefühl bekommen, als würden wir vollkommen von ihnen verzehrt. Es herrscht Streit in Familien, zwischen Freunden und am Arbeitsplatz. Schalten Sie einmal die Fernsehnachrichten an oder lesen Sie die Zeitung, und Sie werden Zeugen gegensätzlicher Kräfte innerhalb von Regierungen, Behörden oder zwischen Einzelpersonen, die um die Macht wetteifern. In der gleichen Nachrichtensendung erfahren Sie von Menschen, die sich gegenseitig umbringen, von häuslicher Gewalt, Mobbing und einer Vielzahl anderer, nicht tolerierbarer Formen von Aggression. Konflikte, in welcher Form auch immer, scheinen unsere Gesellschaft weltweit auf jeder Ebene zu durchdringen – dies führt zu Misstrauen und Angst, die letztlich in einem sinnlosen Ausdruck von Wut eskalieren.


Wir sind emotionale Wesen
In der Geschichte der westlichen Philosophie, Religion und Psychologie wurden Gefühle häufig abgelehnt und im Vergleich zum vernunftgesteuerten Denken als unzuverlässig, gefährlich oder gar negativ eingestuft. Den Worten, die Menschen äußern, schenken wir große Aufmerksamkeit, aber ihren emotionalen Erfahrungen schenken wir so gut wie keine. Erlebt ein Mensch einen emotionalen Moment, wird man ihn oder sie womöglich als unvernünftig bezeichnen, oder mit noch schlimmeren Attributen versehen.
Der klassische griechische Philosoph Platon begründete die Vorstellung, dass Gefühle etwas Unvernünftiges seien und dem Verstand und dem logischen Denken gegenüber unseren emotionalen Reaktionen Priorität einzuräumen sei. In seinem Werk „Phaidros“ beschreibt Platon die menschliche Seele als einen Wagenlenker, der ein Gespann aus zwei Pferden lenkt - das eine ist unvernünftig und verrückt, das andere hingegen edelmütig und von guter Abstammung. Die Aufgabe des Wagenlenkers ist es, die Pferde zu kontrollieren, damit sie ihn in Richtung Erleuchtung und Wahrheit ziehen. Die wichtigste Erkenntnis hierbei ist, ganz simpel ausgedrückt: Gefühle sind schlecht und Vernunft ist gut. Dies ist eine Glaubensüberzeugung, die das abendländische Denken während Jahrtausenden geprägt hat – unsere Gefühle stehen unserer Vernunft im Weg. *3

Durch die Philosophie des Neoplatonismus der frühen christlichen Kirche wurde die Überzeugung, dass Vernunft besser sei als Gefühle, noch zusätzlich verstärkt. Der heilige Augustinus von Hippo nahm als führender Theologe innerhalb der christlichen Kirche des 5. Jahrhunderts die Gedanken des Neoplatonismus in seine Schriften auf, was dazu führte, dass Christen aufgrund der Vermischung der Bibel mit klassischer griechischer Philosophie fortan mit ihren Gefühlen und ihrem Verstand rangen. In René Descartes, einem der Gründerväter der Philosophie der Aufklärung, fand der Neoplatonismus ebenfalls einen Anhänger.
Descartes ist berühmt für seinen Satz -Cogito ergo sum« (»Ich denke, also bin ich«) aus seiner Schrift Discours de la méthode. Genau wie seine Vorgänger lehnte auch Descartes die Bedeutung der Gefühle ab und gab der Vernunft den Vorzug. *4

Eine Analogie dieses Konflikts im modernen Sinne wäre das, was ich als »Spock-Syndrom- bezeichne. Wie Sie wahrscheinlich wissen, war Mister Spock der wissenschaftliche Offizier des Raumschiffes Enterprise aus der populären TV-Serie »Star Trek«, Als Sohn eines Vulkaniers und einer irdischen Mutter lag sein Verstand ständig im Streit mit seinen Gefühlen, was in vielen Episoden und einigen Filmen der späteren Spielfilmreihe für große Spannung sorgte. Meistens verfiel Mister Spock in eine emotionale Schwäche, musste seine inneren moralischen und ideologischen Kämpfe ausfechten und verleugnete am Ende seine Gefühle. Als Zuschauer wurden wir zu Zeugen dieses inneren Dramas und fühlten uns erleichtert, als Mister Spock wieder zur Besinnung kam und vernünftig wurde. Die unterschwellige Botschaft war, dass wir uns alle im Kampf mit unserem emotionalen und vernunftgesteuerten Selbst befinden. Nur wenn unser vernunftgesteuertes Selbst obsiegt, indem es das emotionale Selbst verleugnet, fühlen wir uns wirklich sicher.
Gene Roddenberry, der geniale Erfinder von »Star Trek«, war sich des Konflikts zwischen Gefühl und Verstand in unserer westlichen Kultur sehr wohl bewusst und setzte diesen Konflikt dramaturgisch geschickt ein. Mister Spock verkörpert die reine Vernunft im platonischen Sinne. Andere Figuren der Serie, wie Doktor McCoy, standen repräsentativ für Gefühle und Emotionen. Scotty, der Chefingenieur des Raumschiffes, war der Spezialist für die Technologie und zuständig für den Warp-Antrieb (dieser konnte – ähnlich wie unsere Gefühle – in jedem Augenblick explodieren und die gesamte Mannschaft an Bord in die Luft jagen). Natürlich war es die Aufgabe von Captain Kirk, der die Verantwortung für alles trug, dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst so weit kam.
Die Auswirkungen des Konflikts »Gefühl versus Verstand« setzen sich bis in unsere moderne Kultur fort. Bereits als Kinder lernen wir, dass Gefühle und ein klares, logisches und realitätsbezogenes Denken miteinander in Konflikt stehen. Haben wir unsere Gefühle nicht unter Kontrolle, können sie unsere Wahrnehmung und Erinnerung verzerren. Sie können uns in Schwierigkeiten bringen, wenn wir ihnen erlauben, dass sie die Herrschaft über unser Gehirn übernehmen. Gefühle müssen unterdrückt, gemäßigt und unter Kontrolle gebracht werden. Kurzum, im Gegensatz zu unserer Vernunft behandeln wir unsere Gefühle wie gefährliche Erfahrungen, die wir, wann immer dies möglich ist, besser zu vermeiden versuchen.

Die westliche Kultur mit ihrer Überbewertung von Verstand und Vernunft hat uns der Fähigkeit beraubt, unsere Gefühle auf kompetente Weise einzusetzen und unsere eigene emotionale Intelligenz zu entwickeln. Wir setzen voraus, dass wir im Zuge des Erwachsenwerdens emotionale Kompetenz erlernen, aber niemand bringt uns – von einigen grundlegenden sozialen Kenntnissen einmal abgesehen – emotionale Kompetenz bei. Einige von uns lernen, wie man sich emotional intelligent verhält, aber viele von uns lernen es nicht. Die bittere Wahrheit ist, emotionale Kompetenz ist eine Fertigkeit, die einem jemand vermitteln muss und die es zu erlernen gilt.
Der Preis emotionaler Inkompetenz lässt sich in Todes- und Krankheitsfällen beziffern. Führen Sie ein Leben in Ihrer Familie und am Arbeitsplatz, das aus Streit, Auseinandersetzungen und Konflikten besteht, bringen Sie sich selbst um. Dänische Forscher fanden heraus, dass Menschen, die ständig miteinander streiten, zehnmal häufiger an Krebs, Diabetes und Herzkrankheiten leiden und eine zwei- bis dreimal höhere vorzeitige Todeswahrscheinlichkeit aufweisen als andere, bei denen dies nicht der Fall ist. Die Forschungsergebnisse hielten auch dann noch stand, als man chronische Erkrankungen, Depression, Alter, Geschlecht, Familienstand, Hilfe durch soziales Umfeld sowie die gesellschaftliche und finanzielle Situation in die Untersuchung mit einbezog.
Für diese Studie sammelten Rikki Lund und ihre Kollegen von der Universität Kopenhagen Daten von fast 10.000 Männern und Frauen im Alter zwischen 36 und 52 Jahren, die an der dänischen Langzeitstudie über Arbeit, Arbeitslosigkeit und Gesundheit teilnahmen.

Man befragte die Teilnehmer zu ihren täglichen sozialen Beziehungen, insbesondere darüber, wer - von ihren Partnern, Kindern, Verwandten, Freunden oder Nachbarn - übermäßige Anforderungen an sie stelle oder eine Quelle für Sorge oder Streit sei, und wie häufig diese Probleme auftauchten. Unter Rückgriff auf die dänische Datenbank für Todesursachen verfolgten die Forscher die Teilnehmer über einen Zeitraum von zwölf Jahren (von 2000 bis Ende 2011).
Sie fanden heraus, dass Stressbelastungen durch übermäßige Anforderungen, Konflikte und Streit einen direkten Zusammenhang aufwiesen zu einem 50 bis 100 Prozent erhöhten Todesrisiko aufgrund verschiedener Ursachen. Unter allen Stressfaktoren erwies sich Streit als der schädlichste. Häufiger Streit mit Partnern, Verwandten, Freunden oder Nachbarn ging mit einer Verdopplung bis Verdreifachung des Todesrisikos aufgrund verschiedener Ursachen einher, verglichen mit jenen Teilnehmern, die angegeben hatten, dass diese Dinge in ihrem Leben kaum eine Rolle spielten. *5
In direktem Widerspruch zu Platon, dem Neoplatonismus, der frühen christlichen Kirche und Descartes wissen wir heute, dass die menschliche Gesundheit und Vitalität eindeutig von einer gesunden emotionalen Umgebung abhängt. Wie die dänische Studie gezeigt hat, führen chronischer Streit, Konflikte und Auseinandersetzungen zu einer direkten Verkürzung der Lebenserwartung. Außerdem beweisen jüngere Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften, dass Verstand und Vernunft direkt von unseren Emotionen abhängig sind.
In Hans-Rüdiger Pfisters und Gisela Böhms Rahmenkonzept der Funktionen von Emotionen zum Beispiel spielen Emotionen bei rationalen Entscheidungsprozessen vier wichtige Schlüsselrollen:

Sie liefern uns Informationen, zum Beispiel aufgrund von Freude oder Verdruss.
Sie ermöglichen schnelle Entscheidungen - zum Beispiel können Hunger, Wut und Angst schnelle Entscheidungen herbeiführen.
Sie helfen relevante Aspekte zu identifizieren – zum Beispiel können Reue oder Enttäuschung dem Entscheidungsfinder bei seiner Wahl helfen.
Sie ermöglichen soziale Festlegungen - zum Beispiel helfen moralische Emotionen wie Schuld, Scham und Liebe dem Entscheidungsfinder zu Entscheidungen, die eher auf andere ausgerichtet sind als auf ihn selbst. *6

Sie sehen: Ohne Emotionen können wir nicht logisch denken, ohne Emotionen können wir nicht menschlich sein!


Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags Scorpio.
Anmerkungen zu den Kopfnoten 3,4,5,6 finden Sie im Buch auf Seite 320.


Buchtipp:
Douglas Noll: Die elegante Art, Hitzköpfe und andere Streithammel zu beruhigen – Wie Sie in 90 Sekunden Ärger in Luft auflösen. Aus dem Englischen von Matthias D. Borgmann, Verlag Scorpio 2018, 328 Seiten, 17,90 Euro, ISBN: 978-3-95803-140-1, WG 1933


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