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Ausgabe April 2019
Lust, die in die Freiheit führt. Vom abhängigen zum selbst-bewussten Sex ... von Dr. phil. Jochen Meyer


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© Jacob Lund_AdobeStock

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Noch immer beginnen viele neue Beziehungen mit Sex; manche schon beim ersten oder zweiten Date. Und noch immer glauben viele, guter Sex sei ein Gradmesser für eine gute Beziehung. Doch wer getrieben von seinem Verlangen nach körperlicher Nähe mit einem nahezu Unbekannten ins Bett geht, wird kaum genauer hinschauen und sich fragen, wem er hier tatsächlich begegnet. Ist der Sex großartig, möchte man den neu gewonnenen Partner nicht wieder hergeben. Und sind erst die ersehnten Verliebtheitsgefühle da, setzt man darauf, dass es mit der neuen Beziehung genauso gut laufen wird wie im Bett.

Wenn die Lust ins Verderben führt
Doch leider ist das nur selten der Fall. Meist folgt der Verliebtheitseuphorie die Ernüchterung, wenn sich der neue Gefährte nicht als der ersehnte Traumpartner erweist, sondern als gewöhnlicher Mensch mit Licht und Schatten. Hat man am Anfang einer Bekanntschaft tollen Sex, bedeutet das nicht, dass man auch als Paar zusammenpasst. Es sagt nichts darüber aus, ob man ähnliche Interessen und Werte miteinander teilt, im Alltag miteinander klarkommt oder in zentralen Lebenszielen übereinstimmt. Doch dies ist für das Gelingen einer dauerhaften Liebesbeziehung wichtiger als die Frage, wie gut man im Bett miteinander harmoniert.

Noch immer wird Leidenschaft mit Liebe verwechselt. Im Single-Coaching mit meinen Klientinnen und Klienten erlebe ich das beinahe täglich. Wenn aber zwei Partner leidenschaftlichen Sex und plötzliche Intimität miteinander erleben, bevor sie eine stabile emotionale Bindung aufgebaut haben, geht die Beziehung häufig schief. Denn die Nähe, die durch den frühen Sex entsteht, ist eine Illusion von Nähe; aber keine gesunde Bindung, die auf allmählich gewachsenem Vertrauen basiert. Es spricht daher viel dafür, mit der Sexualität zu warten, wenn eine tragfähige Beziehung aufgebaut werden soll.

Führe ich meine Lust oder führt meine Lust mich?
Viele erleben es als schwächend, wenn sie „zu früh“ mit einem neuen „Un-Bekannten“ ins Bett gehen. Selbst wenn der Sex gut ist: Sie erleben sich als Getriebene, als Spielball ihrer Begierden; bedürftig nach dem schnellen Kick und dem Gefühl, geliebt zu werden. Viele begeben sich so in eine emotionale Abhängigkeit von ihrem neuen Partner. Sie gehen weiter mit ihm ins Bett, selbst wenn ihnen nicht danach zumute ist. Sie achten kaum auf ihre eigenen Bedürfnisse und trauen sich nicht, ihrem Gegenüber Grenzen zu setzen.

Zu wem wirst du, wenn du dich von deiner Begierde hinwegreißen lässt? Zu einer erwachsenen, handlungsfähigen und selbstbewussten Person oder zu einem hilflosen, von unbewussten Impulsen gesteuerten Kind? Viele meiner Klienten erkennen bei dieser Frage, dass ihnen der Zugang zum selbstbestimmten inneren Erwachsenen fehlt und dass ihre Lust – genauer: ihre kindliche Bedürftigkeit – sie immer wieder ins Verderben führt. Solange sie ihr unbewusst folgen, verlieben sie sich und gleichzeitig verlieren sie sich selbst.

Zwischen kindlichen und erwachsenen Bewusstseinszuständen unterscheiden lernen
Bin ich darauf angewiesen, wie ein Getriebener Sex zu haben oder kann ich beim Sex eigenmächtig handeln? Erlebe ich mich beim Sex eher wie ein hungriges, bedürftiges Kind? Oder verhalte ich mich wie eine erwachsene Frau oder ein seelisch reifer Mann?

Ein hungriges inneres Kind glaubt, dass es nur durch Sex gestillt werden kann. Es möchte sofort mit Nahrung und Liebe versorgt werden, nur dann kommt seine Welt wieder in Ordnung. Es braucht den Partner als Garanten zur Erfüllung seiner Bedürfnisse; von ihm hängt sein emotionales Überleben ab. Ein seelisch reifer Erwachsener hingegen sucht beim Sex nach echter Begegnung und authentischem Miteinander. Er versteht es, Lust zu spenden, doch er ist nicht darauf angewiesen, Liebe zu kriegen.

Autonom werden: Das große Thema in heutigen Paarbeziehungen
Einem neuen Partner sexuell auf Augenhöhe begegnen anstatt sich emotional von ihm abhängig machen: Das hat viel damit zu tun, wie autonom ich beim Kennenlernen mit meiner Lust und meinen Begierden umgehe und ob ich aus meiner unbewussten, kindlich-zwanghaften Getriebenheit heraustreten kann.
Will ich zum bewussten Sex und einem autonomen Umgang mit meiner Lust fähig werden, muss ich ihr entsagen können. Dann muss ich meiner Autonomie und meiner Freiheit zuliebe dagegenhalten und auf die sofortige Erfüllung meiner Begierden verzichten. Dann entscheide ich, wann für mich der richtige Zeitpunkt für die erste Liebesnacht ist und nicht mein Gegenüber. Und ich bestimme, wie weit ich dabei gehe. Denn nur, wenn ich bei mir sein kann, kann ich für dich da sein.

Wenn ich mir das abverlange, dann erlebe ich: Ich stehe zu mir und mache nichts mehr, was nicht stimmig für mich ist. Ich berühre mein Gegenüber auf eine achtsame, präsente Weise – nicht, weil ich ein bestimmtes Ziel erreichen muss, sondern weil ich liebevoll verbunden sein möchte.
Ich bleibe bei mir und ich kann ich selbst sein: Ich kann dir im Bett selbstständig begegnen; ich kann lustvoller Spielgefährte oder Mitspieler sein. Ich kann meinen inneren Impulsen folgen, initiativ sein oder dir die Führung übergeben, ganz wonach mir gerade zumute ist.

Im Kern geht es hier um die Integration eines erwachsenen, autonomen Selbst und die Ausbildung einer neuen, höheren Identität als Frau oder Mann. Damit geht dann auch eine komplette Neudefinition meiner Rolle einher: Ich bin nicht mehr für die Lust meines Partners oder meiner Partnerin zuständig, sondern für mich und meine Grenzen.

Auf dieser Stufe von Bewusstheit trägt mich das „Okay-Gefühl“ des autonomen Erwachsenen: Statt „ich muss dir genügen und du bestimmst, ob ich gut genug bin“ spüre ich tief in mir, dass ich mir selbst gehöre und niemandem das Recht gebe, über mich zu bestimmen. Auch beim Sex spüre ich: Die Macht ist bei mir und da bleibt sie auch: Ich bestimme, was du mit mir machen darfst und was nicht.

Dort angekommen, kann ich auf eine ganz neue Weise auf dich zugehen. Als souveräner Mann bin ich im Bett (und nicht nur da) nicht mehr der angepasste, kleine Junge, der es Mama recht machen will. Ich kann einer Frau ein Gegenpol sein; ein echtes, kraftvolles Gegenüber. Und als souveräne Frau bin ich nicht mehr die brave, pflichtbewusste Erfüllungs-Gehilfin, die sich selbst verleugnet und einen Orgasmus nach dem anderen vortäuscht. Auch ich kann einem Mann ein Gegenpol sein – eine lebendige Frau in ihrer Kraft! Habe ich diese Bewusstheit erreicht, dann spüre ich: Ich kann mich als sexuelles Wesen selbst bejahen. Ich kann mit meiner Liebe und meiner Lust zu dir kommen, ja sogar mit meiner lebendigen, animalisch-sinnlichen Wildheit. Ich bin nicht auf etwas Bestimmtes angewiesen – ich bin frei!



Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und -Therapeut. Er arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. Weitere Infos auf www.jochen-meyer-coaching.de


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