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Leidenschaftlich leben ... von Wolf Sugata Schneider


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Be passionate – leidenschaftlich leben, ja, das ist es! Mit ein bisschen Risiko, na gut, das nehme ich in Kauf. Oder doch besser nein, Leidenschaften sind mir zu unruhig, aufwühlend, gefährlich, da steckt das Leiden doch schon im Begriff drin. Andererseits, ist das bewegte Leben, auch mal mit Auf und Ab, Höhen und Tiefen, nicht das, was ein Leben überhaupt erst lebenswert macht? Fürs Achterbahnfahren zahlt man woanders doch sogar Geld.
Wer nicht leidenschaftlich lebt, macht sich schon vor dem Lebensende zum Toten, sagen Typen wie Alexis Sorbas, während die Buddhisten ziemlich einhellig Gelassenheit predigen. Schon im alten Griechenland waren die Stoiker mehr für Gelassenheit, die Hedonisten mehr für den Genuss, der ja auch immer ein gewisses Risiko in sich birgt, und so sind auch die heutigen spirituellen Szenen diesbezüglich gespalten. Einerseits üben wir in uns zu ruhen, meditativ gleichmütig und unbeirrt von aufwallenden Gefühlen. Andererseits lieben wir die Höhen und Tiefen, die Intensität. Wie war denn dein letztes Seminar? »Oh, sehr intensiv! Es hat mich sehr bewegt. «Bewegt? Unsere Gefühle lassen uns nicht einfach dort, wo wir sind, sie bewegen uns. Deshalb werden die meisten von uns die Aussage »Es hat mich tief bewegt« eher positiv verstehen. Vielleicht bewegen uns die Gefühle sogar leidenschaftlich? Oder sollten wir das besser lassen?

Bewegung versus ruhende Mitte
Hier können ein paar Unterscheidungen helfen. Zunächst mal sind Gefühle und Emotionen offensichtlich etwas, das uns bewegt. In Emotion steckt die Bewegung (motion) schon im Wort drin. Ist Bewegung gut? Sie ist jedenfalls ein Kennzeichen des Lebens. Kinder bewegen sich oft hüpfend, so sehr freut sie die Bewegung, obwohl es doch Energieverschwendung ist, sich so von A nach B zu bewegen und nicht einfach geradeaus auf das Ziel zu. Ebenso ist auch Tanz Energieverschwendung und macht doch so viel Freude. Andererseits brauchen wir auch Ruhe, Stille, Unbewegtheit, das ist das Wesen der Meditation. Die unbewegt ruhende Mitte, das Hara, der Dantian ist Kern und Ausgangspunkt von Taiji, Qigong, Judo und all der anderen Kampfkünste.
Motiviert sein – auch hier treffen wir auf die Motion (von lat. motus, Bewegung) schon mitten im Wort. Motiviert sein heißt bewegt sein. Was uns motiviert, sind immer Gefühle. Gedanken allein bewegen einen Menschen nicht, sie lassen keine Taten folgen, deshalb ist es ja (leider) oft so, dass ein Mensch, der viel nachdenkt, nicht viel tut. Er mag sein eigenes Handeln und dessen Auswirkungen ziemlich gut erkennen – »Er ist reflektiert«, sagen wir dann – aber trotz all des Nachdenkens und tiefer Einsichten ist er damit noch lange nicht fähig, das Erdachte in die Tat umzusetzen, geschweige denn aufgrund seiner Einsichten seine Lebensweise zu ändern. Dazu braucht es Gefühle. Nur Gefühle bewegen uns, sie sind die Kraftquelle unseres Handelns. Warum heißt die Lokomotive so? Weil sie uns von einem Ort (lokus) zum anderen bewegt (von lat. movere, bewegen).

Gefühle und Werte sind der Antrieb
Ich glaube, dass wir für das Beobachten, Wahrnehmen und Verstehen die Stille brauchen, die ruhende Mitte, das Unbewegtsein. Fürs Handeln aber brauchen wir Motivation, Gefühle, Leidenschaft. Ein Leben ohne Ruhepol und Verständnis ist ohne Einsicht, richtungslos, chaotisch: »Wer nicht weiß, welchen Hafen er ansteuert, für den ist kein Wind der richtige«, schrieb einst der römische Dichter Seneca. Die Gefühle und Leidenschaften sind die Winde, die uns antreiben; ohne sie läuft nichts, aber ohne Richtung ist unser Leben ein Zickzackkurs. Nur die Stille, die ruhende Mitte weiß die Richtung. Die Wahrnehmung sollte wertfrei sein, emotionslos, still und ohne einschränkendes Urteil (bias), die Handlung aber braucht Antrieb, Werte, Gefühle, Leidenschaften, sie sind der Motor des Fahrzeugs, mit dem wir uns im Leben fortbewegen.

Retreats
Gefühle sind unser Energiereservoir, aus dem wir schöpfen. Sie sind jedoch nicht generell gut, in jeder ihrer Ausprägungen. Leidenschaften können Leiden schaffen, das ist nicht nur ein Wortspiel, sondern eine ernst zu nehmende Gefahr. Wut kann zerstören, bleibende Trauer in die Depression führen, leidenschaftliche Wertungen können zu bleibenden und ungerechten Verurteilungen führen. Insofern ist es verständlich, dass es unter Meditierern seit Jahrtausenden starke Traditionen des Rückzugs aus dem Weltlichen gibt, aus Gefühlen und Aktionen. Auch heute noch, in einer Zeit, da Spiritualität und Weisheit den Weg zurück zum Marktplatz gefunden haben und das Meditieren in der Bergeinsamkeit gerne als Flucht verspottet wird, ist »Retreat«, das moderne Wort für den Rückzug aus dem Weltlichen, Leidenschaftlichen, Bewegten, ein gängiger Begriff für einen Ort der Stille und Regeneration geblieben.

Die Einheit von Yin und Yang
Um die Einheit von Stille und Bewegung, Gelassenheit und Emotion, Ruhepol und Leidenschaft zu verstehen und die beiden Gegenpole zu integrieren, brauchen wir eine Veränderung des Standpunkts, einen Schritt auf die Metaebene. Wir brauchen einen Ort der Stille, von dem aus Bewegung erkennbar und steuerbar ist. Er kann als eine Art »höherer Warte« dienen, von der aus wir sehen können, ob Wut, Trauer und das Beurteilen von Umständen, Dingen und Personen im Sinne unserer Werte »gut« ist, hilfreich, zielführend. Die Stille selbst hat kein Ziel, sie ist anspruchslos. Von ihr aus kann man jedoch erkennen, ob eine Aktion zielführend ist.
Sorge deshalb dafür, dass du Gefühle hast, aber nicht die Gefühle dich haben. Das erste ist Motiviertheit, das zweite Besessenheit. Wenn du dir deiner selbst bewusst genug bist, dann dürfen die Gefühle auch stark sein; dann bist du stark motiviert und stark engagiert. Im Falle der Besessenheit sind starke Gefühle kein Bonus.

Emodiversity ist Trumpf
Gute Gefühle zu haben, macht stark und ist gut für die Gesundheit, das wissen wir längst. Neu ist die Forschung zur Gefühlsvielfalt oder Emodiversity. In Anlehnung an die Biodiversity, die ein wichtiger Faktor beim Überleben von Ökosystemen ist, wurde der Begriff der Emodiversity geprägt. Auch die Gefühlsvielfalt scheint für Individuen und entsprechend auch soziale Kollektive Vorteile zu haben, wie etwa die Arbeit des Psychologen Anthony Ong von der Cornell University in Ithaca zeigt. Durch einen Test mit 175 Versuchspersonen über 30 Tage fand er heraus: Je mehr unterschiedliche positive Gefühle die Teilnehmer hatten, desto geringer war die Konzentration von entzündungsfördernden Stoffen im Blut, und zwar unabhängig davon, wie stark die Gefühle waren. Also auch hier: Die Vielfalt bringt’s!

Hingabe
Fazit: Sei engagiert, motiviert, leidenschaftlich und dir dabei deiner selbst so bewusst, dass deine Gefühle dich nicht im Griff haben, sondern du sie. Hingabe? Ja, aber nicht an zum Beispiel einen Mordimpuls. Etwas in dir muss so ruhen, dass du die Richtung entscheiden kannst, in die deine Gefühle dich tragen. Sich guten Gefühlen hinzugeben ist das Schönste, was es gibt.



Wolf Sugata Schneider: Jg. 52, Autor, Redakteur, Kabarettist, 1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection, Blog: www.connection.de, Kontakt: schneider@connection.de, Workshops und Seminare auf www.bewusstseinserheiterung.info


Am 4./5. Mai gibt Wolf Schneider zusammen mit Dr. Stefanie Rinke von der Humboldt-Universität einen Orgasmus-Workshop in Berlin, Prenzlauer Berg. Info/Anmeldung: schneider@connection.de
web: http://www.connection.de