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Ausgabe März 2019
Kopf & Herz als Einheit ... von Wolf Sugata Schneider


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© Bulat_AdobeStock

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»Du bist aber ganz schön im Kopf« ist eine Standardaussage, die man in psychobewegten und spirituellen Kreisen immer wieder hört. Sie ist als Vorwurf gemeint. Man sagt das von Menschen, die einem als zu wenig herzlich oder zu wenig leidenschaftlich erscheinen. Man wird nicht warm mit ihnen. Sie haben scheinbar auf alles eine Antwort, drehen sich mit ihren Gedanken im Kreis, und es fühlt sich nicht richtig an, was sie sagen. Aber was heißt da eigentlich »zu wenig herzlich« oder »fühlt sich nicht richtig an«? Was genau fehlt da? Was ist es, das wir mit »Herz« meinen?
Ich finde es schwierig, das zu beantworten. »Aber … fühlst du es denn nicht?« werde ich dann gefragt. »Ja, doch, ich fühle es« sage ich, und weiß dabei doch, dass auch Gefühle sich irren können, nicht nur Gedanken. Und was eigentlich ist mit Gefühl, Herz, Bauch, Empfindung oder Intuition gemeint? Und was soll es heißen, dass etwas »nur mental« ist? Die Verschiedenheit dessen, was wir damit meinen, ist die Quelle von unendlich vielen Missverständnissen.

Gefühle und Gedanken
Ich versuche es jetzt mal so: Alles, was ich in einem Satz ausdrücken kann, ist ein Gedanke. Was ist dann ein Gefühl? Schmerz, Wut, Trauer, Ekel, Verzweiflung, Angst, Freude, Liebe, das alles sind Gefühle, und auch das, was dem nahe kommt oder aus Mischungen dieser Grundgefühle besteht wie Melancholie, Trägheit, Widerwillen, Stolz, Mut, Übermut, Jubel. Wenn wir eines dieser Gefühle in uns wahrnehmen, zum Beispiel Freude, kann dazu ein Satz entstehen, wie etwa: »Ich freue mich«. Dieser Satz drückt offenbar einen Gedanken aus, der ein Gefühl ausdrücken will. Es liegt eben alles sehr nah beieinander: Gefühle werden fast immer von Gedanken begleitet und umgekehrt. Die reine Form eines Gedankens ohne emotionale Ladung, ohne ein Gefühl, zu dem sich kein aussprechbarer Satz bilden ließe, das gibt es kaum.
Kann man Kopf und Herz überhaupt voneinander trennen? Es braucht doch alles, was wir tun, eine Motivation, das heißt einen Antrieb, ein leidenschaftliches Wollen, also Herzenergie. Und die dabei sich bildenden Strukturen werden »vom Kopf« gemacht. Form und Inhalt, Antrieb und Strategie, ich kann das kaum auseinanderhalten.
Auch Menschen, die auf die Frage, was sie denn gerade fühlen, keine Antwort wissen oder darauf sagen: »Ich denke, dass ich soundso fühle«, haben Gefühle. Gefühle wie etwa Angst (vor Gefühlen) oder Schmerz (bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage). Gefühllose Menschen gibt es nicht, auch wenn es zwischen uns Menschen große Unterschiede in der Wahrnehmung und dem Ausdruck von Gefühlen gibt.


Achtsamkeit
Wer einem Gedanken dabei zusehen kann, wie er auftritt und wieder verschwindet, ist davon nicht besessen. So ist es auch bei Gefühlen: Sie kommen und gehen wie Gäste einer Herberge. Wenn die Gäste wieder abgereist sind, ist die Herberge immer noch da, sie bleibt. Wenn wir uns nicht mit den Gästen, sondern mit der Herberge identifizieren, werden wir ruhiger, stiller. Wenn wir unsere Gefühle und Gedanken durchziehen lassen können, sind wir nicht von ihnen besessen, sondern besitzen sie – dann haben wir Gefühle und Gedanken, aber sie haben uns nicht. Dann erfahren wir Seelenfrieden, kehren ein, sind bei uns selbst, zentriert und gelassen. Es hilft, das innere Geschehen erstmal zu registrieren; es zu bezeugen, ohne es gleich zu beurteilen. Erstmal nicht zu werten, sondern nur Chronist zu sein. Erst dann, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, brauchen wir Bewertungen.
Gedanken können nur für Sekunden glücklich machen, dann sind sie weg. Gefühle halten länger, manchmal für Stunden oder sogar Tage, aber erst wenn wir beide, Gedanken wie Gefühle, nicht nur willkommen heißen, sondern auch gehen lassen können wie der Betreiber einer Herberge, werden wir still. Als ich einmal neun Monate in Thailand war, in diesem durch und durch vom Buddhismus geprägten Land, und mit den Menschen dort auch ein bisschen Thai sprach, fragten sie mich manchmal, wie es mir geht. Wenn ich dann sagte »Ich denke nach« oder »Ich bin in Gedanken« – in ihrer Sprache war das vom Klang her sowas wie »kit« – haben sie mich bedauert. Wer denkt, dem geht es nicht gut, so etwa hatten sie mich da interpretiert. Das passte zu meinem damaligen Verständnis des Buddhismus und von Spiritualität: Wenn es mir wirklich gut ginge, würde ich nicht mehr denken.

Die Integration
Um sich selbst gut zu beobachten, braucht man nicht zwischen Gedanken, Gefühl, Stimmung, Empfindung, Intuition und Gemütsregung zu unterscheiden. Die Trennung in Kopf (pfui) und Herz (hui) erscheint mir nicht als sinnvoll. Besser ist es, die mental-emotionalen Vorgänge erstmal als solche wahrzunehmen, und zwar genau dann, wenn sie auftreten. Das Feld, auf das wir unsere geistig-emotionale Energie fokussieren, zu weiten, es nicht zu sehr zu verengen. Damit machen wir uns selbst weiter, wir nehmen mehr »in unser Herz auf«. Das darf innerlich von Sprache begleitet sein, muss es aber nicht. Auch Schweigen ist gut. Wenn dann sprachliche Signale auftreten (Worte, Phoneme, Hinweisschilder, Gesten), können wir diese in unser Bewusstsein einbetten, das heißt ihr Kommen und Gehen »beherbergen«. Wir können für diese Signale Heimat und Hafen sein, die Schiffe aber auch wieder aus dem Hafen lassen, wenn ihre Zeit gekommen ist.
Das wäre dann eine Art von Integration. Die urteilende Spaltung in Kopf und Herz, Gedanken und Gefühle, schafft »schlechtes Karma«. Es ist ja der Kopf, der den Kopf verurteilt, eine liebevolle Annahme wäre besser. Wir sollten auch den viel gescholtenen Mind nicht verachten und das Ego nicht mehr prügeln, sondern einfach da sein mit alledem – als Herbergsvater oder -mutter unsere Gedanken und Gefühle.

Herzlich – dein Leben
Eigentlich ist es ganz leicht. Es geht darum, sich selbst anzunehmen und auch alles, was damit zusammenhängt. Alles? Das ist viel! Denn »ich« hänge körperlich wie geistig mit allem zusammen. Das Ich ist eine soziale Konstruktion, die mit allem anderen Sozialen verbunden und verwoben ist, mit der ganzen Gesellschaft, eigentlich ist es ein Partikel der Gesellschaft. So wie der Körper mit allem, was er isst und wieder von sich gibt, mit dem ganzen materiellen Universum zusammenhängt, gilt das auch für die geistige, mentale und emotionale Struktur des Ich. Kein Teil des Ich ist »mein Eigen«, auch wenn das Gebilde dieses Ich als Ganzes einzigartig ist, es gibt im ganzen Universum davon kein zweites, das ihm gleicht.
Wenn ich dieses Ich wie eine Zelle im Organismus als Teil eines größeren Ganzen verstehe, dann bin »ich« immer verbunden, nie allein und löse mich im physischen Tod in Strukturen auf, die weiterleben, nur eben nicht als das, was ich einst war. So einfach ist das – im Kopf. Für die Lebenspraxis aber braucht es das Fühlen dieser Verbundenheit in allen Bewegungen des Tagesablaufs, rund um die Uhr, rund um die Woche, 24/7, lebenslang. Das eine »herzliche« Lebensweise zu nennen würde das Allerweltswort des Herzens doch endlich mal mit Sinn füllen.



Wolf Sugata Schneider Jg. 52, Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de, Kontakt: schneider@connection.de
Workshops und Seminare auf www.bewusstseinserheiterung.info


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