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„Sauberes Fleisch“ ... von Paul Shapiro


Bereits 1931 hat Winston Churchill, der spätere britische Premierminister, geäußert: „Es ist absurd, ein ganzes Huhn aufzuziehen, nur um seine Brust oder die Flügel zu essen; lasst uns diese Teile einzeln züchten, in einem geeigneten Medium“.

Die industrielle Tierhaltung und deren Tötungsmethoden stehen unter erheblichen Druck und werfen schon viele Jahre ethische Fragen auf. Außerdem schadet die herkömmliche Fleischproduktion dem Klima erheblich. Es wird geschätzt, dass zwischen 15 und 20 Prozent aller Treibhausgasemissionen aus der Viehzucht stammen.

Paul Shapiro, Vizepräsident für Strategieumsetzung bei der Humane Society of the United States, der weltweit größten Tierschutzorganisation, schreibt in seinem aktuellen Buch „Sauberes Fleisch“ über die Idee, die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe.

Was ist „Sauberes Fleisch“?
„Sauberes Fleisch“ steht synonym für Fleisch, das außerhalb der Tiere hergestellt wird. Die Produzenten von „Sauberem Fleisch“ vergleichen dies mit dem Prozess des Bierbrauens. Nachdem die Tierzellen im Labor vorbereitet wurden, wachsen sie bei optimalen Bedingungen in Behältern, die ähnlich denen der Bierbrauereien sind, zu Fleisch.

Esse Fleisch, nicht die Tiere
An die Möglichkeiten der Fleischzucht ohne Tiere, sind keine Grenzen gestellt – ob Steaks (Muskelfleisch), Entenbrust oder Enten-Pâté, Hühnerbrust, Thunfisch. Alles fängt mit einer spezifischen Tierzelle an – entweder einer Muskelzelle oder einer Stammzelle. Neben Fleisch werden auch Leder, Seide und begehrte Nashorn- und Elefantenhörner aus einer einzigen Zelle hergestellt. Neben diesen Produkten, die man Zellulare Agrikultur (Zell-Technik) nennt, gibt es auch die A-zellulare Agrikultur (Fermentation), die es ermöglicht, Milch ohne „muh“ und Eier ohne Huhn herzustellen. Bei diesen Produkten machen Bakterien und Pilze die Arbeit, ähnlich wie bei der Labherstellung für Käse oder der Insulinherstellung für Diabetiker.

Wurden anfangs für die Fleischproduktion noch tierische Fleischzellen verwendet, fand man auf Druck von Tierschützern schnell eine Alternative.

So ist es möglich, Geflügelfleisch aus einer Stammzelle herzustellen, die an der Basis einer Hühnerfeder entnommen wird, nachdem das Huhn die Feder auf natürliche Weise in der Wiese verloren hat.

Dass es überhaupt zu „Sauberem Fleisch“ gekommen ist, verdanken wir dem niederländischen Forscher Willem van Eelen, der durch traumatische Erfahrungen und zufälligen Geschehnissen, plötzlich die Lösung vieler weltzerstörender Probleme vor Augen sah – Fleisch für die Ernährung herstellen, aber ohne Tiere zu töten.

Getrieben durch das schreckliche Tierleiden in der Nutztierwirtschaft und die Umweltzerstörung fing anfangs dieses Jahrhunderts eine kleine Gruppe junger Menschen an, sich für „Fleisch ohne die Tiere“ zu interessieren. Es wurde wild im Internet gesurft und einzelne Artikel von damals noch unbekannten Forschern brachten Hoffnung und Licht in die Herzen der Suchenden. Der große Durchbruch kam 2014, als Mark Post, ein niederländischer Forscher an der Universität Maastricht, als Erster aus Kulturfleisch gezüchtete Hamburger in London der Weltöffentlichkeit vorstellte. Der Preis, der sich aus dem Forschungsbedarf ergab, betrug damals 330.000 USD pro Hamburger.

Nach dieser Präsentation horchte die Welt auf, und die Fronten teilten sich. Die Gegner (Fleischlobby) nannten den ersten Burger „Frankenburger“ oder statt Fleisch „Schmeisch“ (schmeat). Die junge anwachsende Forschergemeinschaft war jedoch begeistert. Viele neue Ideen schwirrten durch die grauen Zellen der Studenten. Über das Internet traf man sich, um die Ideen ausreifen zu lassen.

Als die ersten Start-ups gegründet wurden, dauerte es nicht lange, bis das erste Kapital durch einflussreiche Finanziers floss. In vielen Schichten der Gesellschaft hatte man den Vorteil von Kulturfleisch gegenüber konventioneller Tiermasthaltung für Tier und Umwelt erkannt.

Bei einer stetig wachsenden Menschheit und reicher werdenden „Drittweltländern“ wird sich der Fleischkonsum bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Willem van Eelen hatte Jahre zuvor berechnet, dass, wenn alle der geschätzten Menge an chinesischen Menschen anfangen würden, Fleisch zu essen, würden 4 Planeten wie die Erde für den Anbau der Tiernahrung gebraucht.

Etwa 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen werden heute für den Anbau von Tiernahrung verwendet bei einer aktuellen Zahl von einer Milliarde Rindern. Stellen Sie sich nun vor, wenn diese Zahl sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln würde. Es wäre nicht genügend Land und Wasser vorhanden, und das Ökosystem droht irreversibel geschädigt zu werden. Laut UN-Berichten sind für die Zucht von einem Kilo Rindfleisch fast 16.000 Liter Wasser erforderlich, und es werden etwa 18 Prozent der Treibhausgase von Tieren erzeugt, 40 Prozent Methan und 60 Prozent Stickstoffoxid, die 25- und 60-mal schädlicher sind als CO2.
Alleine in den USA werden aktuell 35 Millionen Rinder und neun Milliarden Hühner jährlich zu Essenszwecken geschlachtet. Rechnet man die Puten dazu, verenden in den Schlachtöfen jeden Tag, jede Sekunde, rund um die Uhr, fast 300 Vögel. Wenn man die Aquakultur mit in die Massentierhaltung einbezieht, übertreffen die Fische sogar die Hühner.

Zuchtfleisch, Laborfleisch, „Sauberes Fleisch“
Für eine gute Verbraucher-Akzeptanz musste für das Laborfleisch ein möglichst natürlich klingender Name her. Nach vielen Umfragen einigte man sich auf „Clean Meat“ („Sauberes Fleisch“), denn der Unterschied zu „normalem Fleisch“, so argumentierte man, ist, dass Kulturfleisch wirklich viel sauberer ist als das herkömmliche Fleisch. Kulturfleisch enthält keine Rückstände von Antibiotika oder Hormonen. Dabei ist es klinisch sauber und man findet keine Kolibakterien oder Salmonellen auf dem frischen Fleisch, wie das bei konventionellem Fleisch in den Gefriertruhen oft nachgewiesen werden kann.

Hat „Sauberes Fleisch“ eine Chance?
Addieren wir die Seuchen der letzten Jahre, wie die der Schweine- und Vogelgrippe, BSE und die regelmäßig ans Tageslicht tretenden Skandale aus der Nahrungsindustrie mit dem Tierleiden und den Umweltverschmutzungen der Tiermastbetriebe, dann kippt die Waage schon schnell in Richtung Vorteil von „Sauberem Fleisch“.

Die Verwirklichung von „Clean Meat“ ¬ „Sauberes Fleisch“ kann eine Zukunft bedeuten, in der Antibiotika hauptsächlich der Humanmedizin vorbehalten sind, statt eines gebräuchlichen Futtermittelzusatzes für Nutztiere. Eine Zukunft, in der Fleisch weitaus freier von gefährlichen Bakterienkontaminierungen ist und in der die Nutztierwirtschaft nur noch einen kleinen Bruchteil der heutigen Umweltschäden verursacht. In der Weiden und riesige Mais- und Sojafelder wieder zu Wäldern und Feuchtgebieten werden, und Schlachthöfe Fleischbrauereien weichen. Vielleicht werden wir bald Fleisch, Eier, Milch und Leder ohne Schuldgefühle genießen können, wenn wir an das Leben und Sterben vieler Tiere denken, deren Schicksal es ist, Essen und Kleidung zu werden.

Die Unternehmen der zellularen Agrikultur haben letztendlich alle die gleichen Ziele. Sie gehen das Problem der Nutztierwirtschaft unterschiedlich an. Jeder der Start-ups ist davon überzeugt, dass sein bestimmter Schwerpunkt wichtig und vielversprechend ist. Jeder hat die Vision, die zellulare Agrikultur zu nutzen, um effizient, nachhaltig und human eine wachsende Bevölkerung ernähren zu helfen. Ihr Ziel, eine Welt, in der Fleisch und andere Tierprodukte ohne das Tierleiden hergestellt werden, ist eine ehrgeizige Vision, doch haben wir nicht alle eine ähnliche Vision?

Meine Vision:
In einigen Jahren werden wir mit Abscheu zurückschauen auf die Jahre, in denen wir Tiere wie Sklaven behandelten und in Käfige sperrten. Wahrscheinlich werden unsere Kinder fragen, ob wir tatsächlich Tiere zum Essen mästeten.



Paul Shapiro ist nicht nur einer der weltweit ersten Konsumenten von „Sauberem Fleisch“, sondern auch Vizepräsident für Strategieumsetzung bei der Humane Society of the United States, der weltweit größten Tierschutzorganisation. Als TEDx-Referent, Gründer von Compassion Over Killing und Mitglied der Animal Rights Hall of Fame hat Shapiro dutzende Artikel über Tiere in Publikationen von Tageszeitungen bis hin zu wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Mehr über seine Arbeit und Kontaktangaben zu ihm finden Sie auf www.paul-shapiro.com.

Buchtipp:
Paul Shapiro: Sauberes Fleisch, JHV, 236 Seiten, 21,95 Euro, ISBN: 9789088791833