aktuelle Seite: Artikel   

Mit Taiji Spannungen im Körper, in der Psyche und im Fasziensystem lösen. Ein Interview von Annegret Mess mit Jürgen Lütke-Wenning


art95317
© Microgen_AdobeStock

Vergrößern hier klicken.
Annegret Mess: Jürgen, ein Zitat von dir lautet: "Willst du nur entspannen, dann geh Enten füttern! Was willst du uns damit sagen?
Jürgen Lütke-Wenning: Im Taiji geht es nicht um Entspannung in dem Sinn, dass die Struktur erschlafft. Erschlaffung hat keine strukturelle Ausrichtung mehr und keine Stabilität. Im Taiji sucht man eher eine Art "Wohlspannung".

Für deine Art zu unterrichten hast du neue Begrifflichkeiten gebildet, zum Beispiel "Larzen", "Schnalzen", "Bouncen" – zum Teil sind es Neubildungen. Inwiefern war es notwendig, neue Begriffe zu erfinden und was bedeuten diese Begriffe?
Wenn man Bewegung mit Begriffen erklären möchte, dann verknüpft man das eigene Empfinden mit dem Begriff. Ich verwende gerne eigene Wortkreationen oder Begriffe, die man üblicherweise nicht kennt. Dann kann man die neuen Erfahrungen, die man macht, mit diesen Begriffen assoziieren.

Was bedeutet zum Beispiel "Larzen"?
Larzen ist eine eigene Wortkreation. Sie kommt von „lang“ und „kurz“: „la“ von lang und „rz“ von kurz. Diese Technik nutzen wir, wenn wir die Faszien direkt ansteuern, d. h. wir ziehen die Faszien teilweise in die Länge, also wir dehnen direkt die Faszien, und gleichzeitig ziehen wir sie auch noch kurz. So kann man den Spannungstonus innerhalb der Faszie verändern. In vielen Systemen verwendet man Metaphern, um ein Gefühl zu erzeugen, aber dass man bewusst die Faszie direkt ansteuern kann, das ist meiner Meinung nach nicht bekannt.

Du hast einmal gesagt, dass die Faszien mit dem autonomen Nervensystem verbunden sind und das autonome Nervensystem wiederum mit dem Unbewussten. Die Arbeit mit den Faszien scheint somit eine „Tiefendimension“ zu erreichen, die uns auf den ersten Blick nicht zugänglich ist.
Wissenschaftler haben mittlerweile festgestellt, dass Faszien sich verkürzen, aber auch längen können. Mit dem „Oberflächengeist“ kann man sie aber nicht ansteuern. Dazu muss man sich dieser Strukturen bewusst werden. Im Taiji möchte ich bewusst in den unterbewussten Bereich eintreten, um dann Spannungen im Körper, in der Psyche und im Fasziensystem zu lösen.

Du sagtest auch einmal, Faszien können Energie speichern.
Wenn wir die Faszien, Bandstrukturen, Gelenkkapseln immer mehr zu elastischen „Powergummis“ umwandeln, dann können wir mit Hilfe der Schwerkraft bei jedem Auftreffen des Körpers auf den Boden in der gesamten faszialen Kette des Körpers Energie speichern und dann auch wieder abgeben. Dazu braucht man natürlich eine gewisse Durchlässigkeit im Körper. Und da stagnieren viele Taiji-Übende meiner Meinung nach, weil sie versuchen, zu sinken und zu entspannen, haben aber gar nicht das “Material” dafür, um diese elastischen Kräfte zu speichern und sie zu entwickeln, weil noch so viele Blockaden vorhanden sind.

Das fasziale System steht bei mir am Anfang der Ausbildung, um die Faszien bewusst ansteuern zu können und einen tiefen Geisteszustand zu entwickeln. Später wird der Energiefluss im gesamten Körper mit dem faszialen System verbunden; die Meridiane und die Energiekanäle verlaufen durch die Faszien und das Bindegewebe. Wenn man sich dann vorstellt, dass die meisten Schmerzrezeptoren sich in den Faszien befinden und die meisten Sensoren für unsere Psyche, dann lohnt es sich umso mehr, das fasziale System und vor allem das fasziale Stützsystem des Körpers aufzubauen, sodass wir überhaupt eine Basis haben, um auf einer tieferen Ebene arbeiten zu können.

Das fasziale Stützsystem ist quasi die Kernachse unseres Körpers. Wenn es gelingt, dieses Stützsystem bewusst anzusteuern, dann fühlt sich das wirklich so an, als wenn man kein Gewicht mehr hat und als wenn man eher hängt anstatt mit Gewicht auf den Boden gedrückt wird. Dann wird Taiji wirklich ein "Schwimmen in der Luft", so wie es in den Klassikern geschrieben steht, und es ist nicht nur irgendeine Metapher, die sehr vage bleibt.

Wie bist du überhaupt zum Taiji gekommen? Soweit ich weiß, bist du Physiotherapeut. Aber du hast nicht als Physiotherapeut begonnen.
Nach der Schule habe ich erst einmal eine Handwerkslehre gemacht, wollte dann aber unbedingt zur Bundeswehr, zur Kampftruppe. Ich war bei der Panzertruppe und habe dann gegen Ende der Bundeswehrzeit eine Einzelkämpferausbildung durchlaufen. Und da habe ich dieses Extrem erleben können, was den psychischen Druck und den inneren Zustand angeht.
Damals habe ich aber gefühlt, dass das alles gar nicht zu mir passte. Nach der Bundeswehr bin ich dann direkt in die Physiotherapie-Schule gegangen, danach von der Bundeswehrkampftruppe mit Ausbildung zum Einzelkämpfer direkt zur Sport- und Gymnastikschule nach Waldenburg. Das war natürlich ein krasser Wandel. Und da habe ich dann auch meinen späteren Lehrer kennengelernt, Rolf Krizian, und ich habe begonnen, Taiji zu lernen. Das hatte zwar immer noch mit Kampf zu tun und dem Krieger sein, aber Taiji hat eine ganz andere geistige Dimension.

Inwiefern steht dein Taiji in Bezug zu den chinesischen klassischen Schriften? Und inwieweit ist es vielleicht „verwestlicht“ oder eher eine eigene Methode von Jürgen Lütke-Wenning?
Die klassischen Schriften sind von Taiji-Meistern verfasst worden, die außerordentliche Fähigkeiten erreicht hatten. Die Übersetzungen vom Chinesischen ins Englische und danach ins Deutsche sind oft ungenau, vage. Man versteht dann die Worte nicht wirklich. Nehmen wir einmal den Begriff der Entspannung: Im chinesischen Wortgebrauch bedeutet „Fang Song“ Entspannung, aber nicht im Sinne von völlig lockerlassen, sondern Fang Song bezeichnet, wie ich eingangs sagte, eine gewisse Qualität der Wohlspannung. Und da sehe ich meine Aufgabe, diese Ansätze so "herunterzubrechen", dass der Anfänger die Bewegungsprinzipien versteht und methodisch und didaktisch richtig geführt wird.

Und dies auf der Basis der funktionellen Anatomie?
Auf der Basis der funktionellen Anatomie und der Kenntnisse über das Fasziensystem. Denn wir steuern die Faszien direkt an. Es macht einen wesentlichen Unterschied, ob ich eine Faszie bewusst ansteuere, sie aufspanne und dann die Muskulatur kontrahiere oder nicht. Deswegen ist es so wichtig, das fasziale System an den Anfang zu stellen, damit alle weiteren Stufen darauf aufgebaut werden können.

Die Elastizität von Faszien kann man ein Leben lang verbessern, im Gegensatz zur Muskulatur, wo man irgendwann an körperliche, vom Alter abhängige Grenzen stößt. Je älter man wird, desto mehr Aufwand muss man betreiben, um Muskulatur von der Kraft her auf einem gewissen Niveau zu halten. Die Funktionalität von Faszien hängt von anderen Faktoren ab. Die Wahrnehmung und die bewusste Ansteuerung der Faszien kann verfeinert werden und dadurch kann mehr Leichtigkeit und Elastizität erfahren werden, unabhängig vom Alter.


Jürgen Lütke-Wenning ist Physiotherapeut und Entwickler der Osflow-Methode. Er möchte als Taiji-Leher das Taiji nicht nur an eine kleine elitäre Gruppe vermitteln, er möchte diese Kenntnisse jedem zur Verfügung stellen, um schon mit dem Grundwissen zu erlernen, bewusst die Faszien anzusteuern und ein Wohlgefühl zu erreichen. Weitere Infos unter www.osflow-methode.de


Schnupperworkshop Taiji/Qigong nach der Osflow-Methode am 17.2.2018 von 10:00 bis 15:00 Uhr in der Tanzfabrik Studio Nr. 3, Möckernstr. 68, Kosten 40 Euro für Workshop und Videomaterial. Die Teilnahme ist nur mit Anmeldung möglich unter Osflow.Berlin@gmail.com oder 030.8737961. Infos unter www.osflow-methode.de
web: http://www.osflow-methode.de