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Ausgabe Februar 2019
Dem Körper folgen, der Seele folgen ... von Sabine Rippe


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© Ezume Images AdobeStock

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Ein Löwe liegt faul auf einem umgestürzten Savannenbaum, er döst. Plötzlich reißt er sein Maul weit auf. Die Kiefer dehnen sich maximal, ein riesiger Schlund wird sichtbar und eine ganze Reihe scharfer Reißzähne. Was der Löwe da macht? Er gähnt, und das völlig ungeniert und ungehemmt! Er darf gähnen, wann und solange er will, wer sollte ihn auch daran hindern. Er folgt einfach seinem Körper, er ist ganz Körper. Bei uns Menschen ist das etwas anders. Wir lernen bereits in der Kindheit, unseren Körper zu kontrollieren und Reflexe zu unterdrücken, z. B. die Lippen fest aufeinander zu pressen, wenn wir nicht gähnen, weinen, lachen oder reden sollen. Wir sind in der Lage, bis zu einem gewissen Grad aufsteigende Gefühlsäußerungen in den Körper zurückzudrängen und uns von ihm abzuspalten.

Verkörperte Gefühle
Gefühle sind immer verkörpert, man bezeichnet dies als Embodiment. Es meint die Tatsache, dass ich kein Gefühl fühlen kann, ohne nicht auch zugleich eine dazugehörige und spezifische körperliche Empfindung zu haben. Wut beispielsweise lokalisieren die meisten Menschen in ihrem Bauch. Von dort kann sie sich ausweiten und nach oben in Brustkorb, Schultern, Arme und den Hals wandern. Andere beben, zittern oder vibrieren stark vor Wut, sie erleben dieses Gefühl ganzkörperlich. Ebenso sind auch Liebe, Enttäuschung, Scham oder Angst körperliche Erlebnisse – ohne Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen oder weiche Knie würde es uns sehr schwerfallen, unsere Gefühle wahrzunehmen und zu erkennen.
Nicht immer können wir sofort eine Antwort geben, wenn man uns nach unseren Gefühlen fragt, denn oft gehen ähnliche körperliche Reaktionen mit unterschiedlichen Emotionen einher. Herzklopfen kann bei Verliebtheit, Vorfreude, Angst, Erwartung oder Lampenfieber auftreten. Auch Tränen können ganz verschiedene Ursachen haben: Freude, Wut, Enttäuschung, Glück, Rührung, Erleichterung oder Entspannung kann Weinen auslösen, es müssen nicht immer Trauer und Schmerz dahinter stehen. Der Körper bedient sich also gleicher Kanäle, um Verschiedenes zum Ausdruck zu bringen.

Körper-Worte und Selbstregulation
Lachen, Weinen, Zittern, Schwitzen und vieles mehr sind wie Worte, die die Sprache des Körpers symbolisieren. Sie stellen Äußerungen dar, eine Art Vokabular, durch das der Körper seine innere Verfassung nach außen hin artikuliert und dem Bewusstsein zugänglich macht.
So können wir uns umfassend über uns selbst und das Leben in uns und um uns orientieren, wir sind immer „up to date“ und treffen auf dieser Grundlage Entscheidungen, machen Pläne, gestalten Beziehungen.
Die Sprache des Körpers erfüllt noch eine andere, elementare Funktion: Über das Ausagieren von Gefühlen wird Anspannung abgebaut. Dadurch können gleichermaßen Gefühls- und Energiehaushalt reguliert werden. Selbstregulation ist eine Strategie des Körpers, durch die er immer wieder zum seelisch-körperlichen Gleichgewicht zurückfinden kann.
Dass wir unsere Gefühle unterdrücken können, ist eine überlebenswichtige Fähigkeit, mit der uns die Evolution ausgestattet hat. Es ermöglicht uns, in Gefahrensituationen blitzschnell zu handeln, auch wenn wir emotional gerade ganz woanders stehen. Wenn nun das Ignorieren und Unterdrücken von Gefühlen sowie den dazugehörigen Verkörperungen oft und regelmäßig wiederholt wird, besteht das Risiko, dass aus dem bewussten Verdrängen eine Gewohnheit entsteht. Gewohnheiten haben die Tendenz, ins Unbewusste abzusacken, sich dort zu verselbstständigen und als automatisches Verhaltensmuster wieder nach außen zu treten.
Der Ursprung solcher Unterdrückungs-Automatismen kann bis in die früheste Kindheit zurückreichen, wenn Eltern die Gefühle ihres Kindes nicht zulassen konnten, für Wut, Weinen, Lachen oder Lebensfreude kein Raum war. Kontaktverlust und Entfremdung vom eigenen Körper können dann die Folgen sein, ohne dass das Kind – und später der Erwachsene – sich dessen bewusst ist. Der Körper wird zu einem Unbekannten, dessen Signale nur noch verzerrt oder gar nicht mehr gehört werden – und da man nicht weiß, wie es anders sein könnte, wird das als Normalität empfunden.
Kommt nun eine Krankheit hinzu, ein Konflikt, ein traumatischer Schicksalsschlag oder Beziehungsprobleme, kann es zu einem Kollabieren von Körper und Psyche kommen oder zu Depression, Burnout, Sucht oder psychosomatischen Beschwerden. Der Körper ist nicht mehr widerstandsfähig, resilient, ihm fehlt die zentrale Fähigkeit, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sie intensiv zu spüren, sie sich verkörpern zu lassen und mit Lebendigkeit zu füllen. Dann bleiben die Gefühle und alle direkt damit verbundenen Anspannungen im Körper stecken, werden da gespeichert und können nicht mehr reguliert werden. Daher fühlen sich viele Menschen in solchen Situationen so ohnmächtig. Es ist ein direktes Ergebnis ihrer körperlichen Realität, der nicht mehr vorhandenen Fähigkeit, proaktiv die Situation zu durchfühlen, zu durchleben und mithilfe ihrer Körpersprache zu regulieren.

Der gefühlte Körper
Heute gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, die den Körper als Ausgangspunkt des therapeutischen Prozesses wählen. Sie werden meist unter dem Oberbegriff „Körperpsychotherapie“ zusammengefasst. Sie setzen nicht direkt bei den Symptomen an, sondern haben das Ziel, die Regulationsfähigkeit und die darauf basierenden Selbstheilungskräfte des Körpers neu zu aktivieren. Ins Unbewusste gerutschte Verhaltens-Automatismen wie Verdrängen oder Ignorieren von Gefühlen, daraus resultierende Anspannungen in Muskeln und Faszien, aber auch Gefühle, die jahrelang nicht gefühlt wurden, werden durch unterschiedliche Methoden sichtbar gemacht, um sie anschließend aufzulösen. Archetypische Bewegungen wie Schütteln und Zittern werden beispielsweise erfolgreich in der Traumatherapie eingesetzt. Jahrhunderte alte Heilungstänze wie die Tarantella helfen, Gefühlsprozesse zu initiieren und Wut, Angst und Schmerz aus dem Körper herauszutanzen, sodass neue Gefühle Raum bekommen können. Auch Massagen, Stimm-, Atem- und Rhythmus-übungen bergen Potentiale für tiefgreifende Veränderungen und bieten die Möglichkeit, Verhaltensweisen zu erlernen, die Körper, Seele und Geist umfassend stärken und ein neues Lebensgefühl vermitteln.
Wer eine solch umfassende Therapie erfolgreich durchläuft, hat die große Chance, ein anderer Mensch zu werden: Ein Mensch, der in seinem Körper ein Zuhause gefunden hat und mit sich und der Welt in lebendiger Resonanz ist.



Sabine Rippe M.A., Heilpraktikerin für Psychotherapie, Tanztherapeutin HKIT® i.A., Tanzpädagogin HKIT®, Dozentin für Tanztherapie, Studium Philosophie und Linguistik. Schwerpunkte: Der Bewegung des Herzens folgen, Tanz in der Natur. Weitere Infos auf www.tanz-ursprung.de


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