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Ausgabe Februar 2019
Den Sinn von Sprache enttarnen. Wie Symbole und Zeichen uns führen und verführen ... von Wolf Sugata Schneider


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Die Rolle, die Sprache in unserem Leben spielt, ist so fundamental, dass man sie leicht übersieht. In der Tiefe und oft unbemerkt wirkt sie mächtiger als Philosophie, Politik, Religion, als jede einzelne Ideologie und jedes Heilsystem, denn sie bestimmt uns von Kindheit an dauerhaft und prägend. Mit »Sprache« meine ich jetzt nicht eine bestimmte Verbalsprache wie Deutsch oder Englisch oder unsere Kompetenz in einer dieser Sprachen, sondern die Wirkung, die Symbole und Zeichen auf uns Menschen haben, egal über welchen Sinneskanal sie vermittelt werden.
Im engeren Sinn ist eine Sprache ein System aus Buchstaben, Worten oder anderen visuellen Zeichen wie etwa den Gebärden der Taubstummensprachen oder aus akus-tischen Signalen wie Phonemen, Klick- oder Pfeiflauten, mit grammatikalischen Regeln. Ein System, das bezweckt, Botschaften zu überbringen zwischen einem Sender und einem Empfänger. Im weiteren Sinne ist Sprache jedes Ding oder Ereignis, das für etwas anderes als für sich selbst steht und insofern »Bedeutung hat«. Computercodes, Straßenverkehrszeichen, auch Musik und Tänze sind demnach visuell, auditiv oder kinästhetisch vermittelte Sprachen, sogar Shiatsu und Akupunktur könnte man als taktil spürbar vermittelte Sprachen verstehen, ähnlich wie taktile Gebärden für taubblinde Menschen Sprachmittler und Brücke in die seh- und hörbare Welt sind. Vielleicht sind sogar die Globuli der Homöopathie eine Sprache, da sie ja nicht im physikalischen Sinn wirken, als »verum«, wohl aber im Kontext ihrer Verabreichung, also systemisch.

Abgesondert vom Hier-und-Jetzt
Der Gründungsmythos der drei westlichen Religionen, die sich auf Abraham beziehen, enthält die Geschichte vom Sündenfall. Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis und mussten dann das Paradies verlassen, in dem alles gut war. Sie müssen leiden, bis sie den Baum des Lebens gefunden haben, heißt es, um davon zu essen und im Irdischen Erlösung zu finden. Den Mythos des Sündenfalls verstehe ich als Gleichnis für die Erfindung von Sprache, weil wir durch sie aus der naiven 'Hinnahme der Dinge, wie sie sind' herausfallen und übergehen zu einer Zuweisung von Bedeutung an Dinge und Ereignisse, die dann für etwas anderes gehalten werden, als sie sind. Solche Zuweisung ermöglicht uns Wissen über die Welt ohne in Echtzeit vor Ort zu sein. Zugleich führt Sprache uns aber auch weg vom Hier-und-Jetzt, in die Fantasiewelten dessen, was wahr gewesen ist (Vergangenheit) oder wahr werden könnte (Zukunft) oder wahr sein könnte (Fiktion, Fantasie, Kunst). Ein Sündenfall ist es insofern, als Sprache uns vom Ganzen absondert – das Wort »Sünde« geht etymologisch auf »absondern, abtrennen« zurück.
Sprache ist absondernd, aber zugleich auch Basis jeglichen Wissens, jeglicher Kultur und Kommunikation, aller Kunstformen und jeglicher zivilisatorischer Weiterentwicklung, sie ist Basis von Ethik, Recht, Wissenschaft und Technik, die ja nicht ohne Wissensvermittlung auskommt. Die Entstehung von Sprache und damit der Auszug aus dem Paradies des Hier-und-Jetzt vollzieht sich in jedem Kind neu. Wissensdurstig und faszinierbar erlernen Kinder in rasantem Tempo die Bedeutung von Dingen und Ereignissen wie den Lauten einer Sprache und beginnen eigenmächtig Dingen Bedeutung zuzuweisen, Geschichten zu erfinden und einander Wahrheiten und Unwahrheiten zu erzählen.

Körpersprache
Die meisten Menschen fasziniert es, den Körper sprechen zu lassen, ohne dabei Worte zu verwenden, so wie das in der Pantomime geschieht und in der Sufi-Praxis des Gibberish (Brabbeln). Gestik, Mimik, Wortmelodie und die Haltung des Körpers vermitteln einen Großteil der Botschaft auch beim verbalen Sprechen. 80 Prozent der Bedeutung würden auf diese Weise vermittelt, sagen Coaches gelegentlich und überlassen es unserer Fantasie, wie dies denn gemessen werden könnte. Jedenfalls beeindruckt uns Körpersprache auch subliminal, unterhalb der Schwelle der bewussten Wahrnehmung.
Als sprachliche Signale des Körpers im weiteren Sinne werden auch Krankheitssymptome verstanden. Übrigens ebenso Gesundheitssymptome, auch die kann man deuten, und ist damit näher an der Salutogenese, dem Favorisieren von Gesundheit zum Zweck der Heilung. Unser körperlicher Zustand »will uns etwas sagen«. Er spricht dabei nicht in Worten, sondern zum Beispiel über die Haut oder den Darm, zwei Bereiche, die psychosomatisch besonders ausdrucksstark sind. Eine Schulbuch-Interpretation dieser Signale, wie sie in Lexika zur Interpretation von Symbolen angeboten wird, sollten wir jedoch mit Skepsis betrachten, denn jeder Körper ist anders, und wer eine Wahrheit verdrängen oder ein Symptom rationalisieren will, schafft das auch über Körpersignale. Der Körper lügt nicht? Schön wär’s. Der Körper kann genauso gut lügen wie die Zunge, die ja ebenfalls zu unserem Körper gehört.

Sinn finden
»Den Sinn« eines Zeichens zu verstehen, ist unmöglich. Sinn ist immer aktuell neu kreiert, gegenwärtig erfunden, kontextabhängig und in seiner existenziellen Tiefe ein Irrtum, weil er wegführt vom Zeichen, hin zu einer ihm gegebenen, immer auf wackligen Beinen stehenden Bedeutung. Fakt ist das Zeichen, fiktiv die Bedeutung, die es im Empfänger auslöst und die jeder Empfänger auf individuell andere Art in das Zeichen »hineinsieht«.
Sinn zu finden, ist deshalb nie nur eine Entdeckerleistung. Es ist nie nur das Finden von etwas schon Vorhandenem, sondern immer auch etwas Schöpferisches. Selbst beim Zuhören oder Lesen eines Textes in einer dir gut bekannten Sprache bist du schöpferisch und musst es sein. Noch viel schöpferischer musst du im Finden deines Lebenssinns sein, denn der liegt nicht so im Verborgenen wie der Goldschatz auf einer Seeräuberinsel oder die von einem Wissenschaftler gesuchte Formel oder die in einer südindischen Palmblattbibliothek dir mysteriös zugewiesenen Zeichen. Den Lebenssinn musst du dir selbst erschaffen.

Jeder dir von anderen zugewiesene Sinn ist nur ein systemischer Ballast. Diesen Ballast abzulegen oder auch nur damit in Frieden zu sein, ist für uns alle eine Lebensaufgabe. Den meisten gelingt das nur unvollständig.

Beheimatung in einem Heilsystem
Ein großer Teil der Wirkung der Methoden eines Heilsystems hängt davon ab, ob du darin beheimatet bist. Wenn ich Homöopathika nehme, ist die Wirkung null. Ich erfahre da nicht einmal eine Erstverschlechterung (schluchz). Andere, die in diesem Heilsystem beheimatet sind, erzählen mir von grandiosen Wirkungen. Sie fühlen sich in der Homöopathie wohl, glauben der Theorie von Samuel Hahnemann und vertrauen seinen Methoden. Wenn du andererseits der Schulmedizin vertraust, kann auch der Weißkittelschamane dir helfen. Wenn nicht, bist du vielleicht eher woanders beheimatet, im Ayurveda, TCM oder sogar bei den Bachblüten. Dann hilft dir das besser, vor allem bei psychosomatischen und chronischen Symp-tomen. Den Bruch eines Oberschenkelknochens würde ich allerdings nicht mit Bachblüten behandeln wollen, sondern in diesem Falle lieber zum Orthopäden gehen, und bei Karies zum Zahnarzt.

Sprache beheimatet uns so sehr wie uns Beziehungen beheimaten. Und was ist mit der Freiheit? Als Gegenpol zur Beheimatung im Konkreten und Verbindlichen – nicht als Alternative dazu – suchen wir auch Freiheit, Offenheit, Grenzenlosigkeit, das Hineinfallen ins Absurde, Sinnlose, Mystische, die Leere. Sprache bindet und fesselt uns, weil sie fasziniert, aber sie kann auch auf die Freiheit verweisen.

Wolf Sugata Schneider Jg. 52.
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Kontakt: schneider@connection.de
Workshops und Seminare auf www.bewusstseinserheiterung.info


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