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Ausgabe Januar 2019
Ich und die anderen ... von Wolf Sugata Schneider


Heute beginnt der Rest meines Lebens. Nie wieder werde ich so jung sein wie heute. Heute? Ja, heute. Ich? Ja, ich. Und das impliziert euch alle, die anderen. Alle, mit denen ich zu tun habe oder hatte und haben werde. Alle, die meine Gestalt mitkreiert haben und alle, auf die ich eingewirkt habe, denn ich bin keine Insel. Ich bin mit allen anderen und allem anderen verwoben und verbunden. Wenn ich etwas für mich tue, dann tue ich es also auch für euch. Für wen genau? Das eben ist die Frage. Es ist dieselbe Frage wie die nach mir.
Wer wir sind, wir Ichs – deines, meines und das der anderen –, ist das A & O in Philosophie, Spiritualität und dem ganzen sozialen Geschehen. Allerseits Kopfnicken. Wir sind die Mitte der Welt. Ich und du und auch alle anderen. Jeder wahrnehmende Organismus ist für sich die Mitte der Welt, und wenn dieser Organismus den, der da wahrnimmt und erkennt, zu erkennen sucht, ist er das Objekt dieses Suchens nach Erkenntnis. Gelingt dies, würde man es Selbsterkenntnis nennen. Dabei ist der Erkennende Subjekt und Objekt zugleich. Und schließlich ist er auch das, was da beschimpft wird, wenn es wieder mal gegen das Ego geht. Oder ist »das wahre Ich« eigentlich das, was vom Ego behindert wird? Dann würde es kompliziert, denn dann gäbe es ja einerseits einen zu beschimpfenden Teil »von mir« und andererseits einen »wahren« und guten – welcome back im Dualismus.

Der blinde Fleck in mir
Sagen wir besser, das Ego ist der Teil von mir, den ich mir gerade nicht anschauen will. Der Teil von mir, den ich vielleicht gerade nicht sehen kann oder nicht sehen will, weil er von mir aus gesehen im Schatten liegt. Für andere mag er gut sichtbar sein. Es ist der blinde Fleck in mir.
Das Ich ist jedenfalls die Struktur oder Gestalt, die ich für »mich selbst« halte, also ein Gewebe oder Konstrukt aus Überzeugungen, die mir andere verpasst haben oder ich selbst mir eingebildet habe. Wahrscheinlich beides, ein Produkt aus beidem. Dann würde der Anspruch, das Ego zu überwinden, schlicht bedeuten, dass ich mir meine Schattenbereiche anschauen sollte, sie ins Licht bringen, mein Bewusstsein darauf richten. Nichts an mir ist grundsätzlich schlecht, das finde ich einen viel besseren Ausgangspunkt als die Idee einer Erbsünde. Dann braucht es 'nur noch' den Blick auf alles das, was irgendwie zu mir gehört: meine Eigenschaften, meine Taten, die Auswirkungen meiner Taten auf andere und die Übernahme von Verantwortung dafür. Ohne Schuldgefühle. Dann ist Schluss mit der Selbstbezichtigung und auch der Egodiffamierung, und der Weg ist frei für die Selbstliebe.

Sorge gut für dich selbst
Neuerdings ist in körpertherapeutischen und tantrischen Kreisen viel die Rede von der Fähigkeit, gut für sich selbst sorgen zu können. Wer das tut, wird gelobt. Der Konsens scheint dabei zu sein, dass Menschen, die gut für sich selbst sorgen, weniger böse sind im Umgang mit anderen. Das mag so sein. Allerdings ist es gar nicht so leicht zu unterscheiden, wann ein gutes Sorgen für sich selbst dazu übergeht, dabei die Bedürfnisse anderer zu ignorieren oder andere sogar zu schädigen. Da sind wir wieder beim Thema des Egoismus. Darf ich so sehr mich selbst gegenüber anderen bevorzugend für mich sorgen? Oder sollte ich doch lieber mehr für andere sorgen, aus Liebe und Mitgefühl? Nein, es geht nur beides, sagen die Weisen, und auch unsere eigene Lebenserfahrung sagt uns das. Denn wir sind miteinander verbunden. Das eine geht nicht ohne das andere. Es ist sogar so, dass das Ich ein Gewebe aus all den Wirs ist, denen ich zugehöre, mich zugehörig fühle oder mit denen ich mich identifiziere. Sobald das Ich nicht mehr als etwas Festes und Isoliertes verstanden wird, öffnet sich der Himmel zum Rest des Universums, zu alledem, was außer mir noch da ist in der Welt. Dann wird alles leichter. Ich bin keine Insel und auch du nicht. Niemand ist eine Insel.

Tu Gutes – für dich und die Gesellschaft
Ende November besuchte ich den von der Identity Foundation nun zum fünften Mal veranstalteten Kongress »Wissenschaft und Meditation« in Berlin, der dort wieder im dbb-Center in der noblen Friedrichstraße stattfand. Wieder mit großem Erfolg bei Teilnehmern, Referenten und Rezensenten, war er auch diesmal wochenlang vorher ausgebucht. Er führte die Themen Achtsamkeit, Meditation und den Selbstoptimierungswahn mainstreamnah behutsam zusammen. Die Teilnehmer waren zu mehr als 90 Prozent Profis aus dem Gesundheitsbereich, also Multiplikatoren in diesem wichtigen und sehr reformbedürftigen Teil unserer Gesellschaft.

Für mich waren die Highlights die Vorträge von Ariadne von Schirach, wie sie da lebendig, witzig und punktgenau den Zeitgeist traf, mal eher zärtlich, mal mehr ironisch; und Gert Scobel, der eine Art Brandrede an die mindvollen Meditierer hielt, doch endlich die Essenz des Buddha ernst zu nehmen – sie selbst zu sein anstatt 'Buddhisten' zu sein, und nicht in ihrer Bequemlichkeit zu versacken oder im Nachahmen von irgendwem oder irgendwas. Außerdem fiel Friederike Boissevain auf, die Palliative-Care-Pfleger ausbildet und auf eine sehr praxisnahe, ungeschönte Weise auf das Herannahen des Todes hinwies; sei es der Tod uns Nahestehender, in den wir sie vielleicht begleiten, oder der eigene, auf den wir uns vorbereiten.

Rumgeeier ums Ego
Leicht genervt war ich wieder mal über das Rumgeeier ums Ego, dem auch dieser Kongress frönte. Diese Nuss zu knacken, dazu ist der Zeitgeist offenbar noch nicht bereit. Es gab hierzu viele kluge Annäherungen auf hohem Niveau, aber keinen (außer vielleicht Gert Scobel; ich habe allerdings nicht alle Redner gehört), der dieses phantastische Gebilde unserer sozial entstandenen Ich-Identität in seiner Tatsächlichkeit durchleuchtete, ohne dabei wenigstens ein bisschen zu moralisieren. Es scheint in den spirituellen Szenen bis hin zu den modernen Mainstream-Meditierern einen Konsens zu geben, dass das Ego schlecht ist. Basta. Das Bekenntnis zur Schlechtigkeit dieses sozialen Gebildes, auch wenn es nur hauchzart ironisierend angedeutet wird, gehört da einfach zum guten Ton, sonst ist man »noch unbewusst«, will sagen: noch nicht spirituell.

Ohne euch ginge das nicht
Habe ich mit diesem Artikel etwas für mich getan? Zweifellos habe ich das. Wie immer beim Schreiben, ist mir auch diesmal dabei einiges klar geworden. Ich schreibe, um innere Klarheit zu gewinnen. Und da ich – also dieses Gewebe aus dir, mir und all den anderen, die da aufeinander einwirken – da ich durch dieses Gewebe mit euch und allen anderen verbunden bin, ist dieses Schreiben ein kollektiver Klärungsprozess. Ohne euch Leser könnte ich mich diesem Selbsterkenntnisprozess nicht so intensiv widmen. Es hängt eben alles mit allem zusammen. Unsere individuellen Entscheidungen und Entwicklungen sind immer auch soziale, kollektive.

Wolf Sugata Schneider Jg. 52.
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de


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