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Beitragsreihe 2018 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Oxytocin - Unsere Bindungsfähigkeit


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H. Schäfer: Worum geht es heute?
Andreas Krüger: Heute möchte ich über ein Mittel sprechen, das in meiner Arbeit das Thema Beziehungen betrifft. Dabei meine ich nicht nur Beziehungen, die Menschen zueinander haben, sondern auch die Beziehung, die Menschen zum Leben an sich haben. Das ist eine entscheidende Frage, denn alleine mit klassischer Repetitionsarbeit kommt man so gut wie nie auf dieses Mittel, weil es noch relativ ungeprüft und unbekannt ist. Aber wenn man die Grundthemen dieses Mittels kennt, erkennt man es bei jedem dritten Patienten und gibt es dann alleine oder in einer Kombination mit anderen Mitteln, um diese Qualität, für die dieses Hormon steht – die Fähigkeit, sich auf einer guten und gesunden Art und Weise zu binden – ermöglicht bzw. geheilt wird.

Was ist eigentlich Oxytocin?
Oxytocin ist ein im Gehirn produziertes Hormon, das unter anderem eine wichtige Bedeutung beim Geburtsprozess hat, bei dem es die Gebärmutter dazu bringt, sich zusammen zu ziehen und damit die Wehen auslöst. Zudem stimuliert Oxytocin die Brustdrüsen zur Abgabe von Milch. Oxytocin ist dafür da, dass wir uns letztendlich „ent-binden“ – es ist bemerkenswert, wie die deutsche Sprache Dinge metaphorisch erklärt – andererseits dient es auch der Bindung dadurch, dass es unser Stillhormon ist. Aber wenn wir gestillt werden, sind wir ja schon Entbundene. Man weiß aus Untersuchungen, dass Kinder, die sehr lange gestillt werden von Müttern, die die Bindung möglichst lange aufrecht erhalten möchten – ich kenne das ein bisschen aus meiner Waldorf-Erfahrung „Abstillen vor Einschulung“ – später große Schwierigkeiten haben, sich in Liebesbeziehungen zu binden, weil ihr Beziehungsplatz noch durch die Mutter besetzt ist. Sie hat sie zwar physisch entbunden, aber dann durch das lange Stillen an sich gebunden. Man sollte wissen, dass Menschen, die sehr lange gestillt wurden und Schwierigkeiten haben, sich auf Bindungen außerhalb der Mutterbindung einzulassen, Oxytocin ein wichtiges Mittel ist.

Und wie kommt man auf Oxytocin?
Mein Lehrer Jürgen Becker hat gesagt: Ein Homöopath muss keine Mittel suchen, er muss warten, dass das Mittel ihn findet. Wenn jemand zu einem kommt, dann ist seine Seele zutiefst kontaktbereit und diese Seele wird teilweise wörtlich auf das Mittel hinweisen. Der Homöopath muss lauschen nicht suchen. Wenn er fragt, wann die Beschwerden angefangen haben und der Patient sagt: „von Geburt an“ oder „von meiner ersten Lebenswoche“ dann Oxytocin. Auch bei Wochenbettdepressionen, wo es auch um Bindung oder Nicht-Bindung geht. In der prozessorientierten Homöopathie sollte man immer nach dem Thema gucken, das der Mensch hat. Oxytocin ist das Mittel für das Thema Bindung – zu viel und zu wenig. In der Homöopathie haben die Mittel ja meistens beide Pole. Es gibt den Hypotonpol, wo es zu dem Thema zu wenig gibt und den Hypertonpol, wo es zu viel gibt. Meistens bedingen sich die Pole.
Im Schamanismus gibt es das Cort-cutting. Dabei stellt sich der Schamane vor, dass viele Bänder aus dem Patienten herausgehen – meist aus dem Nabel, was ja wieder zu der Entbindung passt – und mit diesen Bändern ist er mit früheren Traumata verbunden. Der Patient stößt diese Bänder aus und der Schamane packt sie, zieht sie heraus und schneidet sie ab. Das Cort-cutting ist im Engel-Wolf-Schamanismus bei uns eines der zentralen Methoden, denn erst wenn jemand von solchen Bändern wirklich frei ist, kann man therapeutisch mit ihm darüber arbeiten, was er selbst ist.

Oxytocin kann also solche Bänder lösen?
Ja und andererseits ist Oxytocin ein Mittel für Menschen, die aus einer tiefen Bindungsschwäche heraus Bindungen überhaupt nicht zulassen. Ich hatte Frauen in meiner Praxis, die meinten, es sei gesünder, ein Mal im Jahr abzutreiben als zu verhüten. Aber wenn ich mehrmals im Jahr abtreibe, dann muss mit mir, mit dem Thema Bindung etwas nicht stimmen. Wenn ich aktiv verhüte, dann entscheide ich mich gegen eine Bindung. Aber wenn ich lieber abtreibe, entscheide ich mich für eine Bindung, die ich dann doch nicht eingehe.

Es gibt ein Buch „Oxytocin in der Praxis – die endlose Suche nach Mutterliebe“ von Danièle Joulin und Deborah Collins. Sie beschreiben einen Fall von einer Frau, die 15 Mal abgetrieben hatte. Als sie einen schweren Zahn-abszess bekam, haben die Homöopathen anhand dieses Wissens über die vielen Abtreibungen, die ein Hinweis auf eine Bindungsproblematik sein konnte, Oxytocin in einer Potenz von 10.000 gegeben und der Zahnabszess verschwand innerhalb von 24 Stunden. Wann immer wir Menschen haben, die ein Bindungsproblem haben – entweder zu viel verbunden sind oder sich nie binden konnten – immer an Oxytocin denken.

Haben Sie eigene persönliche Erfahrungen?
Wir kennen alle das Gefühl, vor vollen Tellern zu verhungern. Viele können sich nicht mit der Reichhaltigkeit verbinden. Ich bin ja ein Didaktiker des Lobes: Ich lobe Menschen gerne und gucke gerne von der richtigen Richtung. Ich glaube, dass Wertschätzung Wunder vollbringt. Normalerweise funktioniert das, aber bei den Oxytocin-Patienten funktioniert es nicht, weil sie eine chronische Bindungsschwäche haben. Ich gebe Menschen, die nicht in der Lage sind, sich mit dem positiven Dingen des Lebens zu verbinden, Oxytocin als homöopathisches Mittel. Und dann kann ich ihnen ihre persönlichen Fähigkeiten spiegeln, zu denen sie davor keinen Zugang hatten. Ich bin ja als Doppel-Krebs der perfekte Spiegel – Mond live, silbrig spiegelndes Mondlicht. Menschen mit einer Oxytocin-Störung sind entweder überbunden durch die mütterliche Energie, die nicht loslässt oder haben keinen Bindungskontakt aufgebaut. Ich hatte mal eine Patientin, deren Mutter ihr nie gesagt hat, dass sie sie liebt und sie konnte dadurch auch nicht selbst sagen, dass sie jemanden liebt. Wenn jemand zu ihr sagte, dass er sie liebt, hörte sie es, aber sie konnte es nicht spüren.

Welche Ihrer Schüler haben es leicht, gute Heilpraktiker zu werden und welche haben es schwer?
Es gibt Schüler, die ich begeistern konnte und deren Eigenschaften ich unterstützen konnte – die, die es mir geglaubt haben, stehen heute auf der Bühne. Das, was ich ihnen gesagt hatte, kam an. Er war in Verbindung. Und es gab andere, bei denen kam es nicht an. Meine erfolgreichen Schüler haben die Fähigkeit, mir zu glauben, was ich glaube. Glauben verlangt Bindung. Ohne Bindung kein Glauben.. Deswegen ist Oxytotin ein wichtiges Mittel, um uns zu glauben und denen zu glauben, die an uns glauben.

Fazit:
Mögen alle Menschen verbunden sein, mögen alle Menschen ein Gewahrsein von Verbundenheit haben.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst. Mehr über ihn unter: andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag